Ludwigshafen Alpenidylle vor dem globalen Kollaps

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Ein Literaturfestival wie „lesen.hören9“, das gerade in Mannheim stattfindet, wird vor allem durch gegensätzliche Veranstaltungen interessant. Die gab es in Form eine Lesung mit dem Österreicher Robert Seethaler, Autor von „Ein ganzes Leben“, und einer Diskussion zwischen Schriftstellerin Karen Duve und Gregor Gysi, Fraktionschef der Partei Die Linke.

Klassische Lesungen, bei denen ein Autor an einem Tisch sitzt und Passagen aus seinem Buch liest, sind bei „lesen.hören9“ eher selten. Doch im Fall von Robert Seethaler mit seiner charismatischen Stimme bietet es sich geradezu an. Sein Roman „Ein ganzes Leben“ beschreibt anhand einiger eindrücklicher Szenen das Leben eines Mannes in einem Bergdorf. Vier Jahre alt ist Andreas Eggert, als er in das Dorf kommt. Die raue Bergwelt fasziniert ihn, wird sein Zuhause. Das Dorf verlässt Eggert nur, als er im Zweiten Weltkrieg kämpft und um beim Bau einer Seilbahn zu helfen. Mit ihr zieht sukzessive die Moderne ein, der sich auch Eggert nicht entziehen kann – obwohl er sich bis zuletzt weigert, einen Fernseher anzuschaffen. Es ist eine stille Geschichte, entschleunigt und trotzdem von einer großen Kraft getragen. Die kommt vor allem durch Robert Seethalers Stimme zum Vorschein. Der Roman des Österreichers kann durchaus als ein Gegenentwurf zur Globalisierung verstanden werden. Auch deshalb stand diese Lesung im Gegensatz zur lebhaften Diskussion zwischen Schriftstellerin Karen Duve und Linken-Fraktionschef Gregor Gysi am Folgetag. Duves Streitschrift „Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopaten uns um die Zukunft bringen“ setzt sich provokant und laut mit der Globalisierung auseinander. Normalerweise finden die Veranstaltungen des Literaturfests in der Alten Feuerwache statt. Für das Gespräch zwischen Duve und Gysi war aus Platzgründen der Vortragsraum des Technoseums gewählt wurden. „Die Feuerwache gefällt mir allerdings besser“ konnte sich Gysi nicht verkneifen. Trotzdem lief der Politiker zur Hochform auf und erfreute seine Zuhörer mit allerlei rhetorischen Spitzen und witzigen Bemerkungen. Gregor Gysi verschanzt sich nicht hinter komplizierten Worthülsen, das kommt an. Doch zunächst beantwortete Karen Duve die Fragen von Jenny Friedrich-Freska, der Chefredakteurin der Zeitschrift „Kulturrausch“. Wirtschaftsbossen geht es um Gewinnmaximierung, Politikern um die Wiederwahl. Deshalb besteht kein Interesse etwas für die Allgemeinheit zu tun. Deshalb schreitet der Klimawandel weiter voran, nimmt die Armut zu, werden Kriege geführt. „Wenn sich nichts ändert, steuern wir auf eine Katastrophe zu“, betonte Duve. Für sie sind Frauen die besseren Menschen, deshalb sei die Frauenquote unbedingt erforderlich. Da widersprach Gregor Gysi nicht – überhaupt waren sich beide ziemlich einig an diesem Abend. Man brauche mehr Frauen in Politik und Wirtschaft, bekräftige der Politiker. Frauen hätten eine andere, meist moralischere Herangehensweise. Duves Sicht auf die Zukunft ist eher pessimistisch, auch darin gab ihr Gregor Gysi Recht. Denn wirklich etwas ändern würden die Eliten erst, wenn sie durch den Status quo selbst negativ betroffen sind. Beispiel Klimawandel: „Davon merkt man bei uns in Deutschland noch kaum etwas. Deshalb wird da auch nicht besonders viel passieren“, schätzt der Fraktionschef der Linken. Ein Anstoß zur Veränderung erfolgt laut Gysi am besten über den Zeitgeist. „Wenn der sich verändert, dann setzt der Wandel ein.“ Und provokante Schriften wie die von Karin Duve trügen dazu bei.

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