Ludwigshafen „Alles Negative in einem Wort vereint“

Grünen-Politiker, Musiker, Sinti – all dies vereint Romeo Franz in seiner Person. Auf seine Wurzeln ist er stolz, gern spricht er über die Kultur der deutschen Sinti, in der er aufgewachsen ist und die er mit seiner Musik verkörpert. Selbstverständlich ist das nicht. Viele Sinti- und Roma-Familien hätten Angst davor, ihre ethnische Zugehörigkeit offen kundzutun, sagt Franz. „Sehr viele Sinti und Roma, insbesondere, wenn sie eine gewisse gesellschaftliche Position haben, möchten auf keinen Fall geoutet werden.“ Aus diesem Grund sei es auch schwierig, gesicherte Daten über die Größe der Gemeinde zu erhalten. Laut Franz leben in Rheinland-Pfalz schätzungsweise 6000 bis 8000 Roma, davon „einige Sinti-Familien“ in Ludwigshafen. Als Grund für die Angst sieht Franz einen in Deutschland „sehr stark verankerten latenten Rassismus“, der zahlreiche Vorurteile hervorbringe. Zu groß sei dadurch die Angst vieler Familien, aus der Gesellschaft ausgegrenzt und als „Zigeuner“ beschimpft zu werden. Für Franz ist das ein Ausdruck, der nichts anderem als der Stigmatisierung dient: „Dieser Stereotyp vereint seit jeher alles Negative in sich, das genutzt wurde, um Menschen aus der Gesellschaft auszugrenzen.“ Die Vorurteile und Klischees, die diesem abwertenden Sammelbegriff anhafteten, würden dabei weit über die ethnische Zugehörigkeit hinausgehen. „Ein ,Zigeuner’ kann jeder werden. Dazu muss er kein Sinti oder Roma sein“, sagt der Grünen-Politiker. „Schwarze Haare, braune Augen, dunkler Teint, ein langer bunter Rock, dazu ein Verhalten, das nicht gesellschaftskonform ist – schon wird man zum ,Zigeuner’.“ Ein aktuelles Beispiel dafür sei die Debatte über Armutszuwanderung in Europa, sagt Franz: „Sinti, die seit 600 Jahren in Deutschland leben, sind plötzlich Armutszuwanderer.“ Der Musiker zeigt sich vor allem verärgert über eine mangelnde Aufklärung in der Gesellschaft, die sich auch in der medialen Berichterstattung widerspiegele. „Wenn beispielsweise über ,Sinti und Roma vom Balkan’ geschrieben wird, ist das schlichtweg falsch. Es gibt nämlich keine Sinti im Balkangebiet.“ Die mangelhafte Aufklärung in der Gesellschaft zeige sich auch am oft verwendeten Doppelbegriff „Sinti und Roma“, der in dieser Form nur in Deutschland existiere. Der Ausdruck werde im alltäglichen Sprachgebrauch genutzt, um das Wort „Zigeuner“ zu ersetzen. Zwar umgehe man damit dann ein diskriminierendes Schimpfwort, „es wird dabei jedoch verkannt, was eigentlich hinter dem Begriff ,Sinti und Roma’ steckt“, gibt Franz zu bedenken. „Es findet keine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen kulturellen Aspekten der einzelnen Gruppen statt.“ Die Doppelnennung „Sinti und Roma“ werde deshalb oft unreflektiert genutzt: „Sie werden zu einer Gruppe von Menschen, die durch Europa rotieren.“ Dabei seien Sinti und Roma seit Jahrhunderten in ihren Herkunftsländern verwurzelt. In Armenien etwa lebten Roma bereits seit dem elften Jahrhundert und gehörten damit laut Franz zu den ältesten dort lebenden Volksgruppen. Deutsche Sinti blickten auf eine 600-jährige Geschichte zurück. Auch könne man die kulturellen Aspekte nicht verallgemeinern. „Die Roma in den jeweiligen Ländern haben wahrscheinlich mit der Kultur der Mehrheitsgesellschaft mehr gemein als die Roma in ganz Europa untereinander“, sagt Franz. Romeo Franz selbst stammt von preußischen Sinti ab. Seinen Stammbaum kann er bis 1720 zurückverfolgen. Dabei lernt er immer wieder Neues über seine eigene Familiengeschichte. Erst vor Kurzem entdeckten er und sein Vater einen Zeitungsartikel, in dem von einer 1892 im saarländischen Merzig beigesetzten jungen Frau die Rede war. Franz erkannte den Familiennamen seines Ururgroßvaters wieder. Seine Nachforschungen ergaben, dass es sich bei der jungen Frau um dessen erste Ehefrau handelte, die im Kindsbett verstorben war. Ein weiteres Stück Familiengeschichte aufgedeckt zu haben, freut Franz: „Das ist immer eine sehr schöne Möglichkeit, in die Vergangenheit zurückzublicken.“ Die Vergangenheit dürfe auch im öffentlichen Diskurs nicht in Vergessenheit geraten – vor allem ihre dunkle Seite nicht. „Nur etwa zehn Prozent der deutschen Sinti haben den Holocaust überlebt. Es dauerte bis in die 80er Jahre, bis der Völkermord an den Sinti und Roma in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelang“, sagt der Musiker.