Ludwigshafen „Alle akzeptieren“

Liborio Ciccarello hat zum Gespräch in seine Wohnung im Stadtteil Süd eingeladen. Er empfängt den Gast mit einem frisch gepressten Orangen-Grapefruitsaft – Früchte aus Italien, aus dem Land, in dem Ciccarellos familiäre Wurzeln liegen. Und welcher Weg hat in die hiesige Kommunalpolitik geführt? „Ich habe schon in der Pubertät angefangen, links zu denken“, sagt Ciccarello, auf dem Sofa sitzend. Er habe sich damals gefragt, welche Gesellschaftsform ihm gefällt. Eine, bei der alle Menschen möglichst gleich seien. „Letztlich geht es darum, dass man alle akzeptiert“, präzisiert er. Als er in der neunten Klasse ein Referat über eine Partei halten sollte, habe er eine erfinden müssen. Denn keine der existierenden passte zu seinen Ideen. Nachdem er zunächst bei der SPD, aber „dort nie zu Hause“ war, wurde er 2008 Mitglied der Linken. Ciccarello pausiert kurz und überlegt, bevor er eine Frage beantwortet. „Wir sind für eine andere Grundhaltung den Bürgern gegenüber“, sagt er und fordert mehr Mitbestimmung. Auf die neue Internetplattform von Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck („Hol die OB“) angesprochen, sagt er: „Das ist okay. Aber es muss noch weiter gehen.“ Er könne sich vorstellen, Bürger in einzelnen Bereichen darüber abstimmen zu lassen, wofür die Stadt Geld einsetzt. „Vielleicht wäre das ein Rezept gegen Politikverdruss.“ Das ist das Stichwort, um auf die AfD zu sprechen zu kommen, die voraussichtlich in den Stadtrat einziehen wird. „Wir hatten ja schon rechte Parteien im Stadtrat“, sagt Ciccarello und ergänzt: „Das waren Luftpumpen.“ Mit der AfD wolle er sich „sachlich auseinandersetzen“. „Wir brauchen einen sozialökologischen Umbruch“, sagt der 47-Jährige. Dazu gehöre zum Beispiel ein Öffentlicher Personennahverkehr zum Nulltarif – oder zumindest ermäßigt für Menschen ohne Einkommen. Das käme auch der Umwelt und dem Stadtbild zugute. Neu ist die Idee nicht. Aber wie zu finanzieren? Durch Ersparnisse beim Straßenbau und -unterhalt, nennt Ciccarello ein Beispiel. Die Linke fordert den Bau weiterer Sozialwohnungen und die Einführung einer Sozialquote. Nicht nur, um Wohnraum für Suchende zu schaffen, auch für eine soziale Durchmischung. Im Bereich Bildung setzt sich die Linke laut Ciccarello für gute Angebote in der Ganztags- und Hausaufgabenbetreuung ein. Als Mitglied des Beirats für Migration und Integration engagiert er sich auch für ausländische Mitbürger. „Niemand sagt etwas gegen die Putzfrauen oder Gastronomiemitarbeiter. Aber sobald die Menschen scheinbar überholt werden, haben sie Angst“, schildert er eine Grundstimmung. Mehr Zufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation führe zu einem offeneren Umgang mit den Mitmenschen, auch mit Migranten, so seine Theorie. Auf die Innenstadt und Ideen für deren Zukunft angesprochen, sagt der Linken-Politiker: „Das ist schwierig.“ Er sei weder Stadtplaner noch Architekt. „Ich beanspruche auch nicht, für alles eine Lösung zu haben. Das wäre anmaßend.“ Dann, nach kurzem Überlegen, formuliert er doch einige Vorstellungen. Seiner Meinung nach müssten mehr soziale Einrichtungen und Angebote in die City kommen. Als Beispiele nennt der 47-Jährige ein Frauen- oder auch Eltern-Kind-Café. Auch die Ansiedlung von Dienstleistungen in der Stadt findet den Zuspruch der Linken. Für die freie Fläche auf dem Berliner Platz, derzeit „Metropol“-Baustelle, regt er ein interaktives Chemie-Museum an. Kostenloses WLAN und Spielmöglichkeiten für Kinder würden die Aufenthaltsqualität in der Stadt erhöhen. Mit welchem Personal die Linke all das angehen möchte, entscheidet sich Ende Januar. Für dann ist die Listenaufstellung für die Kommunalwahl und auch die Entscheidung für einen Spitzenkandidaten angesetzt. Die Linke gehört zu den Oppositionsparteien im Stadtrat. „Die große Koalition bügelt alles glatt“, kritisiert Ciccarello. Seine Fraktion fühle sich nicht ernst genommen. Ob er sich eine Koalition vorstellen könnte? „Wenn die SPD bereit wäre, linke Positionen zu vertreten, dann schon.“ Das Gespräch auf dem Sofa in Süd neigt sich dem Ende zu. Bleibt, warum er auf die Frage nach seinem Lieblingsort seine Wohnung vorgeschlagen hat. „Hier fühle ich mich am wohlsten.“ Hier könne er ein Buch lesen oder Hausaufgaben mit seinen Kindern machen. „Und wenn ich nachdenken muss, gehe ich eine Runde, 20 Minuten.“ Und Ciccarello beschreibt seinen Weg durch den Stadtteil. Alle zwei Jahre fahre er nach Italien. Auf die Rückkehr freue er sich jedes Mal: „Das hier ist meine Stadt.“ Die Serie Einmal pro Woche berichten wir darüber, wie sich Parteien, Wählergruppen und ihr Spitzenpersonal vor der Kommunalwahl im Mai positionieren. Gesprächspartner nächste Woche: Rainer Metz (60, FWG).