Mannheim
Alice Hasters stellt ihr Buch „Anti Opfer“ vor
Alice Hasters kann austeilen – und einstecken. „Resilienz“, nennt sie die Erfahrung, die sie als Tochter einer afroamerikanischen Mutter und eines weißen deutschen Vaters gemacht hat. Als „Opfer“ würde sich die gebürtige Kölnerin nicht bezeichnen, und doch legt die 37-Jährige die Finger in gesellschaftliche Wunden. Ihr autobiografisches Debüt „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ wurde zum Bestseller, noch bekannter wurde sie jedoch durch einen Instagram-Post.
Am 17. Oktober 2023 verurteilte Hasters den Terrorangriff der Hamas als „zutiefst antisemitisch“, warf aber auch Israels Regierung einen Bruch des Völkerrechts vor und kritisierte „die uneingeschränkte Solidarisierung“ anderer Länder mit Israel. Es habe den Anschein, dass man in der deutschen Gesellschaft „nur bereit (sei), Antisemitismus durch die Verbreitung von antimuslimischem und palästinensischem Rassismus zu bekämpfen“, schrieb sie. Köpfe rollten, nämlich der von der Integrationsstaatssekretärin Marjam Samadzade aus Schleswig-Holstein, die den Post zustimmend „teilte“, um dann vorzeitig selbst ihren Posten zu räumen.
Anti-Wokeness-Welle
Ein Bauern-Opfer? Im Gespräch mit der Journalistin Hadija Haruna-Oelker geht es um viel mehr. Nämlich darum, sich diesem vielschichtigen und undurchsichtigen Begriff zu nähern. Für Hasters ist Opfer der Marker, „wo Gerechtigkeit aufhört und Unrecht beginnt“. „Es ist weniger Haltung als eine Tatsache und eine Stimme, die Gehör finden muss, und eine diverse Gesellschaft voranbringen kann.“ In den 2010er Jahren hatte sie das Gefühl, dass die Gesellschaft sich öffnet und marginalisierten Menschen zuhört. Die vergangenen Jahre aber seien geprägt von einer Anti-Wokeness-Welle, von einer angeblich „verweichlichten Hafermilch-Gesellschaft“, wie Markus Lanz sagte. Und von einer Rolle rückwärts, von der Opfer- zur Anti-Opfer-Gesellschaft.
„Du Opfer!“, heißt es schon auf Schulhöfen. Wer Schwäche zeigt, ist selbst schuld und uncool. Ansprüche von sogenannten Randgruppen, ob LGBTQ, People of Color, Juden bis hin zu Opfern sexualisierter Gewalt werden oft als „Viktimismus“, als Überhöhung oder Übertreibung wahrgenommen – und gegeneinander ausgespielt. „Die schon wieder, was wollen die noch? Können die sich mal nicht so anstellen und jammern?“, heißt es dann augenrollend. Im Kampf um Aufmerksamkeit würden die laut Leidenden die stillen und „echten“ Opfer übertönen. Wie aber hat sich ein Opfer zu verhalten?
Ironischer Unterton
In ihrem Buch „Anti Opfer: Warum wir Verletzlichkeit verachten“ spricht Hasters nicht ohne ironischen Unterton von den „wahren Opfern“. Also jene, die gesellschaftlich anerkannt sind, die sich ruhig verhalten und niemanden mit ihrem Leid „belästigen“. Wie Gisèle Pelicot, die als Ikone im Kampf gegen sexualisierte Gewalt an Frauen gesehen wird. „Was aber wäre, wenn sie nicht so eine Stärke gezeigt hätte, sondern jeden Tag fluchend, rauchend und schlecht gelaunt vor die Kameras getreten wäre? Was, wenn sie ihre Tränen nicht zurückgehalten hätte und keine so guten Statements abgegeben hätte? Das Leid wäre doch das gleiche, aber die Sympathie der Öffentlichkeit wäre mit Sicherheit eine andere“, sagt Hasters.
Bestes Gegenbeispiel: der Fall Collien Fernandes. Die frühere Viva-Moderatorin machte die Anzeige gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen wegen digitaler Vergewaltigung und häuslicher Gewalt publik. Doch im Netz hagelt es Vorwürfe, sie bräuchte Aufmerksamkeit und sei Teil eines Plans zur gesetzlichen Klarnamen- bzw. Identifikationspflicht im Internet. „Das Leid wird einfach weggewischt“, so Haruna-Oelker. Auch bei Friedrich Merz’ „Stadtbild“-Kommentar würden „die Töchter“ als vulnerable und zu schützende Gruppe vorgeschoben.
Kein Mitleid, sondern Mitgefühl
Womit Hasters beim Begriff der „Anti-Opfer“ wäre: laut ihrer Definition „eine Person, die sich aufgrund ihrer gesellschaftlichen Dominanz als viktimisiert betrachtet, wenn Menschen Anspruch auf Gerechtigkeit stellen“ – die sich also angegriffen fühlen, wenn Opfer aus ihrer vorgeschrieben, demütigen und unterwürfigen Rolle heraustreten. Wie Schwarze Menschen, spätestens seit dem Sklaven-Roman „Onkel Toms Hütte“ die „guten Opfer“ sind. Warum ist Martin Luther King bei weißen Menschen höher angesehen als Malcom X oder die Black Panther. Weil er sich an die Spielregeln hielt? Auch für Haruna-Oelker wäre es ein Anliegen, dass „Schwarz sein“ nicht mit „Opfer sein“ gleichgestellt wird. „Ich will kein Mitleid, sondern Mitgefühl“, benennt sie eine wichtige Sollbruchstelle.