Ludwigshafen „Ahoi“ statt Tanz in den Mai

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Die Samstagsreportage: Nach der Fasnacht ist vor der Fasnacht – das gilt zumindest für die Karnevalsvereine. Um das Nachwuchsproblem in der Bütt anzugehen, haben sich die Karnevalisten etwas einfallen lassen und baten am Donnerstag zum großen Narren-Casting.

Das „Wohnzimmer“-Studio der RPR1-Sendezentrale ist ein gemütlich ausgestatteter Raum mit gepolsterten Sitzbänken unter den Fenstern, einer kleinen Bühne, auf der ein braunes Ledersofa steht, und Platz für rund 50 Zuschauer. Normalerweise treten hier Musiker und Comedians auf. In der Region tanzen die Menschen eigentlich gerade in den Mai – nichts lässt einen an Fasnacht denken. Doch wird das Publikum im zum Bersten vollen „Wohnzimmer“ nicht nur einmal in spontanes Massenschunkeln ausbrechen oder „Ahoi“ rufen. Der „Große Rat“ der Ludwigshafener Karnevalsvereine hat mit Radio RPR, dem städtischen Marketing-Verein sowie mit der Ludwigshafener Wohnungsbaugesellschaft GAG und ICL zum Casting für Büttenredner und Gesangstalente geladen. 14 Wortkünstler und zwei Sänger traten in zwei Alterskategorien gegeneinander an. Die Sänger jedoch, da sich in beiden Kategorien nur jeweils ein Gesangstalent angemeldet hatte, waren ohne Konkurrenz. Die zwölfjährige Vanessa Zimmermann vom Karnevalverein KVW Waldfischbach forderte frei nach Neue-Deutsche-Welle-Legende Markus: „Ich will Spaß“. Gerold Steiner Sauer (26) hingegen präsentierte selbst geschriebene Pfälzer Mundart. Es ging um Themen, die die Welt bewegen wie das samstägliche Straßenkehren oder „Sex im Wingert“. Den Anfang bei den Nachwuchsbüttenrednern bis 16 Jahre machten zwei der jüngsten Teilnehmer, die in die Rolle eines alten Ehepaares schlüpften. Angestrengt und schwer schnaufend betrat der zehnjährige „Opa“ Janik Melzer den Raum und schob seinen vermeintlichen Bierbauch in Richtung Bühne. Gehstock, Schiebermütze, Hosenträger – das Kostüm war perfekt. „Jana, seit du dei neies Hüftgelenk hoschd, werschd immer langsamer“, rief er seiner „Ehefrau“ zu, die sich mit einem winzigen Rollator hinter ihm abmühte. Auch die achtjährige Jana Scheurer überzeugte in ihrer Verkleidung samt Perücke, Perlenkette und aufgemalten Falten. Die beiden kleinen „Alten“ lieferten sich ein scharfzüngiges Wortduell über die Herausforderungen ihres vermeintlich langen Ehelebens. Am Ende ihres Auftritts wurden die beiden Greise von ihrer Altersschwäche geheilt und verließen wild tanzend und Krückstock und Rollator schwingend die Bühne. Das Publikum belohnte den Auftritt mit tosendem Applaus, und auch die fünfköpfige Jury konnten Jana und Janik überzeugen: Sie gingen in ihrer Kategorie unter den insgesamt sechs Teilnehmern als Sieger hervor. Zweiter wurde der 15-Jährige Jeremie Penske vom FC Bächel Wachenheim, der nach seinem Auftritt spontan-geschäftstüchtig selbst geschriebene Visitenkarten unter den Vertretern der Karnevalsvereine verteilte. Auf dem dritten Platz landete Elena Strahberger vom 1. KV Limburgerhof, die reimend über ihre missglückte Suche nach dem perfekten Freund erzählte. Auch in der Kategorie der 17- bis 35-Jährigen traten zwei „junge Alte“ an. Die 22-jährige Lisa Theobald und die sechs Jahre jüngere Kelly Hammer lästerten als greise „Lisbeth und Luis“ über Gott und die Welt, berichteten von der Heirat des Enkelchens – der Auserwählte komme aus dem fernen Land „Fasebuk“. Jury und Publikum fiel es, das Duo aus Böhl-Iggelheim landete auf Platz zwei. Generell handelten die Themen der Büttenreden von Alltäglichem. Die drittplatzierte Jana Müller aus Herxheim erzählte vom „Leben mit Mama“, die die 17-Jährige „fertig macht“, während Maria Vogt (22) aus Frankenthal als „Friseurin Rosie“ Dorfgeheimnisse ausplauderte. Eine andere Art Büttenrede präsentierte Alice Nägele aus Landau. Thema war die Liebe, diesmal verpackt als Slam Poetry. Anrüchig wurde es beim „Duo Inflagranti“ alias Marcel Pressler (26) und Fabian Wilhelm (22). Als Pfälzer und „Papstbär“ trieben sie dem Publikum die Lachtränen in die Augen und die Schamesröte ins Gesicht. Ob kuriose „Reformationen“ der Kirche, in der die Grünen von nun an nicht beerdigt, sondern „kompostiert“ werden oder schamloses Anbaggern des weiblichen Publikums – vor keinem Mittel scheuten die beiden zurück. Die Jury belohnte diese Leistung mit dem ersten Platz. Doch auch diejenigen, die nicht mit Urkunde und Geldpreis prämiert wurden, könnten profitieren. Eigentliches Ziel war es, den Künstlern Gelegenheit zur Darstellung ihres Talents zu bieten und so „eine Plattform zur besseren Vernetzung von Rednern, Musikern und Vereinen“ zu schaffen, wie der „Große Rat“ es ausdrückte. Viele Anfragen nach Visitenkarten lassen darauf schließen, dass dieses Vorhaben nicht ohne Erfolg blieb.

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