Gewichtheben 75 Jahre: Rainer Dörrzapf bildet beim AC Mutterstadt Nachwuchs aus
Der am 6. März 1950 in Ludwigshafen geborene Rainer Dörrzapf (AC Mutterstadt) kam 1964 nach einer überstandenen Kinderlähmung über das Ringen zum Gewichtheben, wo er mit 20 Jahren in die Weltklasse aufstieg und mit 22 Jahren bei den Olympischen Spielen 1972 in München Weltmeister im Reißen des Schwergewichts wurde. Nur acht Jahre, von 1968 bis 1976, dauerte die ungewöhnliche Karriere des Ausnahmesportlers – dann wurde er als Sportlehrer und Diplom-Bundestrainer beim Bundesverband Deutscher Gewichtheber (BVDG) Lehrmeister für andere internationale Erfolgsheber. Heute gibt er seine Erfahrungen beim AC Mutterstadt an den Nachwuchs weiter.
Dörrzapf war trotz seines anfänglichen gesundheitlichen Handicaps ein kraftstrotzender sportlicher Frühstarter. Als Schüler wurde er auf Anhieb Pfalzmeister im Ringen – doch mit 14 Jahren entdeckte er seine Leidenschaft für das Gewichtheben und wechselte zum AC Mutterstadt. Dem gehört er seit nun über sechs Jahrzehnten an und feierte mit ihm mehrere deutsche Titel als Mannschaftsmeister. Doch in der deutschen Sportelite machte sich der dreifache deutsche Jugendmeister (1966 bis 1968) eher als „Einzelkämpfer“ einen Namen.
Einstieg ins internationale Geschäft
1968 gewann er in Budapest den internationalen Donau-Cup der Junioren, den er sich auch 1970 in Lörrach sicherte, wo er obendrein Vizeweltmeister im Reißen wurde. Mit seinen damals gerade mal 18 Jahren wurde er bei den Europameisterschaften 1968 in Leningrad Achter und für die Olympischen Spiele in Mexiko-Stadt nominiert, wo er mit einer Dreikampfleistung von 435 Kilogramm im Drücken, Reißen und Stoßen den elften Platz belegte.
Doch das war erst sein Einstieg in die internationale Sonderklasse. Dörrzapf wurde 1972 ein zweites Mal für die Olympischen Spiele in München aufgestellt, wo er mit einem Körpergewicht von nur 94 Kilo in der 110-Kilo-Klasse mit 522,5 Kilo im Dreikampf den achten Platz belegte – und mit 165 Kilo im Reißen Weltmeister in dieser Gewichtsklasse wurde. Dass er Weltklasseformat hatte, bewies der bärenstarke Pfälzer und Perfektionist in der komplizierten Disziplin Reißen schon 1970 mit dem siebten WM-Platz in Columbus/USA.
Vier Weltrekorde
Zwischen 1968 und 1970 stellte Dörrzapf in Mutterstadt, Mexiko und Ludwigshafen vier Junioren-Weltrekorde im Drücken (162,5 kg) und Reißen (140, 145,5 und 147,5 kg) im Leichtschwer- und Mittelschwergewicht auf. Seine 14 deutschen Rekorde in dieser Zeit fanden im Schatten seiner großen internationalen Karriere weitaus weniger Beachtung. Eher die vier deutschen Einzelmeisterschaften zwischen 1969 und 1976.
Doch schon zu Beginn der 1970er-Jahre gab es für Dörrzapf Warnsignale seines Körpers: Immer wieder bremsten ihn Verletzungen aus, und 1976 kam – für viele etwas überraschend – das von ihm selbst terminierte Aus: Sein linkes Knie machte nicht mehr mit. „Man muss wissen, wann die Karriere zu Ende geht. Ständige Höchstleistungen kann man nicht irgendwann einmal einfach austrudeln lassen“, beschrieb Dörrzapf einmal sein damaliges Denken. 1974 bei den Europameisterschaften in Verona hatte er verletzungsbedingt aufgeben müssen – für die Olympischen Spiele 1976 konnte er sich deshalb nicht mehr qualifizieren.
Silbernes Lorbeerblatt
Doch Dörrzapf blieb seiner Sportart treu. Der gelernte Maschinenschlosser und spätere kaufmännische Angestellte bei seinem damaligen Gönner, dem Kaufhof-Chef Hans Deitert, setzte sich noch einmal auf die Schulbank, wurde über den zweiten Bildungsweg 1978 in Trier Sportlehrer und erwarb ein Jahr später an der Sporthochschule in Köln das Trainerdiplom.
Der Bundesverband Deutscher Gewichtheber (BVDG) machte sich die nationalen und internationalen Erfahrungen seines Erfolgssportlers zunutze und stellte ihn 1981 als Bundestrainer ein. Zunächst bis 2003 am Bundesleistungszentrum in Leimen/Nordbaden, dann bis zum Ruhestand 2013 am Olympiastützpunkt Heidelberg war Dörrzapf für viele Nachfolger-Talente der richtige Mann. So haben unter anderem der vierfache Olympiateilnehmer und dreifache Medaillengewinner Manfred Nerlinger (München), der Olympiadritte Martin Zawieja (Münster) und der zweifache Olympiastarter Frank Seipelt (Furtwangen) dem Mutterstadter viel zu verdanken. Das sahen auch die deutschen Sportpolitiker so und sorgten dafür, dass Dörrzapf von Bundespräsident Walter Scheel mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet wurde.