Mannheim
200 Jahre Blindenschrift: Lesen mit den Fingerspitzen
Mit 43 Jahren starb Louis Braille in Paris, der das Leben von Millionen Menschen beeinflusst hat. Mit 16 Jahren hatte er die Blindenschrift entwickelt, mit der Blinden und sehbehinderten Menschen Teilhabe ermöglicht wird.
„Wir haben schon Bücher in Blindenschrift im Bestand“, versicherte Kirsten Brodmann, Leiterin der Kinder- und Jugendbücherei im Mannheimer Dalberghaus. Es seien jedoch nicht viele. Etwas mehr seien es in der Erwachsenenbücherei, aber auch dort sei der Bestand übersichtlich. Sie freute sich daher, dass die Vorstandsmitglieder Maria Huber und Karl-Heinz Schneider ihr im Namen der Gemeinschaftsstiftung des Badischen Blinden- und Sehbehindertenvereins drei neue Tastbücher überreichten. „Wir werden gut darauf achten“, versprach Brodmann. Sehende, aber auch sehbehinderte Kinder können so mit ihren Eltern in die Welt der Menschen eintauchen, die mit Fingern lesen.
Ursprung beim Militär
Wie das funktioniert, demonstrierte Patrick Plattek, der nicht nur Geschichten in der Brailleschrift vorlas, sondern in Mitmachaktionen zeigte, wie die Schrift funktioniert, die sich der als Dreijähriger bei einem Unfall erblindete Braille ausgedacht hat. Ähnlich einem Sechser-Eierkarton, der unterschiedlich angefüllt 64 Zeichen darstellen kann.
„Ausgedacht ist nicht ganz richtig“, stellte Schneider klar. Denn einen Ursprung gab es bereits. Wie so oft lag dieser beim Militär. Ein französischer Hauptmann hatte eine „Nachtschrift“ erfunden, mit der Befehle in der Dunkelheit übermittelt werden konnten. Allerdings erwies sich das System, mit dem Silben dargestellt wurden, als zu kompliziert. Braille vereinfachte die Schrift, ersetzte die Silben durch Buchstaben, reduzierte die Anzahl der Punkte von zwölf auf maximal sechs, technisch ausgedrückt also eine „binäre Sechs-Bit-Codierung“, mit der er förmlich Licht in die Welt der Blinden trug und ihnen vor 200 Jahren, als längst noch nicht alle Menschen lesen und schreiben konnten, den Zugang zur Schrift und damit zur Bildung ermöglichte. Das gilt bis heute, denn Hörbücher sind keine Option. Vertonte Fachbücher sind ein Ausnahmefall.
Hoher Platzbedarf
„Bis dahin waren Blinde in der Regel dazu gezwungen, ihren Lebensunterhalt zu erbetteln“, verdeutlichte Maria Huber. Das habe sich mit der Brailleschrift geändert. „Es ist bis heute eine wichtige Möglichkeit für blinde Menschen, sich selbst Notizen zu machen oder ganze Bücher zu lesen.“ Allerdings ist das eine Platzfrage, denn alle Bücher seien handgemacht, das Papier muss stärker sein, um die eingestanzten Zeichen zu transportieren.
Huber verdeutlicht den Unterschied: „Ich habe die Bibel zuhause. Allein das Neue Testament füllt das Regal.“ Das alles und noch mehr erfuhren die Teilnehmer, die im Dalberghaus die Grundzüge der Blindenschrift erlernten. „Fühl mal! Ein Punkt hier links oben bedeutet den Buchstaben A“, erklärte Plattek, während Huber einen Kniff verriet: „Wir verwenden eine Art Kurzschrift, in der Worte zusammengefasst und Buchstaben weggelassen werden.“
Für die Kinder und ihre Eltern wurden die Wörter aber selbstverständlich ausgeschrieben. Alles andere sei eine Übungssache, hieß es bei der besonderen Mitmach-Lesung in Erinnerung an den Franzosen Louis Braille.