Ludwigshafen „14 Töne in einer Stunde Musik“
Fanny ist ein bisschen ramponiert. Bei meiner letzten Kolumbienreise hat sie den Zoll nicht unbeschadet überstanden. Aber Fanny ist ja schon ein etwas älteres Semester. Da muss man sich an ein paar Dellen gewöhnen. Warum trägt Ihre Tuba einen Frauennamen? Das ist eine alte Tradition unter Laienblasmusikern. Auch andere Blechblasinstrumente kriegen in den Blaskapellen Namen, wobei Trompeten eher männlich sind. Die Posaunisten können es sich aussuchen und die Tuben sind weiblich. Das liegt wohl an den weichen Rundungen. Eigentlich wollten Sie ein Schlaginstrument lernen. Ich wollte unbedingt die Große Trommel spielen. Nach drei Jahren Klavierunterricht musste ich erkennen, dass Klavier einen großen Aufwand bedeutet. Dann habe ich bei der Blaskapelle gesehen, dass der große Trommler mit dem geringsten Aufwand am meisten Lärm macht. Das hat mich nachhaltig beeindruckt. Mit einer einzigen Bewegung kann man alle Musikstücke spielen, kann währenddessen essen, man muss nie üben. Und warum ist’s die Tuba geworden? Man darf mit acht Jahren noch keine Große Trommel spielen. Ich habe dann mit der kleinen angefangen. Doch es gab wahnsinnig viele Schlagzeuger in der Kapelle. Dann wurde ich notgedrungen zwangsumgesiedelt. Das heißt, Sie haben so richtig traditionell in der Dorfkapelle angefangen? Stadtkapelle Geisenfeld. Wobei unsere Stadt gerade einmal 7000 Einwohner hat. (lacht) In Ludwigshafen bieten Sie neben Konzerten und Kabarett auch einen Tag der Blasmusik an, bei dem Sie mit Laienmusikern zusammenarbeiten. Warum ist das wichtig? Fast alle Berufsblechbläser kommen aus der Laienblasmusik. Es ist die größte Musikszene, die wir haben. Und sie ist natürlich darauf angewiesen, dass Leute, die schon andere Karrieren eingeschlagen haben, immer wieder zurückkommen und ihr Wissen weitergeben. Ich habe ein tolles, sehr intensives sinfonisches Programm für die Probenarbeit in Ludwigshafen ausgewählt. Das ist für mich eins der absoluten Highlights in dieser Künstlerporträtwoche. Sie waren Solotubist im Bruckner Orchester Linz, sind Professor am Mozarteum in Salzburg. Zeitgleich machen Sie Kabarett. Wie kam es dazu? Das Kabarett war meine erste Leidenschaft, zwangsläufig. Ich komme aus der Holledau. Die Holledau ist eine ziemlich hochkulturfreie Gegend. Bei uns gibt es halt Hopfen und Hopfen und Hopfen ... Das ist auch Kultur. Absolut. Aber eine Monokultur. Ich kam mit klassischer Musik quasi nicht in Berührung. Ich habe dann angefangen, die Kassetten meines Onkels zu hören: Gerhard Polt, Biermösl Blosn, Fredl Fesl. Die habe ich verschlungen. Schon in der Schule habe ich dann selber Kabarettprogramme aufgeführt. Das hat mir zum Schluss sogar ein Schulverbot eingebracht. Ein Schulverbot? Posthum, erst nach dem Abitur. Wir waren schon ziemlich frech. Jedenfalls habe ich dann angefangen, Musikkabarett zu machen, später auch politisches Kabarett. Mittlerweile habe ich ein Programm über die Tuba. Das ist jetzt weniger politisch, aber unfreiwillig komisches, autobiografisches Kabarett. Das Programm heißt „Kein Aufwand“. So gar kein Aufwand ist es ja nicht, Tuba zu spielen. Sagen Sie! Schauen Sie, in der neunten Sinfonie von Dvorák spielt die Tuba genau 14 Töne. In einer Stunde Musik! Der Geiger spielt derweil zirka 20.000 Töne. Das Schöne: Beide kriegen dafür genau das gleiche Geld. Pro Ton gerechnet bekommt der Geiger 1,5 Cent, der Tubist 21 Euro. Was ist Ihr Trick zum Pausenzählen im Orchester ? Der Trick ist, dass man sich einen zuverlässigen Bassposaunisten besorgt und besticht. Dem im Linzer Bruckner Orchester habe ich regelmäßig Schweinebraten gekocht. Dafür hat er meine Pausen gezählt. Und das hat funktioniert? Einwandfrei. Ich hatte noch einen anderen Bassposaunisten. Der hätte auch gerne meine Takte gezählt, ist aber immer selber eingeschlafen. Es gibt kaum Solokonzerte für Tuba. Das glauben Sie! Wissen Sie, wie viele Konzerte für Tuba und Sinfonieorchester es gibt? Hunderte! Ich meinte im Vergleich zu Instrumenten wie Violine und Klavier, für die es sehr viele Werke gibt. Uns ging halt viel verloren, weil die Tuba so spät erfunden wurde. Erst 1835, zusammen mit der Ventiltechnik. Da war natürlich schon eine ganze Menge an Musikgeschichte vorbei. Viele Komponisten kannten zu ihrem unendlichen Leidwesen die Tuba nicht. Und die ersten, die sie dann kannten, haben die Tuba dann auch nur solistisch eingesetzt, wenn etwas Schreckliches auf der Bühne passiert ist. Wenn irgendjemand auf der Bühne in der Oper furzen muss. Oder bei Wagner im „Ring“, wenn dieser grausige, schleimige Wurm Fafner auf die Bühne kriecht. Das erste Tubasolowerk ist erst 1955 erschienen. Und für diese kurze Zeit haben wir schon ziemlich viele Tubakonzerte.