Ludwigshafen Riskante Kletterpartie
S-Bahnhof Ludwigshafen Mitte, Montagabend nach 23 Uhr. Noch drei Minuten, dann fährt – planmäßig – die S-Bahn nach Neustadt ab. Eilig erklimmen ein paar Reisende die steile Rolltreppe für Gleis 1. Sie hetzen die Stufen hoch, weil an der Rolltreppe das rote Licht leuchtet: Sie steht. Mal wieder. Unten in der Halle schiebt sich ein Rollstuhlfahrer heran. Der etwa 25-jährige Mann schaut ratlos. Er wirkt aufgeregt. Der zehn Meter entfernte Fahrstuhl in schicker Edelstahl-Optik funktioniert ebenfalls nicht. Was jetzt? Wie soll er aufs Gleis kommen? Er will nach Neustadt. Dass sowohl Rolltreppe als auch Aufzug nicht mehr funktionieren, damit hat er nicht gerechnet. Ihm fehlen beide Beine. Wie sich später herausstellt, wurden sie ihm abgequetscht, als er vor Jahren im Ludwigshafener Hauptbahnhof zwischen Zug und Bahnsteig geriet. Von links schlendert ein Bahnmitarbeiter im blauen Anzug heran. Er hat Dienstschluss. „Oh, so ein Mist“, sagt er, als der Rollstuhlfahrer ihn anspricht. Der Bahnbedienstete kramt Schlüssel aus seinem Rucksack, mit denen er versucht, die Rolltreppe wieder zum Laufen zu bringen. Doch kein Schlüssel passt. Oben fährt ein Zug ein. Die S-Bahn nach Neustadt? Ein zweiter Mann trifft am Aufgang der Rolltreppe ein. Der Bahnmitarbeiter rast nach oben und schaut: Nein, es ist ein Zug auf Gleis 2. Die S-Bahn nach Neustadt hat Verspätung. „Okay“, sagt der Mann von der Bahn zum Rollstuhlfahrer. „Ich kann versuchen, Sie nach oben zu tragen.“ Er ist kräftig gebaut, allerdings nicht unbedingt der Typ Fitnessstudio, und so um die 35 Jahre alt. Der andere Mann sagt: „Gut, dann trage ich den Rollstuhl hoch“. Den Behinderten hochzutragen schaffe er nicht. Auch der Mann im Rollstuhl ist kein Leichtgewicht. Gesagt, getan. Der Rollstuhlfahrer hängt sich an den Rücken seines Trägers. Die erste Hälfte der langen Treppe bewältigt der Bahnmitarbeiter ganz gut. Dann, man kann es sehen, beginnen ihm die Knie zu zittern. Doch er gibt nicht auf. Zäh schleppt er seine menschliche Last weiter nach oben. Auf dem letzten Viertel packt er das schwarze Rolltreppenband immer fester mit der linken Hand und zieht sich daran hoch. Er hat Angst, dass er umkippt. Doch er schafft es. Oben bleibt er schwer atmend stehen. Der Rollstuhl ist inzwischen auch eingetroffen. Der Rollstuhlfahrer kann sich setzen, der Bahnmitarbeiter ist die schwere Last, die er zuletzt nur mit äußerster Anstrengung noch zu halten vermochte, wieder los. Über die Gleisanzeige läuft die Mitteilung: 15 Minuten Verspätung für die S-Bahn in Richtung Neustadt. Der Mann im Rollstuhl bedankt sich bei seinem Träger. Er hatte Glück. Die wenigsten hätten das geschafft. Mal ganz abgesehen davon, dass nicht jeder, der dazu in der Lage wäre, einen Mann ohne Beine eine über 20 Meter lange Rolltreppe hinaufgeschleppt hätte. Der Mann im Rollstuhl hatte aber auch in anderem Sinne Glück. Was wäre passiert, wenn sein Träger gestolpert wäre? Wenn er hintenübergekippt wäre? Wenn ihm die Puste ausgegangen wäre? Was, wenn sich einer – oder beide Männer – verletzt hätten? Es war toll zu sehen, wie ein Mensch einem anderen hilft. Und es ist gut, dass man in solchen Fällen nicht als erstes an versicherungsrechtliche Fragen denkt. Doch welche schlimmen Folgen selbst gut gemeinte Hilfsaktionen haben können, zeigt sich immer wieder. Daran freilich denkt wohl niemand bei jenen, die verantwortlich sind für das Funktionieren der S-Bahn-Haltepunkte, wenn sie die Meldung erhalten: Eine Rolltreppe im Bahnhof ist mal wieder kaputt. Denjenigen, die die Rolltreppe oder einen Aufzug vorher beschädigt haben, ist das sowieso wurscht. Leider.