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Freitag, 24. Mai 2019 Drucken

Ludwigshafen: Kultur Regional

Gefahr in kleinen Dosen

Viele würden sich am liebsten verbarrikadieren: gegen Einwanderer zum Beispiel. Oder Viren. Mit dem vermeintlich Bedrohlichen kann man sich aber auch impfen lassen. Wie? Das wird die Tanz-Regisseurin Helena Waldmann im neuen Stück „Der Eindringling, Eine Autopsie“ im Pfalzbau zeigen. Dafür hat sie sich von Kung Fu inspirieren lassen.

Von Antje Landmann

Helena Waldmann.

Helena Waldmann. ( Foto: Tina Ruisinger)

Dank einer Nierespende kann der Patient weiterleben. Doch der Körper will das fremde Organ abstoßen. Um Angriff und Abwehr, ums Sezieren und Einverleiben geht es auch Helena Waldmann. Sie zerlegt den Körper aber nicht mit dem Skalpell, sondern mit Licht und einem Ventilator.

Dank einer Nierespende kann der Patient weiterleben. Doch der Körper will das fremde Organ abstoßen. Um Angriff und Abwehr, ums Sezieren und Einverleiben geht es auch Helena Waldmann. Sie zerlegt den Körper aber nicht mit dem Skalpell, sondern mit Licht und einem Ventilator. ( Foto: Balazs Mohai/DPA )

Wenn ein Kampfsportler lernen will, so richtig zuzuschlagen, dann schützt sich der Gegner mit einem Schaumstoffpolster, einer Pratze. Man kann es damit allerdings übertreiben: Die Berliner Regisseurin Helena Waldmann panzert einen ihrer drei Tänzer mit so vielen Polstern – am Rücken, um die Hüfte, am Kopf, dass er bewegungsunfähig wird. „Total überpratzt, nennen wir das bei den Proben“, erzählt die 57-Jährige. „Zu viel Schutz, ist kein Schutz. Unsere Gesellschaft ist sehr gut darin, solche Schutzwälle aufzubauen. Als hätte man am Finger eine Schürfwunde und würde beim Arzt einen Gips verlangen.“

Reflexartig sieht man dabei den US-Präsidenten Donald Trump vorm geistigen Auge, der sich eine Mauer gegen Einwanderer wünscht. Die Gedanken schweifen weiter zu Großbritannien, das mit dem Brexit seine Grenzen wieder dicht machen will und landen bei der Alternative für Deutschland, die vor Überfremdung warnt. Die Berlinerin wird allerdings auch auf dem Spielplatz fündig, wo sie Helikopter-Eltern beobachtet, die ihr Kind mit Helm auf die Rutsche setzen und unten auffangen. „Man muss auch die Chance haben, Gefahr in kleinen Dosen zu erleben. Wenn man das Fremde oder den Angreifer kennt, kann man besser damit umgehen.“

Damit beschreibt die Regisseurin die Wirkweise des Impfens, und tatsächlich spannt sie in ihrem Stück, das am 8. Juni im Pfalzbau uraufgeführt wird, den Bogen vom Politischen zum Medizinischen, vom Staat zum Körper und vom Kampfsport zum Ballett und Barockgesang.

Ausgangspunkt war tatsächlich die Medizin: Das Buch „Das fremde Herz“ des Philosophen Jean-Luc Nancy, in dem er über seine Organtransplantation berichtet. Sein Körper will das fremde Organ abstoßen. Nur wenn er die Abwehr herunterfährt, kann er leben. Er hat das Fremde umarmt und sich einverleibt.

Die Obduktion einer Leiche, an der Waldmann teilnehmen durfte, hat sie außerdem so fasziniert, dass sie sich diesmal mit dem anatomischen Theater beschäftigen wollte. Anfang des 14. Jahrhunderts begann man damit, öffentlich Körper zu zerlegen, und baute später für das Spektakel steil ansteigende Tribünen um den Seziertisch. Helena Waldmann will die Körperschichten auf der Bühne mit Licht und Bildtechniken freilegen und hat dafür den letzten Schrei aus Asien mitgebracht: einen holographischen Ventilator, wie er in Hongkong überall für Werbung eingesetzt wird.

Provokant und vielschichtig sind die Werke meist, mit denen die Tanz-Regisseurin schon im Ludwigshafener Pfalzbau gastierte oder die sie hier produzierte: Sie bringt iranische Frauen in Zelten zum Tanzen, unter den scharfen Augen der Zensoren. Sie lässt eine Ballerina in „revolver besorgen“ masturbieren, weil sie in der Demenz auch die Freiheit der Zügellosigkeit erkennt. Sie prangert die Zustände in fernöstlichen Nähfabriken an und zieht Parallelen zur prekären Situation der Künstler hierzulande. Mal arbeitet sie mit indischen Kathak-Tänzern, mal mit Artisten – und immer wieder mit zeitgenössischen Tänzern.

Für das Prinzip aus Angriff und Verteidigung wählt sie diesmal den chinesischen Kampfsport Kung Fu. Seine Durchschlagskraft ist bekannt durch Bruce-Lee-Filme. Seine ästhetischen Qualitäten haben die Regisseure von „Matrix“ oder „House of Flying Daggers“ ausgespielt. Helena Waldmann interessiert an Wing Tsun vor allem, wie er die Energie des Gegners nutzt, und wie beide dadurch stärker werden. „Der Gegner ist nicht mehr etwas Negatives. Man muss ihn nur kennen.“

Wenn der andere einverleibt wird, wenn einer in den Körper des anderen hineinzufassen scheint, dann hat das etwas Schockierendes, aber auch Erotisches. „Der Beischlaf ist ja auch ein Eindringen und eine schöne Einverleibung des Fremden“, sagt Helena Waldmann. So entstehen Kinder, und das kann man auch wieder auf Nationen übertragen: „Um Inzucht zu vermeiden, braucht man möglichst fremden Samen. Der Körper und der Staat müssen sich öffnen, um zu überleben.“

Termine

Uraufführung „Der Eindringling. Eine Autopsie“ am 8. Juni, 19.30 Uhr im Ludwigshafener Pfalzbau. Karten unter Telefon 0621/504-2558. Weitere Vorstellung am Tollhaus Karlsruhe am 3. Dezember.

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