Landau „Wir sind alle eine Familie“

Juwara Muhammad beim Training in Dierbach.
Juwara Muhammad beim Training in Dierbach.

Den Sonntag vor einer Woche wird Juwara Muhammed so schnell nicht vergessen. Im Spiel zwischen seinen Sportfreunden aus Dierbach und der Spielvereinigung Bad Bergzabern beharkte sich der 19-Jährige aus Gambia mit einem Gegenspieler. Beide spielten nicht ganz fair, Muhammeds Vergehen ahndete der Schiedsrichter mit der Roten Karte. „Mo“, wie sie ihn in Dierbach nennen, trottete vom Feld, begann an der Seitenlinie zu weinen. Das sahen die Kicker der zweiten Dierbacher Mannschaft, die ihr Match bereits absolviert hatten. Sie nahmen Juwara Muhammed in ihre Mitte und trösteten ihn. Wenig später konnte er schon wieder lachen. Am nächsten Tag schrieb „Mo“ in die Whatsapp-Gruppe der Mannschaft. Er entschuldigte sich auf Englisch für seinen Platzverweis und bedankte sich bei seinen Teamkollegen für den Trost. Er betonte, wie wohl er sich im Verein fühle. „Wir sind alle eine Familie“, schrieb er. „Ich denke, hier war Integration erfolgreich“, sagt Thorsten Kunz, Vorsitzender der Sportfreunde. Vor wenigen Tagen sind die Dierbacher bei der DFB-Aktion „2:0 für ein Willkommen“ ausgezeichnet worden. 500 Euro gab’s vom Verband für die Vereinsarbeit mit geflüchteten Sportlern. Neben Juwara Muhammed trainieren auch die Somalier Ali Abdi Noor, Ibrahim Mahammad und Hamud Osman in Dierbach. „Die vier lebten in einer Wohngruppe für minderjährige Flüchtlinge des Jugendwerks St. Josef in Bad Bergzabern. Mitte 2016 suchten ihre Betreuer nach Vereinen, wo die Jungs Fußball spielen konnten“, berichtet Kunz. In Dierbach wurden sie fündig. Am Anfang wurden die jungen Männer von ihren Betreuern zum Training gebracht und wieder abgeholt. „Wir haben dann gefragt, ob wir das Fahren übernehmen können“, sagt Kunz. Schließlich gehört beim Fußball auch die „dritte Halbzeit“, das gesellige Beisammensein. „Es gibt manchmal ein gemeinsames Essen, außerdem haben wir Veranstaltungen, bei denen die Spieler helfen“, sagt Kunz. Auch da sind die vier, die zuvor nie in einem Verein gespielt haben, inzwischen integriert. Doch das Engagement der Dierbacher für ihre neuen Kameraden geht viel weiter. Vor allem Thorsten Kunz ist dabei die treibende Kraft. Osman hat inzwischen eine eigene Wohnung. Die hat ihm der Verein vermittelt – ebenso seinen Ausbildungsplatz in einer Landauer Sanitär- und Stahlgroßhandlung. „Mo hat gesagt, dass er gerne Kfz-Mechatroniker werden will“, sagt Kunz. In der Mannschaft gibt es einen Kfz-Meister. „Der hat ihm einen Platz für ein einjähriges Berufspraktikum besorgt“, erzählt Kunz stolz. Für Thorsten Kunz ist das Dierbacher Engagement nichts Besonderes: „In einer 600-Einwohner-Gemeinde ist das Miteinander selbstverständlich.“ Es habe auch kaum Vorbehalte gegen die vier Flüchtlinge gegeben. Wie es mit den Jungs weitergeht, weiß Kunz nicht. „Ihr Status ist sehr unterschiedlich, vor allem bei Mo ist es schwierig.“ Ein Vorzeigeprojekt für gelungene kulturelle Integration war bisher auch der Ende 2015 in Bad Bergzabern im Haus der Familie gegründete Come-together-Chor. Die Idee von Chorleiter und Musiklehrer Peter Kusenbach war damals, dass Deutsche und Flüchtlinge zusammen musizieren sollten, um einander kennenzulernen. Es funktionierte hervorragend. Teilweise nahmen 30 bis 40 Hobbymusiker an den wöchentlichen Übungsstunden und den Auftritten teil. Deutsche und Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, Iran, Somalia und Eritrea. „Inzwischen ist es fast nur noch ein deutsch-afghanischer Chor“, sagt Helga Schreieck, Leiterin des Hauses der Familie. Die Syrer kämen gar nicht mehr. „Ihr Status hat sich geändert, viele habe andere Beschäftigungen“, weiß Schreieck. Kusenbach überlegt nun, aus dem Chor einen Projekt-Chor zu machen. „Wir proben dann nur noch vor Auftitten.“ Er ist nach wie vor begeistert von der Idee, derzeit sei es aber wenig sinnvoll, wöchentlich zu üben. „Vielleicht bekommen wir durch das Fest der Kulturen noch einmal Zulauf, dann lass’ ich mich umstimmen“, verspricht er.

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