Südpfalz
Wie verändert Corona das Müllverhalten?
Mittagspause. Normalerweise die Zeit für eine gemütliche Runde mit den Kollegen beim Italiener nebenan. Aber Corona hat uns ja Restaurantbesuche verhagelt. Der Magen knurrt trotzdem. Praktischerweise bietet der Lieblingsitaliener einen Abholservice an. Die letzten Sonnenstrahlen im Gesicht, gibt’s die Pizza eben auf der Parkbank. Und der Karton landet im Mülleimer. Wenn da noch Platz wäre. Der quillt ja schon über von Styropor-Menüboxen, Take-away-Schalen, Suppenbechern, leeren Flaschen. Solche Szenen gehören in Lockdown-Zeiten zum normalen Straßenbild.
Corona hat irgendwie unser Verhalten zu Müll verändert. Da wurde gerade noch in Supermärkten der Abgesang auf die Plastiktüte gefeiert, und schon tragen wir stapelweise Essensverpackungen durch die Gegend. Hinzu kommt, dass wir ja die ganze Zeit zu Hause bleiben sollen. Und was macht man da, wenn man nicht gerade mit Homeoffice beschäftigt ist? Essen, irgendwas basteln oder handwerkern. Bringt alles Verpackungsmüll mit sich. Ach ja, und Zeit zum Ausmisten haben wir jetzt auch. Da kann doch das eine oder andere in den Müll. Hat uns Corona zur Umweltsau gemacht oder kommt es einem nur so vor? Wir haben mal nachgefragt, wie sich die Müllmengen seit der Pandemie verändert haben.
Überquellende Mülleimer in der Innenstadt, die kennt Falk Pfersdorf, Vorstand des Entsorgungs- und Wirtschaftsbetrieb Landau (EWL), nur allzu gut. „Leider verzeichnen wir derzeit ein höheres Aufkommen in öffentlichen Mülleimern durch die stärkere Nutzung von To-go-Verpackungen“, berichtet er. Zusätzliche Leerungstouren seien aber nicht nötig gewesen.
Die weggeworfenen Essensverpackungen schlagen sich beim Restmüll nieder, bei dem es eine Zunahme im Vergleich zum Vorjahr gibt. In diesem Jahr sammelt der EWL rund 6798 Tonnen ein (anhand der tatsächlichen Müllmengen von Januar bis November und einer Hochrechnung für Dezember). Im Jahr zuvor waren es 6672 Tonnen, also lediglich eine Steigerung um zwei Prozent. Allerdings kam während des Frühjahrslockdowns sogar weniger Müll auf als im Jahr zuvor. In den Sommermonaten schmissen die Landauer hingegen mehr weg als 2019.
Mehr Müll durch Heim- und Kurzarbeit
Die Zunahme beim Restmüll führt Pfersdorf auch auf die vermehrte Heim- und Kurzarbeit zurück. Der häusliche Konsum erhöhe sich, und es würden auch mal jahrelang aufgeschobene Aufräumarbeiten erledigt, erklärt er. Auf der anderen Seite seien die Gewerbemüllmengen von Restaurants, dies betrifft Rest- und Biomüll, zurückgegangen.
Das Thema Biomüll ist noch mal eine Sache für sich. Hier gibt es eine Erhöhung um acht Prozent im Vergleich zu 2019. In der Biotonne landet, was man an Essensresten eben so wegschmeißt. Grünschnitt hingegen müssen die Landauer auf dem Wertstoffhof abgeben. Wir erinnern uns: Coronabedingt war dieser im Frühjahr zu. Und das schlägt sich auch deutlich in den Statistik nieder. Die anderen Monate konnten diese Schließzeit nicht mehr wettmachen. Der Grünschnittabfall kommt nur auf 93 Prozent des Vorjahres. Pfersdorf vermutet, dass mehr Leute ihren Grünschnitt auf dem eigenen Grundstück untergebracht haben. „Fänden wir gut, weil damit der natürliche Mikro-Mengenkreislauf erhalten bleibt und hoffentlich viele Insektenhotels, Igelstationen et cetera entstanden sind.“
Allerdings ist ihm bewusst, dass etliche Leute bestimmt auch versucht haben, so viel Gartenmaterial wie möglich in der Biotonne unterzubringen. Damit erklärt er den Anstieg des Biomülls in dieser Zeit. Auch nach der Wiedereröffnung des Wertstoffhofs in Mai blieb das Biogut leicht erhöht im Vergleich zum Vorjahr. Er vermutet, dass der erhöhte Lebensmittelkonsum zu Hause wegen Heim- und Kurzarbeit hier hineingespielt hat. Fazit: An den Müllmengen hat sich relativ wenig verändert, allerdings gibt es Phasen- und Sortenverschiebungen. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch im Landkreis Südliche Weinstraße.
Lockdown schön getrunken?
Beim Rest-, Bio- und Sperrmüll gab es im ersten Halbjahr 2020 eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr, die etwas höher liegt als die üblichen jährlichen Erhöhungen bei diesen Abfallarten, berichtet Kreissprecherin Anna-Carina Hagenkötter. So kamen beim Restmüll aus Haushalten 263 Tonnen mehr zusammen, beim Sperrmüll 162 Tonnen mehr und beim Bioabfall 191 Tonnen mehr. Die Begründung liegt auf der Hand: mehr Zeit zu Hause, mehr häuslicher Konsum, Zeit zum Entrümpeln. Auch im Landkreis waren die Wertstoffhöfe geschlossen, deswegen gingen die Mengen an Müll von Direktanlieferern, an Gewerbemüll und an Grünschnitt zurück. Beim Grünabfall wurden im ersten Halbjahr 562 Tonnen weniger abgegeben als 2019. Auch Abrufbehälter für die Gastronomie wurden wegen der Lockdowns weniger angefragt.
Mehr zu Hause und auf dem Weg verzehren, das müsste doch zu einem Anstieg beim Plastikmüll, sprich Gelber Sack, führen? Aber dem ist nicht so. Die Zahlen des ersten Halbjahres 2020 sind nahezu auf dem gleichen Niveau wie 2019. Weil der Einzelhandel im Frühjahr geschlossen war, kauften viele online. Das bringt Päckchen und damit Papiermüll mit sich. Sind die Zahlen also durch die Decke geschossen? Die Antwort: nein. Es kamen im ersten Halbjahr sogar sage und schreibe 347 Tonnen weniger zusammen als im Jahr zuvor. Mit der Pandemie habe dieser Rückgang aber nichts zu tun, sagt Hagenkötter. Er resultiere schon seit Längerem daraus, dass die Welt immer digitaler werde und Druckerzeugnisse weniger genutzt würden. Es kämen zwar mehr Kartonagen für Verpackungen zusammen, aber diese seien im Vergleich leichter. Ach ja, und scheinbar haben sich die Menschen an der Südlichen Weinstraße den Lockdown auch schön getrunken. Im ersten Halbjahr sammelten die Müllwerker 162 Tonnen mehr Glasmüll als 2019 ein.
Keine Gebührenerhöhung wegen Corona
Und jetzt die große Frage: Wird wegen der Pandemie an der Gebührenschraube gedreht? Entwarnung, vorerst ist keine Erhöhung geplant. Da die Veränderungen nicht gravierend seien, „sind Auswirkungen auf die Müllgebühren nicht ersichtlich“, sagt die Sprecherin des Landkreises zur Kalkulation für die Jahre 2021 bis 2023.
In Landau will der EWL ebenfalls versuchen, eine Erhöhung der Müllgebühren zu vermeiden, wie Pfersdorf sagt. Allerdings wird die Straßenreinigung teurer. Da die öffentlichen Reinigungstätigkeiten stark zunähmen, hätten die Gebühren dafür 2021 angehoben werden sollen. Um den finanziellen Druck auf die Geschäftsleute wegen der Corona-Krise aber nicht noch mehr zu erhöhen, werde der EWL die erhöhten Ausgaben zunächst aus seinen Rücklagen finanzieren. „Eine Gebührenerhöhung 2022 dürfte dann aber unumgänglich sein“, kündigt Pfersdorf an.