Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Vor dem Lockdown: Dauerwelle auf die Schnelle

Die Herxheimer Friseurin Iris Beiner und ihr Team fahren an den letzten beiden Tagen vor dem harten Lockdown Extra-Schichten.
Die Herxheimer Friseurin Iris Beiner und ihr Team fahren an den letzten beiden Tagen vor dem harten Lockdown Extra-Schichten.

Eine Sturmhaube macht dann angesichts dieser großen Coronaschlacht schon etwas her. Manche sprechen ja sogar von Krieg, obwohl das doch ziemlich überzogen ist, aber viel wichtiger ist gerade diese Frage: Wer hat diesem Kerl nur zu dieser Farbe geraten? Er, groß, fluffiger Schritt, steht an diesem Montagnachmittag bei Hornbach in Bornheim mit rosa Gesichtsbedeckung und betrachtet ein Regal mit Verteilerdosen. Und man selbst kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Denn eigentlich hatte man mit chaotischen Zuständen gerechnet, Heimwerker können ja ziemlich fix die Nagelpistole ziehen, wenn sie auf Baustoffentzug gesetzt werden sollen, jedoch nicht mit rosa Sturmhauben. Aber die Leute im Baumarkt wirken am Tag eins nach der Lockdown-Entscheidung recht entspannt, und vielleicht sind rosa Sturmhauben ein Zeichen dafür.

Marktleiter Michael Reiland ist jedenfalls froh über diese Entspanntheit vor dem Hintergrund, dass am Mittwoch die Schotten dichtgemacht werden. „Die Kunden sind freundlich, halten die Regeln ein. Sie fragen eigentlich nur, wo sie in den nächsten Wochen ihr Material herbekommen und ob ihre Bestellungen normal bearbeitet werden. Mehr nicht.“ Und wer genau hinhört bei diesen Worten, der bemerkt auch einen leisen Ton der Verblüffung. Am Tag zuvor hatte Reiland nämlich noch leicht angespannt vor dem Fernseher die Rede von Ministerpräsidentin Malu Dreyer zu den Lockdown-Regeln für Rheinland-Pfalz verfolgt. „Ich habe die Rede sogar aufgezeichnet, weil ich meine Mitarbeiter anschreiben und sie richtig informieren wollte“, sagt der Südpfälzer. Doch das war gar nicht notwendig. Kurz nach Dreyers Auftritt leuchtete bei Reiland fast im Sekundentakt das Display seines Handys auf.

Autoschlange bei Hornbach

Mitarbeiter meldeten sich, wie er erzählt, signalisierten direkt, dass sie arbeiten wollen. „Es sind ganz viele Leute aus geplantem Urlaub zurückgekommen. Einfach so. Mein Team hat einfach gemerkt, dass wir uns auf einen möglichen Ansturm vorbereiten müssen“, sagt Reiland sichtlich stolz. Am Morgen habe es auch einen kleinen Ansturm gegeben, erst bei der Tankstelle, dann bei der Drive-in-Abteilung, wo Kunden mit ihrem Wagen auf den Baustoffhof fahren können. „Die standen von dort bis zur Hornbachstraße. Das Ordnungsamt war da. Wir haben dann erst mal geschlossen. Aber trotzdem läuft es bisher ziemlich normal“, sagt Reiland.

Normal wirken an diesem Nachmittag auch die Kunden im Markt, und es sind dann doch einige. Manche wirken sogar so, als hätten sie nur auf den Lockdown gewartet, Projekte gibt es für Heimwerker ja immer. Ein junges Pärchen beispielsweise hat sich ein Holzregal zum Zusammenbauen in den Wagen gelegt, kann man ja immer brauchen. Ein älterer Herr wiederum hat einen Sack Blumenerde und eine Rolle Raufasertapete geladen. Heim und Garten, was will man mehr. Michael Reiland hat derweil keine Sorgen um seinen Markt. „Wir haben genug Arbeit.“ In den vergangenen Monaten sei viel liegengeblieben wegen dieses virusbedingten Dauerhochs für die Baumärkte. Außerdem müssten seine Mitarbeiter zum Jahreswechsel 40.000 Preise ändern, weil die Mehrwertsteuer wieder von 16 auf 19 Prozent steigt. Also gar keine Krisenstimmung bei ihm? „Nein. Keine Krise. Im Gegenteil.“

Bäume fürs Fest gefragt

Bei Gillet in Landau ist am Montag kaum ein freier Parkplatz zu finden. Schon kurz nach Öffnung des Baumarkts in der Frühe strömen die Leute in den Markt, als gäb’s kein Morgen mehr. Vor allem Weihnachtsbäume seien stark nachgefragt, berichten Petra Gillet und ihre Tochter und Prokuristin Lara Sophie Gillet. Von den 4500 geschlagenen und getopften Bäumen sind 3500 bereits weg. Doch keine Bange: Der Verkauf geht auch am Mittwoch weiter. Weihnachtsbäume sind nämlich ausgenommen vom harten Lockdown. Die neue Regelung erlaubt es den Leuten auch, die Zoohandlung bei Gillet zu besuchen, schließlich sollen sie ihre Lieblinge versorgen können – ob es nun Fischfutter ist oder ein Körbchen für Wuffi.

Auch wenn die Südpfälzer im Bau- und Gartenmarkt nicht mehr bummeln dürfen, ein Liefer- und ein Abholservice gilt für das gesamte Sortiment. „Wer fünf Orchideen zu Weihnachten benötigt, bekommt sie von uns geliefert“, berichtet Petra Gillet. Der Kunde muss allerdings wissen, was er möchte. Er kann sich am Telefon beraten lassen, muss sich dann allerdings entscheiden und kann seine Ware im Markt abholen und mit EC-Karte bezahlen. Oder er lässt sie liefern. Regeln kann er beides per Mail oder Telefon. Gute Karten haben Handwerker. Sie dürfen weiterhin im Gillet ihre notwendigen Utensilien besorgen.

„Wir sind gewappnet“, erzählt die Chefin. Je zwei Busse und Lkw, außerdem diverse Autos, stünden für den Lieferservice zur Verfügung. Die Kunden nehmen das Angebot an. Vor allem Brennstoff sei ein heißes Thema, sagt Gillet.

Gillet hat sich Anfang November ins Online-Geschäft gewagt. Die neue Generation in der Geschäftsführung setzt neue Akzente. „Chez Sophie“ heißt das Projekt der 27-jährigen Lara Sophie Gillet, die Wohntrends im Blick hat. Die Resonanz sei schon sehr gut gewesen, berichtet Gillet. Bis Österreich reiche die Kundschaft.

Für Gillets war am Montag oberste Priorität, den Dienstag gut hinzubekommen. Niemand der 180 Mitarbeiter wurde zu Sonderschichten gezogen. „Alles läuft wie geplant.“ Einige Mitarbeiter seien in Urlaub. Daran soll nicht gerüttelt werden, sie müssten sich ja jetzt auch auf die neuen Regelungen einstellen, was Kinderbetreuung angeht. Petra und Lara Sophie Gillet haben größtes Verständnis für den harten Lockdown. Es müsse darum gehen, die Zahlen der Neu-Infektionen zu senken und ein vernünftiges Miteinander hinzubekommen. Ihr größter Respekt gelte dem Personal in den Krankenhäusern. „Was die schaffen, ist ganz enorm.“

Extra-Schichten bei Friseuren

Helle Aufruhr herrscht bei den Friseuren in der Region. Schließlich wollen sich viele Menschen vor Weihnachten noch eine schöne Festtagsfrisur machen lassen. Nach der Shutdown-Verkündung am Sonntag war klar: Dafür sind nur noch zwei Tage Zeit. Also schieben die Haarstyler jetzt Extra-Schichten. Das Motto in Stadt und Umgebung lautet: „Wir geben alles!“ Im Herxheimer Friseursalon von Iris Beiner ist montags eigentlich Ruhetag. Nicht so an diesem Montag. Der Laden brummt. Das ganze Team steht zusammen, um noch so viele Kunden wie möglich zu bedienen. Zwölf- bis 14-Stunden-Schichten hat sich die Mannschaft für die letzten beiden Tage vor der großen Schließzeit vorgenommen. „Wir arbeiten in Schichten, weil immer nur vier Mitarbeiter gleichzeitig im Salon sein dürfen, um die Abstände einhalten zu können“, erklärt Inhaberin Iris Beiner.

Hinter vorgehaltener Hand habe man ja schon vor Sonntag gehört, dass der harte Lockdown kommen werde. Deswegen seien ihre Mitarbeiter am ganzen Wochenende damit beschäftigt gewesen, Kunden anzurufen, Termine umzuorganisieren und alles so zu jonglieren, um möglichst vielen Kunden gerecht werden zu können. Trotz des ganzen Stresses steht sie hinter den härteren Corona-Regeln: „Die Sicherheit der Menschen ist das Wichtigste.“ Und ihre Kunden stärkten ihr auch den Rücken: „Sie haben großes Verständnis, weil sie sehen, dass wir tun, was möglich ist.“

Frisieren im Akkord

Eigentlich sei die Woche komplett ausgebucht gewesen. Und die Kunden, die erst ab Mittwoch einen Termin gehabt hätten, seien schon aufgeregt gewesen. „Aber viele sind sehr dankbar, wenn wir sie noch vorverlegen können.“ Ihrem Team werde sogar Essen oder Unterstützung angeboten, berichtet Iris Beiner gerührt. Geht natürlich nicht wegen der Hygieneregeln. Aber manche verzichten freiwillig aufs zeitaufwendige Fönen und verließen den Salon nach Waschen, Schneiden oder Färben einfach mit einem Handtuch oder einer Mütze. In Situationen wie diesen zeige sich Solidarität. Zwar musste der Salon um die 50 Termine in dieser Woche platzen lassen, aber Iris Beiner ist froh, dass die Kunden ihr und ihrem Team trotzdem die Treue halten: „Wir sind glücklich, dass Haareschneiden nicht Amazon und Co. übernehmen können.“

Schichtdienst ist auch beim Haarchitekt in Landau angesagt. Am Montag und Dienstag wird gearbeitet – „von 7.30 bis 23 Uhr“, berichtet Inhaber Mohamad Mokrabi El Mrini, kurz Mo. Die wegen der Abstandsregeln neun verbliebenen Plätze des Salons seien dauerbelegt. Am Montagmorgen habe das Telefon wie verrückt geklingelt. „Viele kommen leider nicht mehr dran. Aber die meisten Kunden sind nicht verärgert, weil sie wissen, dass wir alles geben.“ Der harte Lockdown stelle die Friseure wegen der Kurzfristigkeit zwar vor eine große Umplanungsherausforderung, aber er sei „definitiv der richtige Weg“, findet der Friseurmeister.

Weihnachtsbäume stehen bei Südpfälzern aktuell hoch im Kurs.
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Verteilerdosen gibt es bei Hornbach in vielen Varianten – auch online.
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Hornbach-Marktleiter Michael Reiland bedankt sich.
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