Landau „Viele haben Tragweite nicht gesehen“

Da sitzen die Vorstandsmitglieder der Metall-Innung Südpfalz im Landauer Haus des Handwerks zusammen und könnten zufrieden sein. Seit das Team vor zwei Jahren das Ruder übernommen hat, ist die Zahl der Mitgliedsbetriebe von 35 auf 49 gestiegen. Doch es gibt das Haar in der Suppe – oder, um im Bild zu bleiben: den Haarriss in der Schweißnaht. Eine neue Euronorm, die sich noch nicht so ganz herumgesprochen hat.
EN 1090 gilt seit vergangenem Jahr für alle Metallbetriebe in Europa und verlangt den Betrieben viel ab. Das Problem: Planer und Architekten hätten noch nicht realisiert, was die neue Norm bedeutet, sagt Roland Trommler, Obermeister der Metall-Innung Südpfalz. Schon bei Ausschreibungen müsse nämlich darauf geachtet werden. Hat früher die DIN 18800 geregelt, dass tragende Teile an Gebäuden nur von Leuten geschweißt werden durften, die sich auskennen, geht die Europanorm viel weiter. Der Betrieb muss dokumentieren, wer geschweißt hat, welcher Schweißdraht verwendet wurde, Schutzgas, Befestigungen, Dübel – und vor allem muss es ein Zertifikat des verwendeten Materials geben. Das sagt, welcher Hersteller wo, wann und wie den Stahl gekocht, gegossen, gezogen, gewalzt, geschmiedet hat. Das komplette Dossier gehört dann beispielsweise zur Edelstahl-Außentreppe der neuen Freizeithalle dazu. Ausgenommen von der EN-Pflicht sind Privatleute: Die können die Arbeit mit Zertifikat verlangen, müssen aber nicht. Die Norm schreibe aber auch vor, dass jeder Kunde über das Zertifikat aufgeklärt wird, sagt Trommler. Was zunächst nach Gängelei durch unterbeschäftigte Bürokraten klingt, habe für das Handwerk handfeste Vorteile, stellt Trommler heraus. „Es zwingt mich, ein bisschen anders zu arbeiten, aber ich kann am Schluss ganz klar belegen, welche Arbeit ich abgeliefert habe.“ EN 1090 verlange von den Betrieben, eine „saubere Warenwirtschaft“ zu betreiben. Der Aufwand: Überschaubar. Schulung, Kontrolle und regelmäßige Nachkontrollen seien fällig, berichtet Trommler. Durchschnittlich hätten die Betriebe rund 1100 Euro für das Verfahren zu berappen, hat die „Deutsche Handwerkszeitung“ ermittelt. Dort geht man von bundesweit 16.000 (von über 40.0000) Metallbetrieben aus, die ein Zertifikat brauchen. Und wie funktioniert die Warenwirtschaft nach Euronorm? Trommler: „Früher hat man den Großhändler angerufen und gesagt, was für Material man will und hat sich Vorrat liefern lassen. Das geht so halt nicht mehr.“ Jetzt werde zielgerichtet für die jeweiligen Aufträge bestellt. „Ich kann mir nicht mehr den Hof einfach vollsetzen“, bringt es Frank Bellaire, stellvertretender Obermeister der Innung, auf den Punkt. Die Warenwirtschaft verlagert sich also nach vorn, zum Großhändler. Was das bei einem Kundenkreis von rund 200 Metallbetrieben in der Südpfalz bedeutet, kann der Landauer Großhändler Ufer einschätzen. Rund zwei Millionen Euro investiert das Unternehmen gerade in ein neues Stahllager an seinem Standort Landau (wir berichteten). Die Investition hänge durchaus mit der EN 1090 zusammen, bestätigt Christoph Strack, einer der Geschäftsführer der Chr. Ufer GmbH. Ab Ende Oktober werde das neue Stahllager in Betrieb sein, hofft er. Trotzdem: „Viele haben die Tragweite nicht gesehen“, sagt Bellaire. Bei Ausschreibungen herrsche ganz oft Fehlanzeige, wenn es um die nötigen Zertifikate beispielsweise beim Kita-Neubau geht, erklären die Innungsleute. „Wir haben 60 Architekten in der Region angeschrieben“, sagt Trommler. Die Bilanz: vier Rückmeldungen. Zur Unwissenheit mancher komme aber auch Vorsatz von anderen dazu, berichtet Thomas Weingärtner, Lehrlingswart der Innung. Bauträger hätten gezielt nicht-zertifizierte Metallbaubetriebe ausgewählt, um zum Schluss scheinheilig ein Zertifikat zu fordern – und die Zahlung schuldig zu bleiben. Aber seine Branchen-Kollegen müssten sich auch an der eigenen Nase fassen, gibt Trommler zu. In der Südpfalz seien derzeit nur 21 Metallbauer zertifiziert, von denen die Innung wisse. Ganz sicher benötige nicht jeder das Zertifikat, relativiert Vorstandsmitglied Elmar Persohn: Zehn der 49 Innungsbetriebe seien nicht in der Bausparte. Manch andere hätten gezögert und stünden jetzt auf Listen für Schulungen, die unter anderem von der Innung angeboten werden. Wieder andere hätten sich abschrecken lassen, denn: Als die Neufassung der Euronorm vor zwei, drei Jahren bekannt wurde, sei Betrieben viel Unsinn aufgetischt worden, wirft Weingärtner ein. Ein Hersteller von Schweißgeräten habe damit geworben, dass seine Geräte bereits „für die Norm geeignet“ seien. Darüber wollen sich die Innungsmeister ausschütten vor Lachen. Es gehe nicht ums Schweißen, sondern um das saubere Arbeiten. Ein Schweißgerät solle nur nicht auf der ersten Baustelle den Geist aufgeben.