Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Stolpersteine keine Schuldzuweisung

Die Familien Kastellitz/Nold bei einer Feier in den 1920er-Jahren in der guten Stube der Gastwirtschaft zum Engel in der Bismarc
Die Familien Kastellitz/Nold bei einer Feier in den 1920er-Jahren in der guten Stube der Gastwirtschaft zum Engel in der Bismarckstraße 6: Die alte Dame (vierte von links) ist Maria Nold, die Urgroßmutter des heutigen Hauseigentümers, links neben ihr dessen Großmutter Käte Kastellitz. Sie hatten an eine jüdische Familie im Haus vermietet.

In Landau werden seit Jahren Stolpersteine vor Häusern verlegt, in denen jüdische Mitbürger gelebt hatten. Die vom Kölner Künstler Gunter Demnig angestoßene Aktion läuft inzwischen nicht nur in mehr als 1200 deutschen Städten, sondern sogar europaweit. Wichtig ist: Sie soll der Erinnerung dienen, aber keine Schuldzuweisung sein. Wie wichtig die Klarstellung ist, wird an einem Landauer Fall deutlich.

Rückblende: Am 4. März hat die RHEINPFALZ über die jüngste Stolperstein-Verlegung in Landau berichtet. Erste Station dabei war die Bismarckstraße 6, in der das Ehepaar Elsa und Sigmund Siegfried Marx mit Tochter Ruth Rosa zur Miete lebte. In dem von der Stolperstein-Initiative zusammengestellten Lebenslauf der Familie Marx, der so vorgetragen und in der RHEINPFALZ wiedergegeben worden ist, heißt es: „Als Folge von Ausgrenzung und Verfolgung verließ die Familie – wie viele andere jüdische Mieter auch – das Haus des christlichen Eigentümers.“ Ein Satz, der Günter Kastellitz, dem heutigen Eigentümer und Nachfahren der damaligen Besitzerfamilie, zutiefst missfällt. Kastellitz, promovierter Mediziner im Ruhestand und leidenschaftlicher Hobbyhistoriker, hält diese Formulierung für verletzend und ungerecht, wie er im RHEINPFALZ-Gespräch sagt.

Historikerin stellt klar

Die Historikerin Marie-Louise Kreuter aus der Stolperstein-Initiative hat in einem Brief an Kastellitz klargestellt, dass der Satz weder verletzend gemeint gewesen sei, noch so, dass Ausgrenzung und Verfolgung von den Vermietern ausgegangen seien. Der Wegzug der Familie Marx stehe beispielhaft für das sich ab 1933 wandelnde Verhältnis von Juden und ihren christlichen Nachbarn. Die Gründe für Aus- und Umzüge seien vielfältig gewesen: Manchmal hätten Vermieter keine Juden mehr im Haus geduldet, manchmal hätten andere Mitbewohner ihnen das Leben vergällt, und manchmal hätten sich Juden aufgrund wirtschaftlicher Ausgrenzung die Mieten nicht mehr leisten können. Zudem hätten Diskriminierung und Verfolgung dazu geführt, dass sie Schutz und Rückhalt in den eigenen Reihen gesucht hätten. Doch im Fall der Familie Marx seien die Gründe für den Auszug aus der Bismarckstraße nicht bekannt.

Kastellitz ist froh für die Klarstellung, denn der Satz müsse ansonsten nahezu zwangsläufig so verstanden werden, als ob die Familie Marx von ihren Vermietern schikaniert worden sei. Das sei bei seinen „entschieden katholischen“ Vorfahren ganz sicher nicht der Fall gewesen, betont Kastellitz, der heute in vermutlich derselben Wohnung lebt wie einst die Familie Marx: im zweiten Stock eines Wohnhauses, in dem sich im Erdgeschoss einst die Gastwirtschaft zum Engel befand. Den „Generalverdacht“ weist er nicht zuletzt deshalb von sich, da seine Vorfahren nachweislich nicht zur „braunen Kategorie“ gehört hätten. Im Gegenteil, so Kastellitz, denn sonst hätten sie sicher nicht mehr an jüdische Mitbürger vermietet, „als schon ein Drittel der Landauer Bevölkerung den Nationalsozialisten zuneigte“.

Vorfahren keine Nazis

Mehr noch: Sein Vater, der bereits vor dem Nationalsozialismus Oberleutnant beim Militär gewesen sei, habe sich den Zorn der kirchenfernen neuen Herren zugezogen, weil er sich bei Fronleichnamsprozessionen in Landau in Uniform hingekniet habe. Und sein Onkel Theodor Gutting habe seine Rechtsanwaltskanzlei in eben jenem Haus gehabt und sich persönlich in Gefahr gebracht, als er noch 1944 zwei Erntehelferinnen aus der Südpfalz verteidigt habe, die bei einem englischen Tieffliegerangriff gesagt hätten: „Das haben wir alles unserem herrlichen Führer zu verdanken“ – ein Satz, für den sie letztlich hingerichtet worden seien. Gutting sei danach von der Gestapo verhört und unter Druck gesetzt worden. Gerade wegen seiner großen Distanz zum Nationalsozialismus ist Gutting laut Kastellitz nach dem Krieg von den Franzosen als Landrat eingesetzt worden.

Auch Christine Kohl-Langer, die Leiterin von Stadtarchiv und Museum und ebenfalls Mitglied in der Stolperstein-Initiative, betont, dass nach Vorgabe des Künstlers Gunter Demnig die Stolpersteine vor dem „letzten selbstgewählten Wohnort“ jüdischer Mitbürger verlegt würden und dass sich die Passage „als Folge von Ausgrenzung und Verfolgung“ nicht dezidiert auf den Hauseigentümer, sondern auf die allgemeine Verfolgungssituation seit dem Machtantritt der Nationalsozialisten, auch in Landau, beziehe. Wer oder was im Fall der Bismarckstraße ursächlich für den Auszug der Familie Marx gewesen sei, „wissen wir natürlich nicht“.

x