Rhodt / Maungu Safari der Wazungu zu den Kindern in Kenia

 Die „Liturgical Dancers“ geben den Rhythmus vor.
Die »Liturgical Dancers« geben den Rhythmus vor.

Mit sieben Kisten voller Mützen und einer Projektgruppe der Hermann-Marx-Kenia-Hilfe flog der Rhodter Hotelier Stephan Hafen nach Kenia. Anlass war das Jubiläum einer Schule, die einst der Traum eines Lehrers war.

Nimo schlüpft zu Hause noch schnell in ihre Schuluniform, eine beigefarbene Hose mit weißen Längsstreifen und ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift „St. Joseph Pre- and Primary School“. Und los geht die Safari in der staubigen Hauptstraße von Maungu, einem kleinen Ort in der Nähe von Voi. Eine abenteuerliche Strecke führt Richtung Südwesten – zwischen den beiden Nationalparks Tsavo East und Tsavo West, rund 125 Kilometer von Mombasa am Indischen Ozean entfernt. Die Wege sind rot vom eisenhaltigen Sand, vorbei an einfachen Holzhütten mit kleinen Gärten. Bunte Wäsche flattert im heißen Wind, am Wegesrand liegt eine vertrocknete Schlange.

Kurz hinter dem Eingang zum Rukinga Wildlife Sancturay, einem Schutzgebiet für wilde Tiere, erreichen wir das Gelände der St. Joseph-Schwestern. Ein Zaun trennt es nur teilweise von der Savanne ab. Seit 2020 gibt es auch hier eine Schule mit rund 80 Kindern in Kenia.

Wazungu heißen die Weißen

Nimo zeigt auf das Tor, das sich für die vier Toyota Land Cruiser der Besucher öffnet. Im Schulhof warten die Vorschüler in ihren beigen Uniformen und braunen Mützen. Sie klatschen, tanzen und singen. Auch die größeren Mädchen und Jungen freuen sich auf die „Wazungu“, wie die fremden Weißen auf Swahili heißen. Mit erwartungsvollen Mienen sitzen die Schüler nach Größe und Klassen sortiert auf kleinen Stühlen unter der Krone eines großen schattenspendenden Baums.

Ungeduldig springt die Achtjährige aus dem Wagen, mischt sich unter ihre Klassenkameraden und wird freudig begrüßt. Heute ist ein großer Tag für die Schüler der Grundschule in Maungu: Stefan Hafen, der Vorsitzende der Hermann-Marx-Kenia-Hilfe mit Sitz im südpfälzischen Rhodt, welche die Schule unterstützt, wird zwei neue Klassenräume einweihen. Finanziert hat diese zwar die „Hans und Gretel Burkhardt Foundation“ in München, aber Stefan Hafen ist vor Ort. Der Inhaber des Hotels Alte Rebschule in Rhodt ist Gründer und treibende Kraft des gemeinnützigen Kenia-Vereins. Man kennt sich, und man hilft sich hier in Kenia.

Relax and enjoy

Heute gilt es, den aktuellen Erweiterungsbau ausgiebig zu feiern. „Relax and enjoy …“, fordert eine Lehrerin die 20 Gäste auf den Ehrenplätzen auf. Mit großer Freude singen und tanzen die Schüler unter Anleitung ihrer Lehrerinnen. Auch Nimo ist in der Gruppe der Größeren, die gekonnt einen Modern Dance aufführt. Natürlich haben die Schwestern Wünsche für die Zukunft ihrer Schule. Und vielleicht gelingt es ja tatsächlich, das weitläufige Gelände mit einem Zaun zu umschließen, der den Schulhof vor den regelmäßigen Besuchen von Elefanten und Nashörnern schützt.

In Maungu gibt es eine zweite Schule in Trägerschaft der St. Joseph-Schwestern, die „St. Joseph Girls Secondary School“, eine höhere Schule mit vier Klassen und angeschlossenem Internat für Mädchen im Alter von 12 bis 19 Jahren. Diese Einrichtung mit aktuell 140 Schülerinnen wurde im Jahr 2011 erbaut und wird seither von der Hermann-Marx-Kenia-Hilfe unterstützt und finanziert.

Kleider selbst entworfen

Miriam Kanyiri, Nimos Mutter, unterrichtet hier die Fächer Deutsch und EDV. Seit Jahren ist die 39-jährige Kenianerin zugleich das Bindeglied zwischen den Mitgliedern der Hermann-Marx-Kenia-Hilfe in Deutschland und den St. Joseph-Schwestern in Ostafrika. Auf dem Stundenplan der Schülerinnen in der Girls Secondary School stehen neben Sprachen, Biologie und Chemie, Physik und Mathematik auch Handarbeit und Hauswirtschaft. An Nähmaschinen der Marke Singer haben die Schülerinnen im Klassenraum selbstentworfene Kleider genäht. Stolz führen sie ihre Kreationen in einer Modenschau vor. „Unser Ziel ist es, den Mädchen eine ganzheitliche Erziehung zuteil werden zu lassen, die sie zu selbstbewussten und unabhängigen Frauen werden lässt“, erklärt Miriam das Motto der Schule.

Kenianische Eltern legen großen Wert auf die Bildung und Ausbildung ihrer Kinder – nicht immer ist es ihnen aber möglich, das Schuldgeld zu bezahlen. In Kenia ist der Besuch der öffentlichen Grundschule (Klassen eins bis sechs) gebührenfrei. Der Staat zahlt die meisten Lehrergehälter und einen kleinen Teil der Bücher. Die Gemeinde ist verpflichtet, Schulbau inklusive Einrichtung zu übernehmen.

Pro Trimester 70 Euro

Von den Eltern müssen Schuluniform, Schuhe, Arbeitsmaterialien und teilweise die Lehrergehälter bezahlt werden, was armen Familien nicht immer möglich ist. In der Secondary School (Klassen sieben bis zwölf) kommt das offizielle Schulgeld hinzu, das pro Trimester durchschnittlich etwa 70 Euro beträgt. Wer es nicht zahlt, darf den Unterricht nicht besuchen.

Die Investitionen der Regierung in den Bildungssektor reichen bei weitem nicht aus, um eine gute Schulbildung anzubieten. Staatliche Schulen sind häufig überfüllt, schlecht ausgestattet, und die Qualität der Lehre ist unzureichend. Infolgedessen fehlt es jungen Menschen oft an Kenntnissen und Fähigkeiten, die ihnen einen Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichen.

Laut einer Analyse des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung beträgt die mittlere Schulbesuchsdauer in Kenia nur 6,3 Jahre. Jedes dritte Schulkind verlässt die Grundschule, ohne ausreichende Fähigkeiten in Mathematik, Schreiben und Lesen erlangt zu haben; von den Mädchen beenden nur rund 70 Prozent die Grundschule. Armut und Ungleichheit werden so von Generation zu Generation fortgeschrieben. Von den derzeit rund 54 Millionen Einwohnern Kenias sind drei Viertel jünger als 30 Jahre, es besteht eine hohe Jugendarbeitslosigkeit.

Am Straßenrand gefunden

Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder daher zunehmend in gebührenpflichtige Privatschulen, die besser ausgestattet sind. In den ländlichen Regionen des großen Landes spielen für die in Weilern und Dörfern entfernt lebende Bevölkerung zunehmend Sekundarschulen mit Internaten wie die St. Joseph Girls Secondary in Maungu eine Rolle.

Der St. Joseph-Orden, zu dem aktuell 320 Schwestern und 14 Novizinnen zählen, betreibt in Kenia 14 Privatschulen, fünf weitere in Tansania. In Bura, einer Ansiedlung in der Region Taita Taveta am Fuße des Kilimandscharo, zählt auch das „Little Angels“-Waisenhaus hinzu. Hier werden von den St. Joseph-Schwestern zurzeit 38 Kinder bis zum 18. Lebensjahr umsorgt. Manche wurden am Straßenrand gefunden, andere von ihren Müttern nach der Geburt im Krankenhaus zurückgelassen. Wieder andere haben ihre Eltern durch Krankheit oder Gewalt verloren. Die Hermann-Marx-Kenia-Hilfe hat hier eine Schule gebaut und unterstützt auch das Waisenhaus.

Schule auf dem Hügel

Um Bura zu erreichen, fahren wir entlang des Tana River etwa eine Stunde Richtung Tansania durch ein abgelegenes grünes Tal. Dann kommt die Ansiedlung mit der ältesten katholische Kirche Kenias in Sicht, gleich daneben befindet sich der Konvent der „Sisters of St. Joseph“, deren Orden im Jahr 1929 hier in Bura gegründet wurde.

Die Kinder erwarten uns. Sie begleiten die Gäste Hand in Hand zum Waisenhaus mit seiner „Shamba“, einem kleinen Bauernhof mit Bananenstauden, Schweine- und Hühnerställen zur Selbstversorgung. Zu Fuß geht es durch Gärten weiter den Hügel hinauf. Dort steht die von der Hermann-Marx-Kenia-Hilfe erbaute „Mother Theresa Primary and Junior School“, ein schönes Gebäude inmitten einer faszinierend grünen Landschaft.

Noch sitzen die Schülerinnen und Schüler still in ihren Klassenzimmern. Sie schreiben, rechnen und lesen unter der Anleitung ihrer Lehrer. Schon bald aber kommen sie in den Schulhof, um die Gäste aus Deutschland mit Musik- und Tanzaufführungen zu begrüßen und Schulprojekte vorzustellen, etwa Handarbeits- und Tonarbeiten oder die gemeinsam mit dem Biologielehrer erarbeiteten Plakatdemonstrationen, zum Beispiel über die Funktion der Nieren.

Hilfsfonds eingerichtet

Aktuell hat die „Mother Theresa Primary and Junior School“ in Bura leider nur 120 Schülerinnen und Schüler und damit, wie auch die „St. Joseph Girls Secondary School“ in Maungu mit ihren 140 Schülerinnen, ein Problem. Weil nicht immer alle Eltern das Schulgeld aufbringen können, entsteht ein finanzielles Defizit im laufenden Betrieb. Immer wieder ist daher eine finanzielle Unterstützung durch die Hermann-Marx-Kenia-Hilfe notwendig – besonders wenn die Familien durch Krankheit, Tod oder andere Katastrophen in Not geraten sind. Der Verein hat jetzt einen Hilfsfonds für beide Schulen eingerichtet, damit auch die Kinder armer Eltern am Unterricht teilnehmen können. Zudem wird versucht, die Zahl der Schüler zu erhöhen, damit die Einnahmen insgesamt steigen – wie in Mombasa erfolgreich praktiziert.

Mombasa ist der Höhepunkt und eigentliche Anlass der Reise – die auf Swahili Safari heißt: die 20-Jahr-Feier der „St. Joseph Herman Marx School“, die am 21. Juli 2004 in Mytopanga, einem Stadtteil von Mombasa, eingeweiht wurde. Sie ist nach Hermann Marx benannt, einem Lehrer aus Diedesfeld, dem es ein Herzensanliegen war, den Kindern in Kenia eine gute Bildung, gesunde Ernährung und Gesundheit zu ermöglichen – die Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben.

Kuchen für 1200 Leute

Nach dem plötzlichen und frühen Tod von Hermann Marx im Jahr 1992 – einen Tag vor einer geplanten Keniareise – hatten sich Freunde und Verwandte unter Federführung von Stephan Hafen in Neustadt-Diedesfeld zusammengetan, um den Traum des Lehrers zu verwirklichen: den Bau einer Schule in Mombasa. Die zurückerhaltenen Kosten der abgesagten Reise, Spenden von der Beerdigung und aus dem Freundeskreis Hafens lieferten den Grundstock für das Projekt. In dieser Hermann-Marx-Schule, die zur Gründung des gemeinnützigen Vereins Hermann-Marx-Kenia-Hilfe führte, werden heute 827 Schülerinnen und Schüler unterrichtet.

Die Schule ist ein Erfolgsmodell – und das wird am 20. Juli 2024, einem Samstag, in typisch afrikanischer Weise mit einem lebhaften Gottesdienst, mit Musik und Tanz, Essen und Kuchen für mehr als 1200 Menschen gefeiert. „Die Schule hat das Leben unserer Kinder entscheidend verändert“, sagt Schwester Jane Awuor, Oberin der St. Josef-Schwestern in Kenia und Tansania. Sie wünsche sich, dass die „jahrelange großzügige Unterstützung“ der Hermann-Marx-Kenia-Hilfe für die Schulen in Mombasa, Maungu und Bura anderen Institutionen ein Beispiel sein möge.

Auch Alexander Fierley, der den deutschen Botschafter in Kenia vertritt, zeigt sich beeindruckt von dem, was die Hermann-Marx-Kenia-Hilfe in Zusammenarbeit mit den St. Josef-Schwestern in Mombasa erreicht hat. „Es mag schwierig sein, hier eine Schule zu eröffnen, aber es ist definitiv noch sehr viel schwieriger, aus einem solchen Vorhaben ein nachhaltiges Projekt zu machen, das Generationen von Schülern zugutekommt“, sagt der stellvertretende Botschafter, der zur 20-Jahr-Feier der Schule eigens aus Nairobi angereist ist.

Computerraum Schritt in die Zukunft

Ein weiterer Schritt in die Zukunft der Schule ist der neue Computerraum, den Alexander Fierley und Stefan Hafen anlässlich des Jubiläums eröffnen können. Pfarrer Moses besprüht ihn in seiner Begeisterung mit so viel Weihwasser, dass der EDV-Lehrer und die Kinder Bildschirme und Rechner in aller Eile wieder trocknen …

Nach den sechsstündigen Feierlichkeiten, bei der die Verteilung der 1200 Schirmmützen an die Schülerinnen und Schüler unter großer Begeisterung erfolgt, werden die Gäste aus Deutschland ebenso herzlich wie stürmisch verabschiedet. Hunderte von Kinderhänden wollen gedrückt sein.

Beim Abschied fällt eine Bronzetafel auf, die im Eingangsbereich der Schule hängt: „Education is the most powerful weapon you can use to change the world“ – Bildung ist die mächtigste Waffe, mit der man die Welt verändern kann. Nelson Mandela hat das gesagt, im Juli 2003. An der Bedeutung seiner Worte hat sich bis heute nichts geändert. Und all die Schülerinnen und Schüler in Mombasa, Maungu und in Bura vermitteln uns den Eindruck, dass sie diese Worte Mandelas sehr gut verstanden haben.

Spendenkonto

Hermann-Marx-Kenia-Hilfe, VR-Bank Südpfalz, Iban: DE60 5486 2500 0005 0069 61

Stephan Hafen schneidet beim Jubiläumsfest den Kuchen an.
Stephan Hafen schneidet beim Jubiläumsfest den Kuchen an.
 Die Chöre heizen der Gemeinde ein.
Die Chöre heizen der Gemeinde ein.
Alexander Fierley von der deutschen Botschaft in Nairobi.
Alexander Fierley von der deutschen Botschaft in Nairobi.
Und eine St. Joseph-Schwester an der Kamera.
Und eine St. Joseph-Schwester an der Kamera.
Schülerinnen der Primary und Secondary School in Maungu.
Schülerinnen der Primary und Secondary School in Maungu.
Schülerinnen der Primary und Secondary School in Maungu.
Schülerinnen der Primary und Secondary School in Maungu.
Zwei Kinder im Waisenhaus und zwei Schülerinnen in Bura.
Zwei Kinder im Waisenhaus und zwei Schülerinnen in Bura.
Zwei Kinder im Waisenhaus und zwei Schülerinnen in Bura.
Zwei Kinder im Waisenhaus und zwei Schülerinnen in Bura.
Überraschende Begegnung am Rande der Feier in Mombasa.
Überraschende Begegnung am Rande der Feier in Mombasa.
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