Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Südpfalz: Drogensüchtiger warnt vor Legal Highs

Markus (vorne) im Gespräch mit Chefarzt Derik Hermann.
Markus (vorne) im Gespräch mit Chefarzt Derik Hermann. Foto: van

Legal Highs oder Neue Psychoaktive Substanzen tragen oft niedliche Namen. Zum Beispiel Scooby Doo oder Rainbow King Kong. Jeder kann sie übers Netz bestellen – dabei kann der Konsum fatale Folgen haben. Ein ehemaliger Süchtiger berichtet.

Der Absturz kam sehr schnell. „Ich hatte alles. Auto, Job, es lief“, sagt Markus, der in Wirklichkeit einen anderen Namen trägt. Acht Jahre lang war er süchtig nach Neuen Psychoaktiven Substanzen (NPS). Die Designerdrogen tragen viele Namen: Spice, Legal Highs, Kräuter- oder Räuchermischungen sind die geläufigsten. Die synthetischen Stoffe können einfach übers Internet bestellt werden – Shops vermarkten sie als harmloses Vergnügen. Das seien sie sicher nicht, sagt Markus. Derzeit versucht der 29-Jährige von der Mittelmosel in der Fachklinik Ludwigsmühle in Lustadt sich selbst und sein Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Bei Markus ging es vor elf Jahren mit den Drogen los. Drei Jahre lang habe er nur gekifft, also THC in Joints konsumiert. Über einen Kumpel habe er sich die Haschplatten besorgt. Dieser Kumpel habe vor rund acht Jahren angefangen, mit Spice, angeblichen Kräutermischungen, zu handeln. Dabei handelt es sich um synthetisches Marihuana. Mehr oder weniger aus Neugier habe er sie probiert, so Markus. Der 29-Jährige dachte, das sei ein guter Ersatz für Cannabinoide – vor allem, weil das neue Produkt nur ein Drittel des Preises vom alten gekostet habe. Die Folgen für ihn waren dramatisch. „Die Abhängigkeit kam schnell. Körperliche Abhängigkeit kannte ich zuvor gar nicht. Warnungen gab es auch nicht, es gab zu dieser Zeit noch keine Langzeitberichte über die Wirkung und die Folgen.“ Markus beschreibt, wie er an seinem Arbeitsplatz plötzlich zu zittern begonnen habe, eine Folge von Entzugserscheinungen. Er sei nach Hause und habe sich krank gemeldet. Nur um den Rausch wieder zu erleben, also um das zu tun, wonach sein Körper verlangte. In der Folge stieg sein Konsum stetig an. „Ich wurde zum totalen Wrack.“

Seit 2007 gibt es Spice

2007 ist das erste Spice, also synthetisches Cannabis, auf den Markt gekommen, berichtet Derik Hermann. Der Professor ist Chefarzt beim Therapieverbund Ludwigsmühle und hilft Markus bei der Rehabilitation. „Die Chemiker haben versucht, die Substanzen so zu verändern, dass sie high und abhängig machen – aber legal sind.“ Durch die synthetisch veränderten, ständig wechselnden Zusammensetzungen fielen die neuen Substanzen nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz. Der Staat hat reagiert: Im NPS-Gesetz von 2016 ist geregelt, dass Erwerb und Besitz von NPS nicht strafrechtlich verfolgt werden. Nur der Händler wird bestraft. Sitzt dieser im Ausland, gibt es je nach Standort allerdings nur wenig Möglichkeiten für hiesige Behörden.

Große Gefahr der Überdosis

NPS zu kaufen ist simpel. Die Suchmaschine Google zeigt problemlos den Weg. Viele Händler haben Bonusprogramme, die „gute Kunden“ beispielsweise mit Proben neuer Produkte belohnen. Was drin ist, ist dem Käufer jedoch völlig unklar. Es könne sein, berichtet Markus, dass jemand wie üblich Drogen mit den Namen „Scooby Doo“ oder „Bonsai“ bestellt, aber die Zusammensetzung verändert wurde. Dann könne die „gewohnte“ Mischung schon eine Überdosis bedeuten. Manche Shops bieten an, die Ware mit der Post per Nachnahmezahlung zu verschicken. Damit wird das Bestellen gefahrlos möglich, sagt Hermann. Fangen Zoll oder Polizei eine Lieferung ab und vernichten die Stoffe, entsteht dem Käufer kein Schaden – er bezahlt nur bei Zustellung. Es gibt keine rechtlichen Folgen, somit auch keine Abschreckung, und die Produkte sind billig, zählt der habilitierte Psychiater auf.

Um der NPS-Sucht zu entkommen, habe er andere Mittel genommen, berichtet Markus. Zunächst Benzodiazepine – diese Stoffe wirken entspannend. Danach sei er auf Opiate wie Heroin umgestiegen. Mit Heroin habe er rund zehn Minuten nach dem Konsum für fünf bis sechs Stunden „normal“ funktioniert. „Das Bild des Junkies, der am Bahnhof rumliegt, ist falsch. Die meisten Drogensüchtigen gehen normal durch die Welt, sie arbeiten und funktionieren“, erläutert der Rehabilitand.

Mit Joints eingeschlafen

Bei NPS sei das ganz anders. Die Wirkung: Erleichterung, Rausch, Einschlafen. Dabei habe er oft noch einen Joint in der Hand gehalten. Markus zeigt Brandnarben an Händen und Armen. Fiel ihm dieser auf die Haut, sei er nicht aufgewacht. Er war komplett weg – der Schmerz drang nicht durch. Nach einer Weile sei er wach geworden und habe sich den Joint von der verbrannten Haut ziehen müssen. Er habe kein Leben außerhalb der Drogensucht gehabt, habe nichts erledigen können – „nicht mal Sozialleistungen beantragen“. Stattdessen habe er Herzrasen gehabt, unter Psychosen und Verfolgungswahn gelitten, mehrere epileptische Anfälle durchlebt und sei mehrfach von Rettungssanitätern abgeholt worden.

Im Alter von 20 oder 21 Jahren, Markus ist sich nicht sicher, sei er dann zu Forschungschemikalien gekommen – eine weitere Variante von NPS. Auch diese können übers Internet bestellt werden. Der Vorteil: Die Grundsubstanzen sind noch günstiger, denn der Konsument muss sie selbst mischen. Der Nachteil: Durch die extrem hohe Wirksamkeit müssen die Mischungen teils im Mikrogrammbereich erfolgen. „Wir reden hier vom Gewicht eines Sandkorns“, erläutert Hermann. Die Folge: Es drohen Überdosierungen, oft mit tödlichem Ausgang.

„Cannabis weniger schlimm“

Im Gegensatz zu NPS hat der Konsum von Cannabis rechtliche Folgen, obwohl Cannabis laut Hermann weniger gefährlich ist. Der Besitz ist strafbar. Viele Bundesländer verzichten bei Kleinstmengen auf die Ahndung, Bayern nicht. „Man muss sich das vorstellen“, sagt Hermann, „wird ein 17-Jähriger mit einem Joint erwischt, ist er eventuell vorbestraft und kann unter Umständen seinen Führerschein nicht machen.“ In Bayern sei der Absatz von NPS deutlich höher als im Rest des Landes – und damit auch die Anzahl der Todesfälle durch diese Substanzen. „Die Konsumenten sind nicht blöd, sie wollen Cannabis konsumieren und weichen dann auf die synthetische Variante aus.“ Aber: „Raucht man Spice in der gleichen Menge wie übliches Gras, kann das ein Todesurteil sein“, sagt Hermann. Normales Cannabis habe keine Todesfolgen. Sterbe jemand nach Konsum des Stoffes, liege in der Regel eine Herzvorerkrankung vor, sagt der Mediziner. Synthetische Cannabinoide hingegen seien grundsätzlich lebensgefährlich. „All das spricht für eine Legalisierung von Cannabis.“ Natürlich nicht ohne Kontrolle durch staatliche Institutionen, betont Hermann.

Das sieht auch Markus so. Er hat einst mit Cannabis begonnen. Sieht er das als Fehler an? Nein, sagt er. „Mein Fehler war es, weiterzugehen. Hätte ich einen anständigen Zugang zu Cannabis gehabt, wäre ich höchstwahrscheinlich bei THC geblieben und nicht in härtere Abhängigkeiten geschlittert.“

Mutter kann nicht helfen

Wäre ihm zu helfen gewesen? Seine Eltern hätten versucht einzugreifen, aber es habe nichts genutzt, berichtet Markus. Seine Mutter habe aufgegeben. Immerhin: Sie habe ihn nicht auf die Straße gesetzt. „Sonst wäre ich vielleicht gestorben.“ Wie hätte sie helfen können? „Gar nicht. Ich hätte mich nicht von den Drogen abbringen lassen.“ Angehörigen von Süchtigen legt Hermann nahe, mit der nächsten Drogenberatung in Kontakt zu treten und die weiteren Schritte zu beraten. Eine Zwangseinweisung sei oft nicht möglich, eine Sucht reiche nicht aus. „Wenn es eine Intoxikation gibt, rate ich den Eltern, die Polizei zu rufen. Nur die können den Konsumenten ins Krankenhaus bringen.“

Nun also ist Markus in der Fachklinik Ludwigsmühle im Entzug. „Es ist mein vierter Anlauf, mein zweiter ernsthafter.“ Aber er scheint fest entschlossen, es zu schaffen. „Ich habe sieben Jahre meines Lebens vertrödelt und weggeworfen. Ich war zweimal elf Monate in Haft. Jetzt träume ich von Normalität. Ich bin fast 30 und will ein Leben haben.“ Er arbeitet nun daran, seine Verhaltensmuster zu erkennen und dauerhaft zu verändern. „Er muss lernen, ohne Drogen zu leben“, sagt Hermann. In der Ludwigsmühle wird auf vier Ebenen gearbeitet: Psychotherapie, Arbeitstherapie, medizinische Behandlung und Sport. Dazu muss Markus lernen, einen strukturierten Alltag zu bewältigen und sein Selbstwertgefühl zu verbessern. „Das schaffen mehr Menschen, als man denkt.“ Laut einer Studie seien 21,2 Prozent der Rehabilitanden nach einem Jahr noch clean. „In Deutschland gibt es ein sehr gutes Drogenhilfesystem“, betont Hermann. Und Markus, wird er es schaffen? Hermann hofft es. Markus auch.

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