SÜDPFALZ RHEINPFALZ Plus Artikel Südpfalz: Buchhändler versorgen Kunden in Corona-Krise mit Lesestoff

Buchhändler Guido Pausch aus Kandel liefert in Zeiten von Corona bestellte Bücher aus.
Buchhändler Guido Pausch aus Kandel liefert in Zeiten von Corona bestellte Bücher aus.

Was gegen Lagerkoller hilft, ist ein gutes Buch. Die Buchläden sind aber wegen des Coronavirus geschlossen. Deswegen werden Händler zu Bücherboten. Was bedruckte Seiten Menschen jetzt geben können.

Weil seine Kunden nicht mehr zu ihm kommen können, fährt Guido Pausch mit seinen Büchern jetzt zu ihnen. Sein Buchladen in der Kandeler Hauptstraße ist wegen der Corona-Krise dicht. „Das ist eine herausfordernde Zeit, die wir momentan alle erleben“, sagt er. Seit gut einer Woche macht Pausch sich täglich auf den Weg, um seine Kundschaft mit Lesestoff zu versorgen.

Ein bis zwei Stunden sei er unterwegs. Die Bücher, die zuvor telefonisch, per E-Mail oder im Online-Shop bestellt wurden, legt der 57-Jährige an der Haustür oder im Briefkasten ab. Bezahlt wird auf Rechnung. „So vermeide ich persönlichen Kontakt – zu unser aller Schutz“, erklärt Pausch.

García Márquez hoch im Kurs

Ein Buch, das bei ihm gerade oft bestellt werde, ist „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ von Gabriel García Márquez. Der Liebesroman des kolumbianischen Schriftstellers wurde bereits 1987 in Deutschland veröffentlicht. Warum es gerade jetzt wieder gefragt ist? Vielleicht, weil die Leute Hoffnung daraus schöpfen, sagt Pausch.

Hoffnung hegt er auch selbst. Nämlich mit einem blauen Auge aus dieser schwierigen Zeit zu kommen. „Meine Familie hat schon zahlreiche Krisen überwunden. Sogar zwei Weltkriege.“ Die Geschichte seines Ladens, eines waschechten Familienbetriebs, reicht zurück bis ins Jahr 1893.

In Zeiten sozialer Distanz

Pausch sieht sich nicht nur als Verkäufer, wenn er im Laden steht. Er höre seinen Kunden zu. Das Zwischenmenschliche fehle ihm jetzt. Umso mehr zählten die kleinen Gesten, die in Zeiten sozialer Distanz, das Herz erfreuen. Da habe ihn kürzlich eine Frau überrascht. Nachdem er ihr ein Buch vor die Haustür gelegt hatte und zu seinem Auto zurückgekehrt war, sah er, wie sie das Buch aufhebt. Als er sich zu ihr drehte, bekam er von der Frau eine Kusshand zugeworfen. „Ein solches Dankeschön, aber auch nur ein einzige Lächeln, bestärkt mich, durchzuhalten“, sagt Pausch.

„Bei uns ist jeder Kunde Prime-Kunde“, verspricht Ilona Gratzke, Mitinhaberin der Buchhandlung Lesebär in Edenkoben. Sie hofft, dass die Leute in der Krise nicht zum Online-Riesen Amazon abwandern, sondern weiterhin die kleinen regionalen Buchläden unterstützen. „Wer bei uns bis halb sechs bestellt, bekommt sein Buch am nächsten Tag.“ Vorausgesetzt, es ist lieferbar.

Auch Camus ist gefragt

Viele ihrer Kunden fragten derzeit nach dem Roman „Die Pest“ des französischen Schriftstellers Albert Camus, dessen Hauptfigur den Ausbruch der Seuche in der algerischen Küste erlebt. „Das Werk ist schon seit Tagen vergriffen“, sagt Gratzke, die mit Kiefer den Laden in der Tanzstraße betreibt. Die Angestellten des Buchladens sind derzeit beurlaubt. „Ich hoffe, wir müssen nicht all zu lange schließen“, sagt Kiefer. Die Ungewissheit, wie und ob es nach der Krise weiter geht, mache ihr Angst.

„Es geht ums Überleben für uns kleinen Leute“, betont Sandra Nagel. Ihr gehört s'Buchlädel im Maximiliancenter in Wörth. Normalerweise beschäftigt sie sieben Leute. Jetzt ist sie allein im Laden. Einzig ihre zweijährige Tochter ist im Hintergrund zu hören, während sie mit der RHEINPFALZ spricht. „Wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Es muss ja sein. Aber ich hoffe, unsere Bundesregierung hält Wort und hilft uns schnell und unbürokratisch finanziell über die Runde“, wünscht sich die 40-Jährige.

Buchempfehlungen täglich über Facebook

Kredite würden den Kleinhändlern nichts bringen, sagt Nagel. Sie appelliert an Bücherfans, den regionalen Einzelhandel zu unterstützen. Jedes Buch, das jetzt vor Ort und nicht im Internet gekauft wird, trage zu ihrem Überleben bei. Um ihre Kunden bei Laune zu halten, ist Nagel in den sozialen Netzwerken kreativ. Täglich postet sie auf Facebook Buchempfehlungen und gibt per Video Einblicke in ihr privates Bücherregal. „Ich möchte zeigen: Wir sind noch da!“

Frank Braun, Inhaber der Buchhandlung Pyra in Annweiler, vermisst seine Kunden, die zum Stöbern in den Laden kommen. Buchempfehlungen gibt er derzeit am Telefon. Ansonsten nutzt er die Zeit für Putzarbeiten, die Buchführung und Bürokratie, die liegengeblieben ist.

Warum es jetzt schön ist, zuhause zu lesen – dafür hat Margit Thorwart-Rocker von der Buchhandlung Trotzkopp in Landau viele Argumente: „Man kann in eine andere Welt eintauchen, sich ablenken, auf andere Gedanken kommen – jenseits der täglichen Berichterstattung.“ Die Buchhändlerin wünscht sich auch, dass viele Eltern die Zeit zum gemeinsamen Lesen mit ihren Kindern nutzen. Im Trotzkopf-Schaufenster hat sie Idee dekoriert: Bücher, Spiele, Bastelvorlagen und Ostersachen. „Wir wollen Familien inspirieren, was sie gegen Langeweile tun können.“

Es fehlt das Zwischenmenschliche

Das Spiel und Spaß in Bad Bergzabern, wo auch Bücher verkauft werden, geht noch einen Schritt weiter: „Bei uns kann man neben Büchern auch Spielsachen telefonisch bestellen“, verkündet Chefin Claudia Winstel.

Eva Schindler, die bei der Universitätsbuchhandlung Laue in Germersheim arbeitet, würde am liebsten die Tür für ihre Kunden öffnen. „Es fühlt sich schlimm an, so allein im Laden. Die strahlenden Kinderaugen fehlen genauso wie der Plausch mit den älteren Herrschaften. Da merkt man, wie sehr man das Zwischenmenschliche braucht.“

Kontakt

  • s’Buchlädel im Maximiliancenter, Maximilianstr. 1, Wörth, Telefon: 07271 97989, Internet: www.buchlaedel.de
  • Bücher Pausch, Hauptstr. 65, Kandel, 07275 913015, https://buch-pausch.buchkatalog.de
  • Buchhandlung Lesebär, Tanzstr. 4, Edenkoben, 06323 988380, https://buchhandlung-lesebaer.buchkatalog.de
  • Das Buch, Königstraße 53, Bad Bergzabern, 06343 5174, https://dasbuch-spielspass.buchkatalog.de
  • Universitätsbuchhandlung B. Laue, Ludwigstr. 7, Germersheim, 07274 70760, www.genialokal.de/buchhandlung/germersheim/unibuch-laue/
  • Pyra, Hauptstr. 30, Annweiler, 06346 929207, www.buchhandlung-pyra.de
  • Trotzkopp, Ostbahnstr. 7, Landau, 06341 87982, https://trotzkopp.buchhandlung.de/shop/

Zehn Lesetipps für die Krise

„Das Weingut. In stürmischen Zeiten“ von Marie Lacrosse: Zwei junge Leute, die im elsässischen Weißenburg zur Zeit der Französischen Revolution um ihr Glück kämpfen – spannend und authentisch.

„Der Mädelsabend“ von Anne Gesthuysen: Über eine jungen Mutter, den Herausforderungen einer Jahrzehnte währenden Ehe und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung – humorvoll und feinfühlig.

„Aber Töchter sind wir für immer“ von Christiane Wünsche: Dieser Roman lässt uns Leser die Bande spüren, die uns alle mit unseren Familien und unserem Zuhause verbinden – ein bewegender Familienroman.

„Eine Familie in Deutschland“ von Peter Prange: Eine Familie in der Nazizeit und Hitlers Befehl, eine gigantische Automobilfabrik im Wolfsburger Land zu bauen – lebensnah, historisch genau.

„Das Haus der Frauen“ von Laetitia Colombani: Eine mutige Frau, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris ein Haus kauft, in dem sie Frauen aus aller Welt Zuflucht bietet – ein Plädoyer für Solidarität.

„Der Fund“ von Bernhard Eicher: Hat eine Verkäuferin ihr Todesurteil unterschrieben, als sie etwas mit nach Hause genommen hat, was sie besser im Laden gelassen hätte? — ein schnörkelloser Krimi.

„Der Fluss“ von Peter Heller: Eine Geschichte über die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, das Überleben in der Wildnis und die menschliche Unberechenbarkeit – spannend und eindringlich.

„Stern 111“ von Lutz Seiler: Zwei Tage nach dem Fall der Mauer verlässt ein Ehepaar sein altes Leben – ein Panorama der ersten Nachwendejahre in Ost und West.

„Kakao und Fischbrötchen“ von Valentina Brüning: Mama hat einen neuen Freund, der mit seinen drei nervigen Söhnen gleich bei ihnen einzieht. Rita versucht, die Kerle los zu werden – lustig und abwechslungsreich, für Kinder ab neun Jahren.

„Manno!“ von Anke Kuhl: Erzählt in herrlichen Comic-Episoden von der Kindheit der kleinen Anke – darin findet sich die ganze Familie wieder, ab sieben Jahren.

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