Landau
Lernbar in der IGS – Erster Schritt zu Klassenzimmer im Freien
Das Klassenzimmer im Freien? Der Traum vieler Schüler bei gutem Wetter. Einen wichtigen Schritt in diese Richtung haben nun Schüler der Landauer Integrierten Gesamtschule gemacht. Entstanden ist die Idee während der Coronakrise – Aufenthalt in geschlossenen Räumen löste Sorgen aus, die Fenster waren häufig geöffnet. Ulrich Roos hatte da bereits die Idee, direkt ins Freie auszuweichen. „Ich hatte im Außenbereich mehrere Klassenzimmer provisorisch eingerichtet, die unglaublich gut angenommen wurden“, berichtet der stellvertretende Schulleiter. Im Freien andere Perspektiven zu finden, sei gesundheitsförderlich und lerneffektiv, findet der Techniklehrer. „Hinzu kommt: Wir sitzen zu viel.“ Durch die „Lernbar“ entsteht die Möglichkeit eines Wechsels zwischen Stehen und Sitzen. Und das auch noch ungestört und entspannt in der Natur. In seinem Technik-Unterricht der 8. und 9. Klassen experimentiert der Lehrer schon länger zum Thema „Stehen ist besser als sitzen“. Einzelne, von den Schülern selbst gebaute, höhenverstellbare Stehpulte aus Weinkisten stehen bereits in Klassenzimmern verschiedener Jahrgänge. „Es wäre toll, wenn wir das flächendeckend hätten.“ Also arbeitet Roos daran.
Junge Leute fürs Handwerk interessieren
Mit dem Klassenzimmer im Freien möchte er gemeinsam mit seinen Schülern etwas Professionelles schaffen und bei ihnen zugleich die Lust und Neugierde wecken. „Wenn Jugendliche ihre eigene Umgebung verändern, verändert sich auch ihre Perspektive für Beruflichkeit.“ Vielleicht wollen so mehr junge Leute ins Handwerk? Dies werde auch gesellschaftlich immer wichtiger, da der Nachwuchs im Handwerk fehlt, betont der Techniklehrer.
Als Prototyp für die Lernbar entwarfen Roos und seine 14 Schülerinnen und Schüler eine Betonsäule, auf die später eine Holzplatte montiert wurde. Dabei arbeitete das Team mehrere Tage mit einer angehenden Maurermeisterin der Kreishandwerkerschaft Südpfalz zusammen. Außer der Kreishandwerkerschaft ist das Bildungsprojekt Talent Company in das Projekt involviert.
So etwas Festes bauen „ist krass“
Die Maurerin ist Botschafterin für Bauberufe. Sie habe den Jugendlichen „sachgerecht und ordentlich“ beigebracht, „wie man Beton anmischt, einschalt und armiert“, schildert der Didaktische Koordinator – so lautet heutzutage die korrekte Bezeichnung des stellvertretenden Schulleiters. Außerdem weckte die junge Frau auch besonders bei den Schülerinnen die Neugierde, Arbeit in vermeintlichen Männerberufen in Betracht zu ziehen. Das bestätigt Schülerin Michelle Birkmeyer. Am meisten Spaß habe ihr das Arbeiten mit der Maurerin gemacht, erzählt die 14-Jährige. „Auch für die beteiligten Jungs war dies ungewohnt und beispielhaft“, ergänzt Roos.
Für den Bau eines Prototypen wurde zuerst ein Fundament in der Erde errichtet. Das Erdloch auszugraben sei anstrengend gewesen, „wegen der vielen Wurzeln“, sagt Birkmeyer. Die Ergebnissichtung der stabilen Betonsäule beeindruckte die handwerklich interessierte Michelle am meisten. „Dass man aus Draht, Baustäben und Beton so etwas Festes bauen kann, ist krass.“
Kosten sind explodiert
Bei der Tischplatte, der zweiten Phase des Projekts, half ein Zimmermannsmeister. Das Holzpult soll im Winter abbaubar sein. Hierbei spielen die statische Sicherheit und der konstruktive Holzschutz eine große Rolle. Da sich die Lernbar unter Bäumen befindet, ist im Jahresverlauf mit Laubfall und Feuchtigkeit zu rechnen. Der Schüler Leon Kniller half in dieser Phase. „Wir zeichneten Entwürfe auf Papier und bauten Modelle aus Karton nach“, berichtet der 15-Jährige. Anschließend entschieden sich die Jugendlichen für einen von drei Entwürfen. „Es war interessant, dass wir Modelle bauten und jeder sich einbringen konnte.“ Eine Douglasienplatte wurde vermessen, zurechtgesägt, bearbeitet und wasserabweisend behandelt.
Es dauerte mehrere Monate, bis der Prototyp fertiggestellt war. „Wir sind stolz auf das Ergebnis“, berichtet Projektleiter Roos. Bei der Entwicklung gab es allerdings schon einige Tiefpunkte. „Wir verschätzten uns in der Planungszeit. Und die Kosten sind explodiert. Hinzu kamen widrige Umstände durch Corona.“ Der Förderverein der IGS sei unglaublich aktiv an der Schule. Er stehe voll und ganz hinter dem Projekt und unterstütze finanziell.
Auf der Suche nach Metallbetrieb
Das Stehpult wirke inzwischen wie ein kleiner Magnet und die dortige Lernumgebung werde jetzt schon von vielen genutzt. „Wir erfahren sehr viel Zuspruch.“ Nun plant Roos mit seinem Technik-Kurs die Weiterführung zum Klassenzimmer im Freien, an dem mit 30 Personen stehendes Lernen möglich sein soll. Die Schüler erarbeiten hierzu Belastungstests mit Modellbauten aus Spaghetti-Heißkleber-Konstruktionen. Insgesamt sollen mehrere Barflächen von jeweils fünf Metern Länge entstehen. Jede soll von drei Säulen getragen werden. Mit Hilfe von Eltern werden die Fundamente für die Unterkonstruktion der Lernbar ausgegraben und betoniert. Finanziell wird sich erneut der Förderverein einsetzen. In der weiteren Planung baut sich die Lernbar auf Metallstützen anstatt Beton auf. „Aktuell suchen wir einen Metallbetrieb, der uns unterstützt.“ Im Herbst sollen die ersten Klassen die neue Lernumgebung erobern können.