Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Landau: Uigurische Artistin im Sternenpalast

Yuan ist Kontorsionskünstlerin. Sie kann ihren körper extrem verbiegen.
Yuan ist Kontorsionskünstlerin. Sie kann ihren körper extrem verbiegen. Foto: Alexander Hopp

Kontorsionskünstlerin Yuan stammt aus China. Sie gehört zur Minderheit der Uiguren. Als der Saat sie von der aktiven Artistin zur Akrobatik-Lehrerin machen wollte, nahm sie ihr Schicksal selbst in die Hand. Ein Gespräch über Kaninchenfellschuhe, Salsa und Mut – geführt mit Hilfe von Frau Google.

Landau Wenn die chinesische Kontorsionskünstlerin Yuan in flatternder Organzahose und bauchfreiem Glitzertop Abend für Abend zu orientalischen Klängen Leuchter mit brennenden Kerzen auf Händen, Füßen und der Stirn balanciert und sich dazu unendlich beweglich verbiegt, sind Worte nicht nötig, um die Besucher im Landauer Varieté „Palais des Etoiles“ in die fernöstliche Kunst und Kultur zu entführen. Doch wie ist die verbale Kommunikation mit einer Chinesin hierzulande möglich, die weder Deutsch noch Englisch spricht?

Zum Gespräch mit der RHEINPFALZ erscheint Yuan im legeren Trainingsanzug. Die auffallend kleinen Füße wirken in knöchelhohe Lackschuhe geschnürt noch winziger als nackt auf der Bühne. Auf dem Reif, der das schwarze Haar bändigt, verkündet ein Endlosschriftzug die Botschaft „nice“ – nett. Ein kleines Gerät, apfelrot lackiert und von seiner Besitzerin liebevoll mit Glitzersteinen beklebt, öffnet der Asiatin das sprachliche Tor zur westlichen Welt. Darin übersetzt die angenehme Stimme von „Frau Google“ auf Englisch gestellte Fragen ins Chinesische. Umgekehrt überträgt sie in Windeseile alles, was Yuan in ihrer Heimatsprache ins Mikrofon antwortet, schriftlich und gesprochen, auf Englisch zurück.

Wie geht es der Minderheit?

Und die junge Artistin hat viel zu erzählen. Sie kommt aus der Provinz Xinjiang und ist Angehörige der Uiguren. Erwartungsgemäß antwortet sie nicht direkt auf die Frage zur Situation der Minderheit in China, aber ein vielsagender Blick aus den hervorstehenden Mandelaugen verrät, dass sie stolz auf ihre Herkunft ist – und signalisiert dankbare Überraschung, dass auch das ferne Europa von ihrer ethnischen Gruppe weiß. Sie selbst habe während eines ersten Aufenthaltes in Deutschland 2016 beschlossen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Inzwischen gastiert sie mit der Kontorsionsnummer „Rollende Lichter“ nun schon zum dritten Mal in Deutschland. Die Möglichkeit, in Landau im Palais des Étoiles und danach in Bad Nauheim mit ihrer Solonummer auftreten zu dürfen, empfindet Yuan als „großes Geschenk“.

In der Landauer Varieté- Familie fühlt sie sich wohl und geborgen. „Weil ich immer so kalte Füße habe“, lässt sie „Frau Google“ übersetzen, habe ihr eine Künstlerin plüschige Kaninchen-Hausschuhe geschenkt. Davon hat sie ein Foto zu den Freunden in die Heimat geschickt, wo unter Artisten eher harte Konkurrenz herrsche. In Deutschland dagegen sei sie immer hilfsbereiten, netten Menschen begegnet. Sei es im Krankenhaus, wo sie vor drei Jahren nach einem Sturz viel Trost für einen verletzten Fuß erfuhr, oder von Künstlerkollegen, die sie ermutigt haben, ihre Karriere als Solokünstlerin nicht aufzugeben.

Viel über westliche Tanzkunst erfahren

In Landau hat sie in der Veranstalterin und ehemaligen Varieté-Tänzerin Laura Erny eine liebe Freundin gefunden, von der sie viel über moderne westliche Tanzkunst erfahren habe. In der Freizeit erkundet Yuan mit Künstlerkollegen die Weihnachtsmärkte in der Region. Der junge Jonglierkünstler Juan Pablo Martinez nimmt sie mit in die Tanzpaläste in der Rhein-Neckar-Region. Eine Salsa-Bar in Mannheim habe ihr sehr imponiert, und sie habe den Tanz gelernt.

Passt ja auch ansatzweise zur Kontorsionskunst, die Yuan von ihrem sechsten Lebensjahr an in einer Artistenschule hart erarbeitet und perfektioniert hat. Bis zu jenem Tag, an dem man ihr eröffnete, sie dürfe nicht mehr öffentlich auftreten. Nach einigen dramatischen Stürzen und erheblichen Verletzungen sollte ihre Karriere bereits mit 21 Jahren zu Ende sein. Sie wurde zur Akrobatik-Lehrerin berufen und sollte dafür ihre aktive Bühnenlaufbahn beenden.

Abschiedstournee als Anfang

2016 wurde ihr eine letzte Tour mit einer Akrobatiktruppe nach Deutschland, Holland und in die Schweiz genehmigt. Der allerletzte Auftritt sollte bei einem Neujahrs-Varieté in Bad Nauheim sein. Dort habe man ihr Mut gemacht, ihren Traum nicht aufzugeben. Zurück in China verließ sie die Artistenschule und gründete 2018 mit einer Kollegin eine eigene Tanzschule, die mittlerweile mehr als 100 Schüler besuchen. Mit der Solonummer „Brennende Lichter“ gastiert sie weiterhin auf internationalen Bühnen. Die Kerzennummer hat für Yuan einen symbolischen Charakter: „Überall auf der Welt stehen Kerzen für Wärme, Hoffnung und Zuversicht. Das Leben ist so kurz …. Die Lichter sollen Mut machen, das, was einen aus dem Inneren heraus bewegt, zu tun. Alles ist möglich, wenn man es wirklich, aus tiefstem Herzen, will“ übersetzt Frau Google die emotionale Botschaft Yuans an ihre Freunde in ihrer Heimatstadt Urümqi und an alle Menschen auf der Welt, ihre Träume zu verwirklichen.

Geburtstag am 27. Dezember

Zur Verstärkung der Worte schickt Yuan Fotos von Städten, sakralen Orten, Sehenswürdigkeiten und Begegnungen aus dem Westen in den fernen Osten. Auch von der Feier, wenn sie mit der Landauer Artistenfamilie am 27. Dezember ihren 27. Geburtstag feiern wird. Als Aufforderung: „Nehmt euer Leben in die eigenen Hände und ihr werdet das Glück finden“.

Info

Weitere Infos zum Palais des Etoiles und Tickets für die Dinner-Show im luxuriösen Veranstaltungszelt auf dem Alfred-Nobel-Platz am Neuen Messegelände unter www.palais-landau.de

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