Landau
Landau: Reinhold Nasshan zeigt Malerie und Buchobjekte im Frank-Loebschen Haus
Werkstattgespräch: Reinhold Nasshan, gerade 70 Jahre alt geworden, zeigt ab Freitag auf Einladung der Stadt Landau Bilder und Buchobjekte im Frank-Loebschen Haus. Seine Leidenschaft für den Druck entflammte durch alte bewegliche Holzlettern, die er auf dem Flohmarkt fand.
Wenn Reinhold Nasshan über die schemenhaften Figuren und Zeichen auf seinen Bildern spricht, dann beruft er sich auf den Schweizer Psychiater C. G. Jung. Was wir tun, werde gelenkt von den Bildern der Verstorbenen in uns. „In der Mitte des Traumes“ hat er seine Ausstellung denn auch überschrieben. Nasshan: „Die Wirklichkeit und Wirksamkeit der Urbilder und Archetypen sind in den Tiefen meiner Seele immer noch machtvoll tätig. Sie erscheinen in meinen Träumen, meiner Kunst und in dem Chaos meiner Ängste. Ideen, Träume, Visionen des Inneren treten nach außen und werden körperhaft.“
Einige Arbeiten Nasshans wimmeln von grazilen Zeichen und geometrischen Formen und erinnern an Kandinskys konstruktivistische Arbeiten aus den 20er-Jahren. In anderen sind die stark abstrahierten Figuren expressionistisch mit großer Geste ausgeführt. Auf jeden Fall aber muss man sich für die Betrachtung Zeit nehmen, denn einfach zu entschlüsseln ist Nasshans Kunst keinesfalls. Denn die bildnerischen Träume des belesenen 70-Jährigen sind aufgeladen durch seine intensive Auseinandersetzung mit Philosophen und Schriftstellern.
Was Samuel Beckett und Toffifee gemeinsam haben
Sehr intensiv hat sich der Landauer mit James Joyce befasst. Dessen „Finnegans Wake”, der vielen als unlesbar gilt, war Nasshan eine wahre Obsession. Aus ihr ging das Künstlerbuch „Unreadable Usylessly Blue Book” hervor, das auf der internationalen Londoner Kunst-Buch-Messe 2011 als bestes Künstlerbuch ausgezeichnet wurde. Eine besondere Ehre: Es wurde in die National Art Library des Victoria-and-Albert-Museums in London aufgenommen. Die Ehre gebührt auch Nasshans Ehefrau Silvia Schreiber, die seine Bücher bindet. Sie hat das Handwerk noch bei einem Buchbinder gelernt. Als Tochter des Bildhauers Herbert Lorenz aus Gleisweiler ist sie zudem in einem Künstlerhaushalt groß geworden.
Ein wenig kokettiert Nasshan mit der Besucherin in seiner Werkstatt. „Ich lebe in der Zukunft. Was ich gemacht habe, das gucke ich nie wieder an“, sagt er. Dann wird er aber doch nicht müde, die Schätze seiner Schubladen zu offenbaren. Vor allem Bücher und Buchobjekte lagert er in seiner Werkstatt. „Meine Bilder haben mit mir zu tun, meine Bücher sind Dialoge“, sagt er.
So mancher seiner Kommentare ist ironisch gebrochen. So hat Samuel Becketts „Ping“ ihn zu einem Einband aus Toffifee-Verpackungen inspiriert. Die Kunststoffwölbungen geben eben jenen Laut von sich, wenn sie wieder zurück in ihre Form ploppen, nachdem man eins der Karamellbonbons herausgedrückt hat. All seine Buchobjekte sind raffiniert konzipiert. Jeanne d’Arc, der Wehrhaften, hat Nasshan einen Einband wie eine Rüstung verpasst. Bei Mozart soll das schäbige Material an dessen Beisetzung in einem Armengrab erinnern. Für den französischen Philosophen und Semiologen Roland Barthes und dessen „Alphabet“ hat der Landauer ein Kästchen mit Buchstabennudeln gebaut, die sich schüttelnd beliebig mischen lassen. „Der einzelne Buchstabe ist unschuldig“, sagt Nasshan. Wir seien es, die daraus Wörter formen. Und bei seinem Buchobjekt „17061949” hängen zwischen Buchdeckeln aus Metall Kupfergestelle als Seiten, in denen Lederfetzen aufgespannt sind. Ziffern sollen an die Nummern erinnern, die Tote bei der Aushebung von Massengräbern erhalten. Und das Leder von Kleidung oder Schuhen ist es, was darin am längsten erhalten bleibt.
So bereitwillig Nasshan seine Arbeiten zeigt und erklärt, so zögerlich erzählt er von seinem Leben. Eins mag er eigentlich gar nicht sagen, weil es so oft falsch verstanden wird: In der Jugend sei er ein glühender Marxist gewesen. Nicht Kommunist. Und nicht Marxist-Leninist wie viele Kommilitonen in den wilden 60ern, von denen er sich klar distanziert. „Marxismus ist eine Wissenschaft und Lehre ohne eine Belehrung der Menschheit.“ Noch lebhaft ist Nasshan Ernst Blochs Antrittsvorlesung in Tübingen im Gedächtnis: „Wir sind. Aber wir haben uns noch nicht. Deshalb werden wir erst“, habe dieser gesagt. Sonst nichts.
Die These der Entfremdung des Menschen von den Produktionsmitteln bewegt Nasshan noch heute. Klimaschutz, Migration, Globalisierung macht er daran fest und engagiert sich bei Amnesty International. Seine künstlerische Arbeit ist der Gegenentwurf. Noch als Student beschloss er, seine Texte selbst zu drucken und herauszugeben im eigenen Verlag Einhand Press. Geweckt wurde diese Leidenschaft, als er auf dem Flohmarkt eine Kiste mit alten Holzlettern fand, erzählt Nasshan. Mit ihnen machte er seine ersten Druckversuche. 1986 stieß er auch noch auf eine alte Korrex, eine mechanische Druckmaschine, die auf dem Schrottplatz entsorgt werden sollte.
Nach Landau kam Nasshan als Lehrer des Wirtschaftsgymnasiums
Nasshan wurde 1949 in Kirchenarnbach auf der Sickinger Höhe in der Nähe von Landstuhl geboren. Seine Familie stammt aus Kaiserslautern. „Seit dem 12. Jahrhundert gibt es dort Nasshans. Das wissen wir, weil die Nazis das so genau wissen wollten, da wir alle dunkelhaarig sind“, erzählt er. Als der Vater starb, hat ihn die Mutter, die wegen ihres Geschäfts nicht genug Zeit für die Erziehung hatte, ins württembergische Riedlingen gekommen. Gewohnt habe er in einem Kloster des Redemptoristen-Ordens – ein Freund des Vaters hat das vermittelt. Zur Schule ging er in einem öffentlichen Gymnasium.
Nach dem Abitur studierte Nasshan Philosophie und Theologie auf St. Georgen in Frankfurt am Main. An der von Jesuiten geführten Philosophisch-Theologischen Hochschule hat auch Heiner Geißler gelernt. „Die Neugierde und die Lust am Lernen, die dort gepflegt wurde, habe ich bis heute behalten.“ In München und Heidelberg studierte er danach Germanistik und Sport auf Lehramt.
Nach Landau kam er als Lehrer des Wirtschaftsgymnasiums. Das habe er spannender gefunden als das Speyerer Gymnasium, wo er anfing, weil viele verschiedene Berufsgruppen zusammen trafen.
Termin
Die Ausstellung in der Städtischen Galerie im Frank-Loebschen Haus wird am Freitag, 2. August, um 19.30 Uhr durch Oberbürgermeister Thomas Hirsch eröffnet. Zur Einführung spricht Christoph Frey aus Baden-Baden. Werner Goos gestaltet die Vernissage musikalisch. Die Ausstellung ist bis 8. September zu sehen: dienstags bis donnerstags von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr sowie freitags bis sonntags von 11 bis 13 Uhr.