Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Landau: Abt Notker spricht über Visionen für eine bessere Zukunft

Abt Notker Wolf
Abt Notker Wolf Foto: Scholten

Der Benediktinermönch Abt Notker macht Visionen für eine bessere Zukunft zum Thema. Darüber spricht er am Samstag auf Einladung des Vereins „Silberstreif - gegen Altersarmut in Landau“. Altersarmut spielt bei seinem Vortrag ebenso eine Rolle wie Klimaschutz und Europa.

Gibt es die Altersarmut noch oder ist sie abgeschafft?
Ich wünschte, sie wäre abgeschafft. Aber wer Visionen formuliert, muss auch sagen, wie sie erreichbar sind. So müssen wir über den Generationenvertrag reden. Norbert Blüm hat versprochen: „Die Rente ist sicher“, aber er hat nicht gesagt, was dafür zu tun ist. Wir bekommen jetzt die Grundrente. Das ist ein erster wichtiger Schritt. Aber wie die Rente langfristig finanziert wird, ist noch völlig offen. Weil die Wirklichkeit komplex ist, brauchen wir auch komplexe Antworten.

Wie wichtig ist Migration in Ihrer Vision von einer besseren Zukunft ohne Altersarmut?
Wir haben mehr alte als junge Menschen, das könnte durch Zuwanderung geändert werden. Seit 2015 wurden von den Geflüchteten rund 300.000 voll ins Berufsleben integriert. Sie zahlen Steuern und sie zahlen Rentenbeiträge. Nach dem Krieg haben die Flüchtlinge mit am Wirtschaftswunder gebaut. Zuerst waren sie verachtet, aber ohne sie wäre es schwerer geworden. Was damals gelang, kann heute wieder gelingen.

Also beinhaltet Ihre Vision von einer besseren Zukunft auch die Vision von offenen Grenzen?
Auf jeden Fall: Migration ist ein Faktum, vor dem kann ich weder meine Augen noch unsere Grenzen verschließen. Frau Merkels „Wir schaffen das!“ war eine echte Vision, die ich teile. Allerdings fehlt ihr eine gute Strategie. Dennoch: wir können unsere Augen nicht vor der Not der Menschen verschließen, die wegen Hunger, Verfolgung, Krieg oder Armut ihre Heimat verlassen. Wie war es in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als viele Menschen aus der Pfalz teils vor politischer Verfolgung, teils aus Hunger in die USA auswanderten? Niemand verlässt seine Heimat leichtfertig.

Aber eine Vision der offenen Grenzen stößt auf Widerstand.
Das ist mir ganz klar, aber müssen wir vor jedem Widerstand kuschen?

Heißt das: eine Vision zu formulieren, birgt Risiken?
Eine Vision ohne Risiko ist keine Vision. Oft werden Visionen von einer charismatischen Person formuliert, die andere für diese Idee begeistert. Zu einer guten Vision gehört auch eine kluge Umsetzungsstrategie. Unsere Gesellschaft braucht Visionäre. Sie sind Motoren innerhalb der Gesellschaft, die diese vorantreiben.

Wer ist für Sie ein Visionär?
Willy Brandt mit seiner Ostpolitik. Auch wenn Helmut Schmidt lästerte: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ brauchen wir einen Visionär wie Willy Brandt.

Aber seine Vision war heftig umstritten.
Ja, ganz klar, die CDU war vehement dagegen. Aber Brandt hatte 1972 das beste Wahlergebnis für die SPD geholt. Er hat die Menschen von seiner Vision überzeugt.

Gibt es heute Visionäre? Ist Greta Thunberg eine?
Ja, sie ist eine Visionärin – wie überhaupt junge Menschen Visionen haben. Greta Thunberg hat unstreitig einen Nerv der Jugend getroffen. Sie spricht für sie.

Aber bei den Landauer Gesprächen Anfang des Jahres hatten Sie sich noch sehr kritisch über sie geäußert.
Das stimmt. Ich denke, ihre klare Aussage „Ich gebe nicht nach“ bewegt viele. Aber wenn sie sagt, „Ich will, dass ihr Angst habt“, dann werde ich skeptisch. Angst lähmt und verhindert, dass Menschen aktiv werden. Schließlich sagt sie noch: „Ich vergebe euch nicht.“ Das finde ich anmaßend und vermessen. Vergebung ist das Zentrum des Christentums, es macht unser Menschsein aus, dies zu verweigern tötet Gemeinschaft.

Wie sieht denn Ihre Vision einer nachhaltigen, klimafreundlichen und sozialen Wirtschaft aus?
Die Wirtschaft von morgen muss sozial, ökologisch und solidarisch sein. Dabei setze ich auf Genossenschaften, sie betonen die Verantwortung des Einzelnen, und sie wirken in der Region, in der sie angesiedelt sind. Wir brauchen eine Wirtschaft, die auf die Verantwortung des einzelnen Menschen setzt, die ihm hilft, Widersprüche aufzulösen.

Ein Beispiel?
Nehmen wir den Verpackungsmüll. Der wird nach meiner Beobachtung besonders von Menschen erzeugt, die sonst sehr grün sind, sich gegen die Vermüllung unserer Welt aussprechen. Sie kaufen in Geschäften wie „Unverpackt“ ihre Möhren, aber ihre Bücher bei Amazon. Diese Widersprüche müssen angesprochen und aufgelöst werden.

Was meinen Sie mit sozialer und solidarischer Marktwirtschaft?
Eine Wirtschaft, die Armut ernst nimmt. Ich habe die Armut im Mathare-Valley in Nairobi erlebt. Es gehört zu unserer Pfarrei dort. Die Armen dort beuten sich selbst aus. Wir haben mit Geldern der deutschen Bundesregierung Häuser für die Ärmsten der Armen gebaut, und was haben die Armen gemacht? Sie haben ihre Wohnungen verpachtet und neue Slums geschaffen.

Die diesjährigen Wirtschaftsnobelpreisträger Esther Duflo und Abhijit Banerjee haben in ihrer Studie „Poor Economics“ diese Armutswirtschaft beschrieben. Arme Menschen verhalten sich nach ihren Beobachtungen ökonomisch rational. Sie verdienen Geld, wenn sie ihre Wohnung vermieten. Die beiden Nobelpreisträger plädieren dafür, die Logik der in Armut lebenden Menschen zu verstehen,

Unser Gespräch begann mit der Altersarmut. Wird eine soziale Wirtschaft dies ändern?
Nun, Altersarmut entsteht, weil Menschen in ihrem Erwerbsleben wenig verdienen und damit wenig Beiträge für ihre Rente einzahlen. Diese Menschen brauchen einen fairen Lohn, von dem sie leben und mit dem sie für ihr Alter vorsorgen können. Das muss eine Marktwirtschaft, die sozial ist, garantieren.

Sie sprechen in der Marienkirche. Vermutlich werden auch engagierte Katholiken dabei sein. Werden Sie etwas zu Ihrer Vision einer menschenfreundlichen Kirche sagen?
Wenn jetzt der synodale Weg in Rom eingeschlagen wird, dann verweise ich auf den Hl. Benedikt, der uns vorgibt, wann immer ein Problem in der Gemeinschaft ansteht, soll der Abt sämtliche Brüder zusammenrufen. Und zwar wirklich sämtliche, weil Gott oft den Jüngeren eingibt, was das Bessere ist. Die Kirche braucht das Gespräch mit allen.

Das wäre dann eine synodale Kirche?
Ja, das wäre eine synodale Kirche, allerdings hat dieser Begriff einen rechtlichen Beigeschmack, der nicht passt. Ich würde stärker den Dialog betonen – zu dem alle eingeladen werden müssen.

In Ihrer Vision sollen also die Laien sehr viel stärker als bisher bei zentralen Fragen angehört werden?
Ja, absolut. Im Augenblick haben wir eine zweigeteilte Kirche: eine Befehlende und eine Gehorchende. Doch sind wir eine gemeinsame Kirche, in der jede und jeder eine unterschiedliche Aufgabe hat.

Und Maria 2.0 – gehört mit zur Vision?
Die Frauen haben zu lange in der Kirche geschwiegen; aber ich weiß nicht, ob jetzt die Ordination der Frauen der richtige Weg ist. Damit werden Frauen zu Klerikern, und das sind die Herrschenden in der Kirche, die den Gläubigen sagen, was sie zu glauben und bei moralischen Fragen zu tun haben. Wollen die Frauen das? In meiner Vision schaffen wir als erstes eine herrscherfreie Kirche.

Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der Kirche und der Umgang der Kirche mit diesem Missbrauch ist eine brennende Wunde. Auch bei den Benediktinern gab es – zum Beispiel im Kloster Ettal – Missbrauch und Misshandlungen. Was hat der Orden getan?
Es gibt den Orden im rechtlichen Sinn nicht. Die Benediktinerklöster sind alle selbstständig und eigenverantwortlich. Das einzelne Kloster muss die Probleme, die auftauchen, lösen, Beim Kloster Ettal gab es eine apostolische Visitation, denn wir in Rom wollten uns Klarheit verschaffen, was geschehen war.

Sie als Abtprimus hatten also keine Möglichkeit?
Ich hatte keine Möglichkeit einzugreifen. Abt Barnabas hat die Situation gut aufgearbeitet, Er hat eine Studie in Auftrag gegeben und deren Empfehlungen umgesetzt. Ich konnte ihm auch voll vertrauen.

Sehen Sie denn Vorteile in dieser Struktur, dass die Klöster autonom sind und der Abtprimus nicht eingreifen kann?
Ja, ich begrüße es sehr, dass die Klöster selbstständig sind und sich selbst verwalten. Sie bekommen, wenn sie danach fragen, Unterstützung von anderen Klöstern, aber grundsätzlich bleiben sie für sich selbst verantwortlich. Ich sehe in dieser Struktur eine große Chance zum Beispiel für die heutige Gesellschaft und für die Europäische Union.

Das ist ein Plädoyer für ein Europa der Regionen?
Ja, diese ganzen Debatten um den Brexit, um Katalonien, um Schottland, das Baskenland würden sich erübrigen, wenn die Regionen in Europa stärker und selbstständiger würden. Der Föderalismus macht Deutschland stark. Der Zentralismus, wie wir ihn aus Frankreich oder Spanien kennen, schwächt die Eigenverantwortlichkeit der Regionen. So kann Europa nicht stark werden.

Wie sieht – kurzgefasst – Ihre Vision von einer besseren Zukunft aus?
Es geht bei der Erziehung los – in der Familie, in der Schule. Ob ich die Kinder zu eigenverantwortlichen, kritischen denkenden, selbstständig handelnden Menschen erziehe. Dann können wir viele Probleme lösen, denn Bildung ist dafür die Basis. Ich brauche auch das rechte Maß, das gehört einfach absolut dazu.

Und wir müssen genauer anschauen, was aus den Visionen von gestern geworden ist. Schauen Sie, die großen Idealisten der 68er wie Gerhard Schröder oder Joschka Fischer - was ist aus ihren Visionen – dem Marsch durch die Institutionen – geworden? Dieser Marsch durch die Institutionen hat Menschen und Institutionen verändert.

Sie meinen: Auch Visionäre haben ihre Schwächen?
Auch Visionäre haben Schwächen, sie beißen sich an der Realität. Aber ohne Visionäre geht es nicht vorwärts. Wir brauchen diese Motoren in der Gesellschaft, die das Unmögliche denken und das Mögliche wagen.

Zur Person

Notker Wolf wurde 1940 als Werner Wolf, Sohn eines Schneiders, geboren. Beim Eintritt in das Kloster St. Ottilien erhielt er den Namen Notker. Er studierte Theologie, Zoologie, Chemie und Astronomie-Geschichte. 1977 wurde er zum Abt von St, Ottilien, 2000 zum Abtprimus aller benediktinischen Klöster gewählt. Nach Ablauf der zweiten Wahlperiode 2016 verzichtete er auf eine dritte Wahl und kehrte nach St. Ottilien zurück. Dort gibt er Exerzitien und ist Teil der brüderlichen Gemeinschaft

Info

Am Samstag, 23. November, 18 Uhr, beschreibt der ehemalige Abtprimus Notker Wolf auf Einladung des Vereins „Silberstreif – gegen Altersarmut in Landau“ in der Marienkirche seine Vision von einer besseren Zukunft. Im Anschluss besteht bei einem kleinen Empfang Gelegenheit, sich zu informieren.

Maria 2.0: Im Juni dieses Jahren haben Frauen einen eigenen Gottesdienst in der Landauer Marienkirche gefeiert. Abt Notker ist k
Maria 2.0: Im Juni dieses Jahren haben Frauen einen eigenen Gottesdienst in der Landauer Marienkirche gefeiert. Abt Notker ist kritisch, was die Ordination von Frauen angeht. Foto: Iversen
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