Leitartikel Kreis Südliche Weinstraße: Eine Erfolgsgeschichte
Wer sich mit älteren Bürgern über die frühen Jahre des Landkreises Südliche Weinstraße unterhält, der nun 50 Jahre alt ist, hört oft unschöne Schlagwörter: Massenwein, miese Verkehrsanbindung, wenig Gewerbe, kaum Tourismus. Die Region lag im Abseits, der Fortschritt war an ihr vorbeigezogen. Das hat sich geändert. Heute ist der Kreis eine blühende Landschaft. Das haben vor allem dessen Bürger möglich gemacht – und kluge Politiker.
SÜW ist eine Marke
Als vor mehr als 50 Jahren entschieden wurde, die Kreise Landau und Bad Bergzabern zu verschmelzen, war der heutige Name des Gebildes noch fern. Der weitsichtige Gründungslandrat Gerhard Schwetje setzte später den Namen Südliche Weinstraße durch. Wie sich herausstellte, war diese Entscheidung Gold wert. SÜW ist heute eine Marke – nicht nur auf Kennzeichen und als Werbebotschaft. Das Kürzel ist Ausdruck einer Identität. Die Leute hier sagen mit Stolz, dass sie von der Südlichen Weinstraße kommen. Dass der Landkreis erfolgreich ist, hat viele Gründe. In der Region gibt es zahlreiche florierende Betriebe, auch deshalb sind die Neubaugebiete voll. Damit Eltern ihrer Arbeit auch nachkommen können, hat die Südliche Weinstraße frühzeitig auf den Ausbau des Kita- und Schulangebots gesetzt. Den Verantwortlichen dieses Landkreises zwischen Wald und Weinbergen ist es auch gelungen, Attacken auf die Natur weitestgehend zu verhindern. Die Politik war stets bemüht, etwa Aussiedlungen von Weingütern zu steuern und somit eine Zersiedlung der Landschaft zu vereiteln.
In Cannes trinken Promis SÜW-Weine
Deshalb haben die 75 Gemeinden im Landkreis noch heute Ortsbilder wie aus einem Guss. Das ist auch im anfänglichen Geldmangel begründet: Die Orte wurden nicht zugepflastert mit Gewerbeanlagen und Villen. Die Gäste schwärmen deshalb von pittoresken Straßen, die stellenweise wirken wie auf Gemälden von Max Slevogt. Das ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass durch Förderprogramme viel Geld in die Orte geflossen ist. Die Investitionen haben zu einer funktionierenden Infrastruktur in den Kommunen beigetragen. Beispiele sind Sportanlagen, Umgehungsstraßen oder Dorfgemeinschaftshäuser. Ohne die Stärke der Gemeinden wäre die Südliche Weinstraße nicht das, was sie heute ist. Stichwort Wein: Anfangs hatte der Landkreis im Volksmund den Spitznamen „Süßliche Weinstraße“. Massenware war an der Tagesordnung, während an der Mittelhaardt Edeltropfen bereitet wurden. Inzwischen trinken Promis bei der Berlinale oder den Filmfestspielen in Cannes Weine aus SÜW. Dafür haben viele engagierte Winzer gesorgt, aber auch der Verein Südliche Weinstraße. Mit klugen Kampagnen ist es dessen Mannschaft gelungen, der Region beim Aufstieg aus der Weinregionalliga in die Champions League zu helfen.
A-65-Ausbau hat Region nach vorne gebracht
Auch der Tourismus ist heute ein wichtiger Wirtschaftsfaktor im Kreis. Viele Gäste genießen es, im Pfälzerwald unterwegs zu sein und am Abend in einer schicken Vinothek mit einem Riesling anstoßen zu können. Das haben auch Karlsruher, Ludwigshafener und Mannheimer erkannt, die an Wochenenden über den Rhein in die Region kommen. Das ist ein Zeichen für die Anziehungskraft der Südlichen Weinstraße. Der Kreis muss aber darauf achten, dass die Region nicht zu einer Partymeile verkommt. Diesen Balanceakt gilt es zu meistern. Dass so viele Menschen nicht mehr nur für Kurztrips anreisen, sondern hier ihr Häuschen bauen, anstatt vom Balkon in Mannheim auf die Haardt und den Pfälzerwald zu blicken, hat auch mit der A 65 zu tun, die Anfang der 1990er-Jahre komplett ausgebaut wurde. Seither ist die Südliche Weinstraße kein Randgebiet mehr. Doch alles hat seinen Preis. Der vierspurige Ausbau der B 10 wird mehr Lärm und noch dickere Luft bringen – aber vielleicht auch mehr Wirtschaftskraft.
Ernsthaft über Kreisreform debattieren
So oder so: Der Landkreis Südliche Weinstraße ist eine Erfolgsgeschichte. Doch die nächste Herausforderung steht wohl in nicht allzu langer Zeit bereits vor der Haustür: eine Fusion mit der Stadt Landau und dem Kreis Germersheim. Schon jetzt arbeiten die drei eng zusammen – sei es beim Tourismus oder bei der Wirtschaftsförderung. Auch das trägt zum Erfolg der gesamten Region bei. Es wäre deshalb an der Zeit, eine ernsthafte Debatte über eine Kreisreform anzustoßen.