Wochenspiegel RHEINPFALZ Plus Artikel Kommentar: Warum Impfen auch eine Frage der Solidarität ist

Sebastian Böckmann
Sebastian Böckmann

Es ist schon verrückt: Senioren in Heimen sind bereit, sich gegen Corona impfen zu lassen, weil sie nicht nur sich selbst schützen, sondern auch etwas gegen die Pandemie tun wollen. Stichwort Herdenimmunität. So berichtet es ein leitender Mitarbeiter eines Heims in Landau, und so hatte es auch die Senioren-Union der CDU vor wenigen Tagen von ihren Altersgenossen erwartet. Doch Beschäftigte der Seniorenheime zieren sich offenbar noch. So wird aus Herxheim berichtet, dass gerade mal ein Viertel des Personals sich impfen lassen will. In anderen Heimen ist die Bereitschaft offenbar höher, aber auch noch meilenweit entfernt von annähernder Vollständigkeit.

Das ist kein Ruhmesblatt für diejenigen, die sich mit ganz unbestritten hohem Engagement, viel Selbstdisziplin und Kontaktbeschränkung während der Krise in den Senioreneinrichtungen um das Wohlergehen der Bewohner kümmern. Gut, man kann niemanden zwingen, und die Politik hat wiederholt klargemacht, dass sie keine Impfpflicht will. Offenbar soll damit den Coronaleugnern und generellen Impfgegnern der Wind aus den Segeln genommen werden – vielleicht sogar den Spinnern, die Angst davor haben, dass ihnen Bill Gates oder das angebliche Weltjudentum oder irgendwelche Geheimbünde einen Chip einpflanzen.

Schutzbefohlene als Versuchskandidaten?

Aber ist das Abwarten verantwortungsvoll? Immerhin zeigen die Statistiken zu den Todesfällen sehr deutlich, dass das Risiko, an Corona zu sterben, mit höherem Alter exponentiell steigt. Kann man vor diesem Hintergrund erst mal abwarten, welche Nebenwirkungen es beim Impfen geben kann? Sozusagen die Schutzbefohlenen als Versuchskandidaten vorschicken, bevor man selbst den Oberarm entblößt? Eine Heimleiterin hat es sehr gut auf den Punkt gebracht: Wenn sie das Virus ins Heim einschleppen und ihr anvertraute Menschen umbringen würde, könnte sie sich das nie verzeihen. Denn auch das darf man nicht vergessen: Nicht alle Menschen können geimpft werden, es bleibt also ein nicht unerhebliches Restrisiko, dass ungeimpfte Mitarbeiter ungeimpfte Heimbewohner anstecken. Ein weiteres Beispiel: Man kann sich auch kein Klinikpersonal vorstellen, das sich ungeimpft um schwerkranke Patienten kümmert, denen eine Coronainfektion den Todesstoß versetzen könnte.

Diplomatische Verwicklungen

Ein problematisches Verständnis von Solidarität haben allerdings auch jene Rheinland-Pfälzer an den Tag gelegt, die sich offenbar um Impftermine in Baden-Württemberg bemühen, weil es dort schneller geht. Über den versuchten Impftourismus gibt es fast so etwas wie diplomatische Verwicklungen zwischen den beiden Nachbarbundesländern. So hatte sich der Gesundheitsminister im Ländle, Manfred Lucha (Grüne), bei seiner rheinland-pfälzischen Kollegin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) über solche Anmeldeversuche von Linksrheinern rechts des Rheins beschwert. Die hat die Vorwürfe zurückgewiesen.

Daran ist zweierlei bemerkenswert. Erstens liegt es doch wohl auf der Hand, dass bei der Terminvergabe der Wohnort abgefragt wird. Folglich kann man solche Einschleichversuche doch wohl locker unterbinden. Zweitens ist es allerdings kein Ruhmesblatt, wenn in Baden-Württemberg schon Terminvergaben möglich sind, in Rheinland-Pfalz aber nicht. Da fragt man sich dann schon, ob die Organisation im eigenen Bundesland so super läuft und ob der Föderalismus nicht auch oft seltsame Blüten treibt.

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