Landau
Jede Generation infiziert
Billigheim-Ingenheim: Dreibeinlaufen, Sackhüpfen und natürlich das Purzeln über die Festwiese in Billigheim. Seit über fünf Jahrhunderten bewahrt die Gemeinde den Charakter der volkstümlichen Wettbewerbe. RHEINPFALZ-Praktikant Benjamin Fischer berichtet, warum das noch immer funktioniert, gerade bei jungen Leuten.
Es ist ein Sonntag im September irgendwann Ende der 1990er Jahre. Ein Tag wie viele andere auch. Nicht ganz: Denn in Billigheim ist Purzelmarkt – der erste, zu dem meine Erinnerungen zurückreichen. Der Höhepunkt des Festwochenendes, außerdem eine Jahrhunderte währende Tradition. Gefeiert wird ab heute übrigens zum 569. mal.
Damals, vor ungefähr 20 Jahren bin ich ungefähr vier Jahre alt. Ich bin hier aufgewachsen, habe mein bisheriges Leben in diesem Dorf verbracht. In dem Dorf, das sich an diesem eben nicht ganz gewöhnlichen Wochenende stets ein bisschen im Ausnahmezustand befindet.
Ausnahmezustand. Das weiß auch der Vorsitzende des Purzelmarktvereins, Thorsten Blank. Seine Augen leuchten, wenn er vom Purzelmarkt erzählt. In seinem Landauer Amtszimmer hat Blank, der auch Bürgermeister der Verbandsgemeinde Landau-Land ist, ein sehr großes Gemälde hängen, dass das sonntägliche Pferderennen auf der Festwiese zeigt. Blanks Augen leuchten noch immer.
Spektakel: Umzug zur Festwiese
Zurück zu mir: Sonntagmorgens, pünktlich zum Start des Festumzuges, stehe ich Hand in Hand mit meiner Mutter am Straßenrand. Gespannt warte ich auf die ersten Gruppen des Umzuges. Als diese schließlich um die Ecke biegen, bin ich fasziniert. Das ist so etwas von neu für mich. Die vielfältige Mischung aus aufwendig inszenierten Motivwagen, Fanfarenzügen und anderen charmant-witzigen Beiträgen nehmen mich gefangen.
Respekt habe ich vor der traditionellen Kanone, die auch tatsächlich abgefeuert wird. Dabei beobachte ich ein wegen des Trubels durchgehendes Pferd. Die Reiterin schafft es, das Tier wieder zu beruhigen. Aufregend. Für Kinder werden Naschereien von den Wagen geworfen, denen ich nachjage. Erwachsene lädt man aus der Mitte des Umzugs heraus zu einem Schluck Weinschorle ein. Nachdem sich auch der letzte Wagen seinen Weg durchs Dorf gebahnt hat, pilgern die Schaulustigen nach und nach hinterher. Das Ziel: die Purzelmarktwiese.
Dort angekommen, kann man an volkstümlichen Wettkämpfen teilnehmen oder die Pferderennen bestaunen. Ich nehme an Wettkämpfen wie dem für das Fest namensgebende, Purzeln oder dem Wurstschnappen teil. Zugegeben, den Wettkampfcharakter hat das Wurstschnappen über die Zeit wohl ein wenig verloren. Als ich kurz davor bin zu scheitern, werde ich tatkräftig unterstützt um erfolgreich zuschnappen zu können. Eindrücklich auf mich wirkt auch das Stangenklettern, an dem sich Mutige versuchen.
Auch heute, 20 Jahre später, hat der Purzelmarkt seine Anziehungskraft auf mich nicht verloren. Ich werde wie viele Billigheimer meiner Generation, mitfeiern. Der Purzelmarkt ist authentisch. Er hat seine Ursprünglichkeit über die Jahre nicht verloren. Ebenso wenig ist er in der Vergangenheit hängengeblieben. Die Kombination aus Kulturgeschichte und immer mit kleinen Veränderungen dem Zeitgeist angepasst, ist das Erfolgsrezept des Volksfestes, sagt Vereinsvorsitzender Thorsten Blank im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Der Purzelmarkt integriert und verbindet das ganze Dorf, ist ein Höhepunkt im Jahr. Als Billigheimer wächst man unweigerlich mit ihm auf, lernt in der Schule die Historie kennen. Er gehört eben einfach dazu, deswegen kann ich mich auch mit Anfang 20 noch so dafür begeistern und damit bin ich nicht alleine. Vielleicht sehen wir uns ja auf dem Purzelmarkt. Ich würde mich freuen.
Der Autor
Benjamin Fischer ist 23 Jahre alt, ist gebürtiger Billigheimer und bekennender Purzelmarktgänger. Zurzeit absolviert der Student der Sozial- und Kommunikationswissenschaft an der Landauer Universität ein Praktikum bei der RHEINPFALZ-Lokalredaktion in Landau.