Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Investor entwickelt Pläne für altes Viertel

Große Lager bieten viel Platz für Wohnungen und Gewerbe.
Große Lager bieten viel Platz für Wohnungen und Gewerbe.

Die Uferschen Höfe in Landau stehen leer: ein ganzes Karree von Wohn- und Gewerbebauten am Rand der Altstadt. Also in allerbester Lage. Während das Viertel heute den morbiden Charme der Vergangenheit atmet, macht sich Peter Siebert Gedanken, wie es bald werden soll.

Die Schaufenster in der Theaterstraße sind leer, aber oben an der Fassade hängen bereits weiße Fahnen mit einem orangefarbenen, umgedrehten U und dem Slogan „Auf zu neuen Ufern“: die neue Werbung für die Uferschen Höfe in Landau. Nachdem WMF und der auf Kamine, Grills und Gartenmöbel spezialisierte Händler Vogelbacher ausgezogen sind, ist es ruhig geworden im Quartier. „Hier gibt es nicht mal Fledermäuse“, sagt Dietmar Betsch. Für Freunde der „lost places“, aufgegebener Immobilien, wäre das Viertel zwischen Theater- und Kramstraße, Kleinem Platz und Königstraße ein Paradies. Aber der 54-Jährige passt auf, dass es nicht zum Abenteuerspielplatz wird.

Im großen Innenhof liegt ein Sammelsurium an Unbrauchbarem, Ausgemustertem und Aufzuhebendem, Spuren des Lebens und Wirtschaftens der vergangenen Jahrzehnte. Betsch räumt einen Dreschflegel auf. Es liegen Holz, Schilder, eine große Traubenbütte, Autoreifen, Gartentische, Leitern und Kaminkacheln herum. Was heute noch der Hinterhof ist, soll einmal das Herzstück des Quartiers werden. Peter Siebert sieht es schon genau vor sich. „Hier kommt die Gastronomie rein. Darüber können Co-Working-Plätze, also Arbeitsplätze auf Zeit, entstehen und sich Start-ups ansiedeln. Auch Bürolofts sind denkbar und natürlich ein Atelier“, sagt er und zeigt auf einen dreistöckigen Backsteinbau mit großen Eisengitterfenstern, in dem früher mal eine Schreinerei ansässig war.

Industriecharakter bleibt

Diesen Industriecharakter möchte der 46-jährige Investor pflegen. Deshalb ist er gar nicht unglücklich darüber, dass seine Verhandlungen mit Nahversorgern gescheitert sind. Denn für einen Markt hätte dieses Gebäude weichen müssen, und der Neubau hätte die Uferschen Höfe in der Mitte zerschnitten. Auch die Tiefgarage ist nun verzichtbar. Die hatte Siebert Bauschmerzen bereitet, denn in Landau und Speyer wisse man nie, auf was man stoße, wenn man grabe. Der alte Name Judengasse der heutigen Theaterstraße deutet noch darauf hin, dass es sich hier um ein altes Viertel mit bewegter Geschichte handelt.

Luftig, grün und geschäftig will Siebert das Geviert gestalten. Dafür will er die Husarengasse wiederbeleben und einen Durchgang vom Kleinen Platz bis in die Königstraße schaffen. Dafür muss ein Teil der Hinterhofbebauung weichen: einfache Schuppen, ein massiver Anbau und große Überdachungen. Nur zwei der elf Gebäude, die größtenteils im späten 18. und im 20. Jahrhundert errichtet wurden, stehen unter Denkmalschutz. Eines ist das Haus mit der Nummer 9 am Kleinen Platz, an dem noch Teile eines Laubengangs erhalten sind, wie er einst für Landau typisch war. Das zweite ist das Wohnhaus Kramstraße 14, in dem Siebert bereits mit der Sanierung begonnen hat.

Labyrinth verschachtelter Gebäude

Der Investor will das Flair des Ensembles in die heutige Zeit hinüberretten. Daher hat er schon ein Lager angelegt für alte Baumaterialien, die er wiederverwenden will, wie einen Sandstein-Torbogen, breite alte Bodendielen und gusseiserne Säulen.

Die Gebäude selbst sind verschachtelt, es geht treppauf, treppab, um Ecken herum und durch lange Flure. Plötzlich steht man in einem Lager, einem Büro oder in ehemaligen Geschäftsräumen. Dietmar Betsch weiß immer den Weg. „Er musste mich anfangs oft retten, wenn ich mich verlaufen hatte“, sagt Siebert. Betsch hat sein ganzes Leben hier verbracht. Schon sein Vater hat für die damalige Besitzerfamilie Strack gearbeitet. Der heutige Großhändler für Stahl und Haustechnik hat seine Ursprünge in Landau 1790 in diesem Quartier. Heute ist er in einem Neubau im Gewerbegebiet im Norden der Stadt ansässig.

Aber die Spuren der Firmengeschichte finden sich noch überall im Ensemble, von der alten Werbetafel im Hof bis zu den Lagern für Rohre, Ketten und Eisenwaren. Ein Teil der Regale ist schon abgebaut, an anderen kleben noch Zettel oder künden Kreideaufschriften davon, was hier einst eingelagert war. Es gibt aber auch noch einen Pappkarton voller Gipsabgüsse von Landauer Füßen und Holzleisten für Kinderschuhe: Die hat der Schuhmachermeister Laux hier vergessen, erzählt Siebert. Selbst ein Stapel Schultüten findet sich noch in einem der Regale.

Stadtwohnungen im Kettenlager

Wo früher Bullen- Kuh- und Farrenketten, Hintergeschirrketten und leise Ketten – was immer das sein mag – gelagert waren, und wo Lastwagen in der Hofeinfahrt zur Kramstraße hin durch eine Bodenluke beladen werden konnten, möchte Siebert Stadtwohnungen schaffen. Er zeigt aus den Fenstern, lässt den Blick über das Gelände schweifen, deutet auf seinen Plan und erklärt, wie alles einmal werden soll. „Viele Flachdächer bringen da Luft rein“, sagt er. Im Innenhof sind auch Neubauten geplant. Die Dächer will er ebenso begrünen wie einige Fassaden.

Alte, Junge, Künstler, Arbeitnehmer und Bewohner sollen sich hier entfalten können. Im Quartier der Zukunft setzt Siebert nicht mehr auf Autos, sondern auf den Nahverkehr, auf Car-Sharing, Miet- und Lastenräder, die man sich über eine Quartier-App ausleihen kann. Auch wenn die Lofts das hergäben, will Siebert keine Luxusdomizile, und er setzt auch nicht auf Verkauf, sondern will die Bauten in den eigenen Bestand übernehmen. Mit Unterstützung des Landes will er Kaltmieten von 6,40 Euro und 7,40 Euro ermöglichen, um auch für soziale Durchmischung zu sorgen.

Beim Handel wird es schwierig

Während es kein Problem sein dürfte, für die Wohnungen Mieter zu finden, sieht er in der Ansiedlung von Einzelhandel eine echte Herausforderung. Die Theaterstraße hat schon jetzt einige Leerstände zu beklagen. Die Vorgabe der Stadt, in den Uferschen Höfen einen Nahversorger zu integrieren, hatte daher darauf abgezielt, den Standort mit einem Frequenzbringer noch attraktiver zu machen. Doch nun ist der Handel in der Krise. Corona bedroht vor allem die Existenzen der inhabergeführten Geschäfte. Städteplaner landauf, landab diskutieren neue Konzepte.

Siebert will neues Leben ins alte Geviert bringen. Er sprüht nur so vor Ideen. Mit Stefan Dorst, der die Weinhandlung am kleinen Platz betreibt und manchen guten Tropfen in den Uferschen Höfen lagert, macht er bereits Pläne. Der Weinheimer Immobilienkaufmann, der mit seinem 73-jährigen Vater Herbert einen erfahrenen Architekten und ein 22-köpfiges Team zur Seite hat, ist auch mit Leidenschaft an seine anderen Projekte in der Rhein-Neckar-Region gegangen. Als Beispiel nennt er ein kleines Quartier im Mannheimer Jungbusch mit Wohnraum für über 30 Studenten, dem Kulturcafé „Dankbar“ und einem Proberaum. „Wir sind sehr kunstaffin“, sagt der Vater von vier Kindern. Für Landau hat er einen Graffiti-Workshop angeleiert. „Die können hier alles vollsprühen, was sie wollen, bevor die Bauarbeiten beginnen“, sagt er und freut sich schon drauf.

Infopoint für Neugierige

Wo bis vor Kurzem erst Kunst, dann Kinderbilder die Schaufenster an der Theaterstraße schmückten, kommen jetzt Poster zu den neuen Plänen für das Viertel rein. Hier befindet sich auch das Baubüro, von dem aus Schritt für Schritt Sanierung und Wiederbelebung umgesetzt werden. Im Fenster und in einem Infopunkt am Kleinen Platz, wo der erste Abriss eines Lagers über eine Toreinfahrt erfolgen soll, wird über den Fortgang der Arbeiten informiert.

Losgegangen ist es schon mit der Sanierung des Hauses Kramstraße 14, eines alten Wohnhauses mit Stuckdecke und Buntglasfenstern, das seit vier Jahren leer steht und neues Heim für eine Familie werden soll.

Umziehen müssen auch Betsch und seine Frau Ekaterina mit zwei Katzen. Auch in ihrer bisherigen Wohnung gehen bald Arbeiter ein und aus. Damit schließt sich ein Kreis: Sie ziehen in die ehemalige Wohnung seiner Eltern. „Den krieg’ ich nicht los“, sagt Siebert und lacht – will er aber auch gar nicht: „Das ist unser wichtigster Mann vor Ort.“

Ein kleiner Innenhof im labyrinth der gebäude.
Ein kleiner Innenhof im labyrinth der gebäude.
Einer von vielen Fluren, die die Gebäude verbinden.
Einer von vielen Fluren, die die Gebäude verbinden.
Die Lager sind geräumt.
Die Lager sind geräumt.
Investor Peter Siebert und Hausmeister Dietmar Betsch mit den neuen Plänen.
Investor Peter Siebert und Hausmeister Dietmar Betsch mit den neuen Plänen.
Ein rest der alten Buchhaltung.
Ein rest der alten Buchhaltung.
An der Theaterstraße hängen schon Fahnen mit dem neuen Logo.
An der Theaterstraße hängen schon Fahnen mit dem neuen Logo.
In diesen Räumen ist Landauer Wirtschaftsgeschichte geschrieben worden.
In diesen Räumen ist Landauer Wirtschaftsgeschichte geschrieben worden.
Das waren die Anfänge der Uferschen Höfe.
Das waren die Anfänge der Uferschen Höfe.
x