Karlsruhe
Hirn-OP live: Ein Professor räumt auf mit Mythen und Ängsten
Die Schädeldecke ist schon mal geöffnet, immerhin. Aber es braucht noch mehr Platz. Der Operateur weitet das Loch mit einem kleinen Bohrer, Millimeter für Millimeter. Der Mensch, dessen Gehirn da gerade freigelegt wird, ist nur in Umrissen zu erkennen. Er ist umhüllt mit Laken wie eine Mumie. Während der Chirurg weiter bohrt, saugt eine OP-Assistentin Hirnwasser ab, das durch einen durchsichtigen Schlauch abläuft. Und man selbst steht vor dieser großen Glasscheibe mit Blick auf den OP-Saal und hofft, dass der Arzt da drin einen guten Tag hat.
Ein Morgen im Städtischen Klinikum Karlsruhe. Die Frau in Laken, erzählt Uwe Spetzger, Direktor der Klinik für Neurochirurgie, hat ein Aneurysma im Kopf. Dabei handelt es sich, laienhaft gesagt, um die Erweiterung eines Blutgefäßes, die dort eigentlich nicht hingehört. Heißt: Nicht gut, sollte weg. Denn platzt so eine Ausbuchtung, kann das tödlich enden. Um das zu verhindern, muss das Aneurysma von der Blutversorgung abgeschnitten werden. Um dort jedoch hinzugelangen, braucht es Fingerspitzengefühl. Und gute Nerven.
Auch Formel-1-Star Vettel war schon dabei
Spetzger, lockige Haare, randlose Brille, vom Sozialtyp der freundliche Nachbar, mit dem man auch mal auf der Terrasse grillt, ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Neurochirurgie. Der Mediziner hat an deutschen und amerikanischen Universitäten geforscht, heute hat er eine Professur am KIT in Karlsruhe inne. Hunderte Operationen hat der 62-Jährige ausgeführt, auch im Ausland.
Dass nichtmedizinisches Personal bei einer Hirn-OP zuschauen darf, ist eine Besonderheit. Spetzger hat das möglich gemacht, indem er die Aktion „Gehirnchirurg für einen Tag“ ins Leben gerufen hat. Er will Otto-Normal-Bürgern die Möglichkeit geben, in die Welt der Neurochirurgie einzutauchen. Aber auch schon Promis waren bei Spetzgers Aktionen dabei, unter anderem Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel. Und das ist nebenbei natürlich auch gute Publicity für das Klinikum.
Macht Musik von Mozart intelligenter?
Über das Gehirn kursieren zahlreiche Erzählungen und Mythen. Zum Beispiel, dass die rechte Hirnhälfte fürs kreative, die linke fürs analytische Denken zuständig sei. Oder dass der Mensch nur zehn Prozent seiner Hirnkapazität nutze. Oder dass man zuerst die Muttersprache erlernen müsse, um eine Fremdsprache sauber beherrschen zu können. Noch einen? Okay. Dann was für Klassikfans: Es heißt hier und da, wer Mozart höre, werde intelligenter. Also, Strich drunter: Die Forschung sagt, das sei alles Blödsinn.
Aber wie ist es damit: Es heißt doch immer wieder, im Kopf sei der Sitz der Seele. Ist wenigstens da was dran? Na ja, das sei so auch nicht richtig, sagt Spetzger. Es gebe keinen bestimmten Ort, an dem die Persönlichkeit sitze, die werde aus vielen Regionen des Gehirns gespeist. „Das Gehirn macht uns übrigens alle gleich“, sagt Spetzger. Denn ob Mann oder Frau, schwarz oder weiß, Bier- oder Weintrinker – das Innere unseres Kopfes verrät nichts darüber. „Das Gehirn ist monoform, es sieht immer gleich aus“, betont der Professor.
Der Professor wird bleich um die Nase
Zurück vor die Glasscheibe mit Blick auf den OP-Raum. Über einen Bildschirm können die Teilnehmer der Aktion die Arbeit des Operateurs in Nahaufnahme verfolgen, der sich durch die Hirnwindungen fummelt und den Weg zum Aneurysma langsam freilegt. Heißt konkret: Das Hirn muss etwas zur Seite geschoben werden, um an das Aneurysma zu kommen. Der Wirtschaftsprofessor von der Fachhochschule, einer der Teilnehmer, der bis vor wenigen Minuten nicht müde wurde, über seine akademischen Heldentaten zu berichten, wird unterdessen ziemlich bleich um die Nase. Spetzger sagt, das Gehirn sei, anders als vermutlich viele dächten, recht robust. Auf der anderen Seite sagt er aber auch: „Das ist keine banale Angelegenheit, so eine OP. Denn beim Hirn hat man nur eine Chance als Operateur. Was kaputt ist, ist kaputt. Deshalb wird jeder Schritt genau vorbereitet.“
Wie bei jedem anderen Job auch, bekomme man mit der Zeit aber eine gewisse Routine, erklärt der Neurochirurg. Seltsam werde es mitunter nur, wenn diese Routine plötzlich unterbrochen wird. „Ich hatte vor einigen Jahren mal drei Wochen am Stück Urlaub, in dem ich wirklich keinen OP von innen gesehen habe. Da fängt man nach einer Zeit schon an, sich zu überlegen: Was mache ich da eigentlich? Ich operiere in einem Gehirn eines anderen Menschen. Am Ende kommt man aber auch nach einer kurzen Pause wieder schnell in seiner Routine an“, sagt Spetzger. So ganz könne er in seinen Urlauben meist aber doch nicht aus seiner Haut. „Ich habe auch schon einen halben Tag in einem OP eines Kollegen in einer Klinik in anderen Ländern verbracht und dort mit angepackt. Meine Frau kennt das schon“, sagt er und schmunzelt.
Warum er seine eigene Mutter operiert hat
Spetzger ist ein ungewöhnlicher Typ, erfrischend, weil er nicht diese Chefarztattitüde hat wie manche seiner Kollegen, die auftreten, als seien sie vom Himmel herabgestiegen, um die Menschheit von Krankheit und Leid zu befreien. Spetzger jedenfalls hat in seinen 34 Berufsjahren schon zig Menschen operiert, junge und alte, große und kleine. Und sogar seine eigene Mutter. Wie bitte? „Ja“, sagt er. Sie habe Lähmungserscheinungen gehabt, dann hieß es: OP. Sie ließ sich operieren, doch das Ergebnis habe ihm nicht gefallen, so Spetzger. Er habe das selbst mit einem minimalinvasiven Eingriff gelöst, also seiner Frau Mama eben nicht den halben Schädel geöffnet. „Das war gut“, sagt er. Hoffen wir’s mal.
An diesem Morgen in Karlsruhe wird auch ein Mann an der Halswirbelsäule operiert, Konrad Eichberger. Er, 80 Jahre, Physiker, lebt in München. Seine Bekannten hätten ihm Spetzger empfohlen, deshalb sei er extra nach Karlsruhe gekommen, erzählt er einige Wochen nach dem Eingriff am Telefon. Er leide unter dem Restless-Legs-Syndrom, also unter einem unkontrollierbaren Bewegungsdrang seiner Beine. In München habe er sich vor ein paar Jahren untersuchen lassen, es ging in die Röhre. Ergebnis: Hals- und Lendenwirbel sind teilweise kaputt. „Die wollten mich direkt operieren. Ich hatte aber keine Schmerzen“, erzählt Eichberger.
Schädelknochen wird wieder angeschraubt
Deshalb wartete er ab. Dann wurden die Symptome aber stärker, „meine Hände wurden auch taub“. Also entschied Eichberger sich doch für die OP. Wie es ihm nun geht? „Geht so“, sagt er. Gebessert habe sich seine Lage noch nicht, er sei aber auch kürzlich schwer gestürzt. Spetzger will sich jetzt die Sache noch mal genauer anschauen, bevor womöglich erneut operiert wird nach diesem Sturz. „Viele wissen nicht, dass hier nur ein Drittel der Operationen am Gehirn stattfinden, zwei Drittel laufen an der Wirbelsäule.“
Ein letztes Mal vorm OP-Saal: Der Operateur, der die Dame vor sich liegen hat, kommt so langsam zum Schlussakt. Mit einer Pinzette hält er einen Klipp, ähnlich einer Haarklammer. Damit will er die Leitung zum Aneurysma abklemmen, damit es nicht mehr mit Blut versorgt wird. Jetzt dauert es nur noch wenige Sekunden, der Klipp umfasst bereits die Arterie, dann, zack, schnappt das Teil zu. Ende. Aus. Leben gerettet. Aneurysma, das im Übrigen aussieht wie ein eitriger Pickel, ade. Dann wird nur noch das Stück Schädelknochen wieder angeschraubt. Und gut.
Bei Demenz-Diagnose etwas im Kopf entdeckt
Die Frau, deren Hirn da bearbeitet wird, heißt Heidemarie Meixner, ist 69 Jahre alt und kommt aus Ettlingen. Ihre Tochter, Marion Rothfitz, übernimmt das Reden, denn ihre Mutter leidet an Alzheimer. Wie hat sich bemerkbar gemacht, dass da etwas nicht stimmt? „Meine Mutter hat selbst gemerkt, dass etwas komisch ist, sie sich gewisse Sachen nicht mehr merken konnte. Sie hat sich dann untersuchen lassen, das war 2022. Und dann kam die Diagnose: Alzheimer“, berichtet Rothfitz. Dass auch noch ein Aneurysma im Kopf schlummerte, sei ein Zufallsfund bei der Untersuchung gewesen. „Das war hart. Sie hatte nämlich dann immer bei Kopfschmerzen Angst, dass das Ding platzen könnte.“ Ihrer Mutter gehe es gut, sie habe die OP gut überstanden. „Man sieht ihr den Eingriff nicht an von außen, die Haare sind bereits über die Narbe am Kopf gewachsen. Sie ist einfach froh, dass sie die OP hat machen lassen“, sagt die Tochter.
Spetzger freut sich über solche Sätze. Er sagt: „Das Hirn ist kein schlaffer Muskel wie das Herz, sondern das spannendste Organ des Menschen, über das wir immer noch verdammt wenig wissen.“ Einem selbst gehen nach diesem Morgen im Klinikum in Karlsruhe viele Dinge im wahrsten Sinne des Wortes durch den Kopf. Aber zuerst braucht es ein belegtes Brötchen und eine Tasse Kaffee – denn so eine Hirn-OP ist auch fürs Nervenkostüm nicht die leichteste Kost.
Info
Wer „Gehirnchirurg für einen Tag“ sein möchte, muss sich bewerben. Die Teilnehmergruppe wird per Los zusammengestellt. Informationen dazu gibt es im Internet unter gehirnchirurg1tag.de.