Landau / SÜW
Hilferuf der Krankenhäuser: Lassen Sie sich impfen
Ärzte aus 14 Krankenhäusern in der Pfalz von Kandel bis Grünstadt haben in einer gemeinsamen Erklärung an die Bevölkerung appelliert, sich impfen zu lassen. Seit dem Wiederanstieg der Infektionszahlen vor rund einem Monat wächst die Zahl derer, die wegen einer Corona-Erkrankung stationär aufgenommen werden müssen.
Angesichts der Erkenntnis, dass nun vor allem junge Menschen ohne Corona-Schutzimpfung betroffen sind, die gestern noch gesund waren und heute um ihr Leben kämpfen, haben die Pfälzer Krankenhäuser einen Impfappell an die Bevölkerung gerichtet. „Schützen Sie sich und ihre Angehörigen – Seien Sie solidarisch und helfen Sie uns – Lassen Sie sich impfen“, heißt es in der Erklärung.
Patienten jünger
Dass die Infiziertenzahlen steigen, sehen die Mediziner mit Sorge. Auch Dirk Piorko und Hans Christian Hogrefe, Ärztliche Direktoren des Vinzentius-Krankenhauses und des Klinikums Landau-Südliche Weinstraße, bestätigen, dass die Patienten der vierten Welle jünger sind. „In der ersten Welle waren fast alle über 60, jetzt sind die meisten deutlich unter 60 Jahre“, sagt Dirk Piorko. 20 Prozent der Patienten seit 1. September waren jünger als 30 Jahre, 40 Prozent zwischen 30 und 60 Jahre und 39 Prozent älter als 60.
Das Vinzentius zählt seit 1. September 34 Corona-Patienten. Davon hatten 28 keine Impfung gegen Sars-CoV-2, vier waren geimpft, einer genesen und bei einem war die Lage unklar. Von den vier geimpften Personen, die erkrankt waren, sind drei älter als 65 Jahre. Ein 38-Jähriger hatte keine Symptome und war wegen anderer Probleme im Krankenhaus, wo der Corona-Test positiv ausfiel. Drei der 34 Patienten lagen und liegen auf der Intensiv-Station, darunter eine Frau Anfang 30 und ein 29-Jähriger, der gestorben ist. Beide hatten laut Piorko Übergewicht, was bei einer Corona-Erkrankung ein Risikofaktor ist. Seit zweieinhalb Wochen liegt eine 31-Jährige auf der Intensiv-Station.
88 Prozent ohne Impfung
Im Klinikum Landau-Südliche Weinstraße sind seit September sieben Personen im Alter von 38 bis 65 Jahren intensiv behandelt worden. Sechs von ihnen hatten keine Schutzimpfung gegen Corona. Ein Mann über 80 Jahre ist gestorben, obwohl er geimpft war. Stand Montag versorgt das Klinikum aktuell fünf Covid-Patienten, aber keinen mehr auf Intensiv. Die Einrichtung, die auch Standorte in Annweiler und Bad Bergzabern (mit Intensiv) unterhält, ist nur in Landau Anlaufstelle für die Corona-Fälle. Deren Behandlung war von Anfang an aufwendiger, weil besondere Sicherheitsvorkehrungen gelten.
Zu Beginn der Pandemie im vergangenen Jahr hat das Klinikum eine Station geschlossen und dort eine Corona-Station mit Schleusenzimmer eingerichtet, damit die Patienten von den anderen abgeschottet sind. Das Personal muss beide Intensiv-Stationen versorgen. „Das ist immer noch eine Herausforderung“, sagt Hans Christian Hogrefe.
Rein, raus, rein, raus
Jedes Mal, wenn eine Pflegekraft etwas trinken oder auf die Toilette möchte, muss sie die Schutzkleidung wechseln. Schutzanzug aus, Visier über der Maske ablegen, durch die Schleuse raus, zurück wieder rein, neuer Schutzanzug über die Dienstkleidung und Visier wieder richten. Das sei für das Personal sehr aufwendig und körperlich sehr anstrengend, betont Christian Ott, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin am Klinikum.
Noch in anderer Hinsicht ist der Aufwand der Versorgung von Corona-Patienten von Bedeutung: Die Krankenhäuser fahren hohe Verluste ein. Zum einen sind in der Anfangsphase viele Operationen verschoben und Betten frei gehalten worden. Zum anderen können weniger Menschen auf den Intensiv-Stationen versorgt werden, wenn gleichzeitig mit derselben Mannschaft auf der Covid-Station Schwerkranke der Pflege bedürfen. Der Vergleich: Können auf der Intensiv-Station am Standort Landau des Klinikums im Drei-Schicht-Dienst neun Intensiv-Patienten betreut werden, reicht die Kapazität laut Christian Ott auf der regulären Intensiv-Station nur noch für sechs Patienten, wenn ein Corona-Erkrankter intensiv begleitet werden muss. „Es leiden die anderen Patienten im Haus, wenn wir Covid-Patienten versorgen“, sagt Ott.
Dritte Impfung beim Personal
Von Stresssituationen auf der Intensiv-Station berichtet auch Dirk Piorko. Die Corona-Patienten müssten beatmet und regelmäßig im Bett umgedreht werden, wenn sie lange liegen. „Das ist für das Personal sehr belastend.“ Der Mangel an Pflegepersonal sei vor allem das Hauptproblem, wenn Mitarbeiter ausfielen. Apropos Mitarbeiter: In beiden Krankenhäusern sei die Impfbereitschaft recht hoch, heißt es, über 80 Prozent seien vollständig geimpft. Im November wird mit der dritten Impfung begonnen. Das Bewusstsein des Personals für die Verantwortlichkeit gegenüber dem Patienten sei groß, berichtet Hogrefe.
Dieses Bewusstsein wünschen sich die Ärzte auch von den Bürgern. „Die Leute müssen Angst vor der Krankheit haben und nicht vor der Impfung“, betont Dirk Piorko. Eine Krankheit mit einer so hohen Sterblichkeit – weltweit und auch deutschlandweit liege die Corona-Todesrate bei zwei Prozent – müsse ernst genommen werden. Es gebe kaum eine Impfung, die in so kurzer zeit so breit und so gut beobachtet worden sei wie die gegen Corona, betont Piorko. Bislang seien weltweit über 6,5 Milliarden Dosen verimpft worden. Christian Ott warnt vor den möglichen Langzeitfolgen einer Infektion. Die Impfung habe nur selten Nebenwirkungen, aber eine Erkrankung könne weitreichende Konsequenzen haben.
Brennpunkt Schule
Hans Christian Hogrefe sieht in den Schulen einen aktuellen Brennpunkt: „Dort verbreitet sich die Infektion.“ Der Arzt hält es für fahrlässig, wenn Eltern Kinder mit Grippesymptomen in die Schule schickten. Denn die Kinder könnten das Virus weitergeben, was unter Umständen Menschen in Quarantäne zwinge, die am Arbeitsplatz dringend gebraucht würden. „Wir reden immer noch von einer Dunkelziffer, deren Größe wir nicht kennen.“