Landau / SÜW RHEINPFALZ Plus Artikel Gläubige entsetzt: Die Lüge des Papstes ist der Gipfel

Der gebürtige Landauer und Ehrenbürger der Stadt, Kardinal Friedrich Wetter, soll Missbrauch in der katholischen Kirche gedeckt
Der gebürtige Landauer und Ehrenbürger der Stadt, Kardinal Friedrich Wetter, soll Missbrauch in der katholischen Kirche gedeckt haben, so der Vorwurf. Der Platz vor der Marienkirche trägt seinen Namen.

Die jüngsten Enthüllungen einer Münchner Anwaltskanzlei zu den Missbrauchsvorwürfen in der katholischen Kirche werden Auswirkungen haben, da ist sich das Kirchenvolk sicher. Wie groß ist der Schaden, den das System Kirche genommen hat?

Für Gabi Becht ist jetzt der Gipfel erreicht. Die 73-Jährige, die sich in der Initiative katholischer Frauen Maria 2.0 der Großpfarrei Mariä Himmelfahrt Landau engagiert, meint damit die Lüge des Papstes Benedikt XVI. Die Anwälte haben dessen Aussage widerlegt, er sei an einer entscheidenden Sitzung, in der es um einen konkreten Missbrauchsfall ging, nicht dabei gewesen. „Es ist so unerträglich, dass in einer Kirche, die von Wahrheit spricht, von Offenheit und Liebe, was in der Nachfolge Jesu ja richtig ist, so gelogen wird. Und das von einem Papst, der doch Vorbild sein sollte.“ Für Becht übersteigt das alles bisher Dagewesene. „Man kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.“

Was also erwartet sie von der katholischen Kirche? Zunächst einmal müssten die betroffenen Herren zugeben, dass sie weggeschaut haben, und bekennen: „Ich habe nur an mich gedacht.“ Jemand, der keinen festen Glauben an Jesus habe, frage sich doch nun, was Kirche für ein Verein sei. „Die katholische Kirche ist unglaubwürdig geworden.“ Sie war laut Gabi Becht schon immer ein Verein alter Männer mit ihren Fantasien und müsse reformiert werden. „Da müssen Frauen rein, da muss die Hierarchie abgeschafft werden. Das ist viel zu absolutistisch.“ Auch über die Unfehlbarkeit des Papstes wäre mal nachzudenken, sagt Gabi Becht und ergänzt, viele Dinge hätten noch nie in die Zeit gepasst. Die Kirche sei ein Verein, der den Menschen Angst gemacht habe und sie an die Kandare genommen habe, ein Verein, der nur an sich gedacht habe.

Täter- vor Opferschutz

„Man hat mehr die Täter geschützt als die Opfer“, sagt Klaus Armbrust, Pfarrer im Ruhestand, der seit vielen Jahren den Landauer Hungermarsch organisiert. Er hat das Gutachten im Internet nachgelesen, und ihn hat erschüttert, dass bei Laien in der Kirche, die sich des Missbrauchs schuldig gemacht hatten, ganz andere Maßstäbe angelegt worden seien als bei Priestern. „Da hat man versucht, die Sache klein zu halten.“ Laien seien entlassen worden, Priester nicht. Das habe zwar auch mit dem Kirchenrecht zu tun, „aber das rechtfertigt die Sache nicht“, sagt Armbrust.

Dass nun erstmals auch ein Papst betroffen ist, dem vorgeworfen wird, sich nicht genügend des Problems angenommen zu haben, werde Auswirkungen haben – beispielsweise durch weitere Kirchenaustritte. Der Skandal beschädige die Vielen, „die sich redlich bemühen um die Sache der Kirche“. Armbrust meint aber auch, dass schon viele Dinge auf den Weg gebracht worden seien, um das Problem aufzuarbeiten. „Auch in unserer Diözese zusammen mit Bischof Wiesemann wurde viel getan. Ein Weiter so kann es nicht geben “, unterstreicht er.

Genaue Kenntnis wichtig

Pfarrer Arno Vogt aus Herxheim distanziert sich von den Praktiken, die dem Erzbistum München und Freising vorgeworfen werden. „Wenn ein Priester versetzt wird, würde ich als Verantwortlicher ganz genau wissen wollen, warum. Ging es um Finanzen? Oder um sexuelles Fehlverhalten? Oder etwas ganz anderes?“ Dass man dort nicht genauer hingeschaut habe, wundere ihn.

Er selbst habe das Gutachten in der Kürze der Zeit noch nicht gelesen, finde die genaue Kenntnis für eine Beurteilung jedoch sehr wichtig. Angesprochen auf Kardinal Wetters Aussage, vor 2010 habe man nicht von den Schäden gewusst, die bei den Opfern durch sexuellen Missbrauch entstehen, erklärt er: „Es war ein Fehler, dass man sich nicht mit den Opfern unterhalten hat.“ Man müsse jedoch bedenken, dass in vielen Fällen auch die Familien der Opfer die Geschehnisse nicht an die große Glocke hängen wollten.

Über die Zukunft der katholischen Kirche wirkt er besorgt. „Wir versuchen vor Ort gute Arbeit zu machen“, erklärt er. Dennoch seien die Austrittszahlen schon seit vielen Jahren hoch. Nicht nur, aber auch wegen der Missbrauchsvorfälle, denn es bestehe inzwischen eine Art Generalverdacht. Dadurch seien auch die kleinen Gemeinden von den Versäumnissen der Verantwortlichen betroffen.

Anzahl der Austritte steigt

Im Landauer Einwohnermeldeamt haben am Freitag zwei Mitglieder der katholischen Kirche ihren Austritt erklärt, seit Januar waren es 42. Nach Angaben der städtischen Pressestelle steigen die Zahlen seit Jahren kontinuierlich. Hat die katholische Glaubensgemeinschaft im Jahr 2017 in Landau 247 Mitglieder verloren, waren es 2019 schon 444 und im vergangenen Jahr 639 Austritte.

Er werde den Umgang der Kirche mit Missbrauch in einer seiner nächsten Predigten ansprechen, kündigt Pfarrer Bernd Höckelsberger von der Pfarrei Heilige Edith Stein Bad Bergzabern an. „Die Menschen warten doch darauf“, sagt er. Das Gespräch mit den Gläubigen ist ihm wichtig. „Aber das ist momentan sehr schwierig, vor Corona waren wir mit den Gottesdienstbesuchen zufrieden, jetzt kommen aber deutlich weniger Menschen.“ Für ihn steht fest, dass „in der Vergangenheit einiges unter den Teppich gekehrt worden ist“. Gespannt wartet Höckelsberger auf die Stellungnahme des Münchner Kardinals Marx. In der Öffentlichkeit werde sehr viel über den Missbrauchsfall H. gesprochen, „aber es gibt leider so viele andere, die genauso schlimm sind“. Ob es wegen des Gutachtens noch mehr Kirchenaustritte gebe, könne er nicht sagen. „Die Zahlen sind schon lange hoch und das Missbrauchsthema beschäftigt uns auch schon lange“, so Höckelsberger.

Die Würde der Kinder

Es werde sich in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten erst noch zeigen müssen, inwieweit in der Kirche entschieden persönlich Verantwortung übernommen werde, meint Matthias Bahr, Professor am Institut für Katholische Theologie der Uni Landau. Erste Anzeichen aus Rom machten wenig Hoffnung. Das wäre ein Desaster, weil der jetzt schon immense Vertrauensverlust nochmals gesteigert würde. „Alle, denen Glaube und Kirche wichtig sind, müssen vehement darauf drängen, dass die schon so oft genannte Aussage, es dürfe ,Kein weiter so’ mehr geben, jetzt endlich entschlossen und entschieden in Taten umgesetzt wird“, fordert Bahr. Der synodale Prozess in Deutschland wie auch in der Katholischen Kirche weltweit werde dabei zur Nagelprobe, inwiefern strukturelle Änderungen vorgenommen werden.

Für den Professor gehören dazu die Partizipation unabhängig vom Geschlecht auf allen Ebenen in der Ämterfrage, die demokratische Mitbestimmung bei der Besetzung von Leitungsfunktionen und die Sicherstellung von Gewaltenteilung und -kontrolle. Inhaltlichen Änderungsbedarf gebe es aber auch bei der Aufnahme humanwissenschaftlicher Erkenntnisse in die Ausgestaltung einer kirchlichen Sexualmoral oder bei der stärkeren Bezugnahme auf menschenrechtliche Grundlagen in theologischer Lehre und Ausbildung. Die Würde des Menschen – und hier besonders der Kinder und Jugendlichen – müsse in die Mitte gestellt werden. Gesichert werden könnte dies, wenn sich die Bistümer periodisch wiederkehrend einem externen, öffentlich zugänglichen Gutachterprozess stellen müssten.

Klar gegen Gewalt aussprechen

Anja Bischoff-Fichtner vom Kinderschutzbund Landau-Südliche Weinstraße rät zu zwei Ansätzen: Erstens müsse die Prävention verbessert werden. Kinder müssten stark gemacht werden. Man müsse mit ihnen über Kinderrechte sprechen, ihnen vermitteln, dass sie Nein sagen dürften und wo sie sich Hilfe holen könnten. Zweitens müssten Institutionen – in diesem Fall die Kirche – eine ganz klare Haltung gegen Gewalt und sexualisierte Gewalt einnehmen, erweiterte Führungszeugnisse bei Einstellungen einholen und vorab Konzepte erarbeiten, wie sie intern für den Schutz von Kindern sorgen könnten. Sie müssten Risikobewertungen vornehmen und Abläufe im Verdachtsfall festlegen und auch Anlaufstellen schaffen, bei denen sich Kinder beschweren könnten. „Die Kirchen haben sich auf den Weg gemacht, aber das muss noch mehr werden“, sagt sie. Der Kinderschutzbund bietet Fortbildungen für Einrichtungen an; es gebe aber auch viele gute Infos auf der Homepage des unabhängigen Bundesbeauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Monika Kissel kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr sie die Nachricht erschüttert und wie schlimm sie das Ganze findet, was unter dem Deckmantel des Schweigens behandelt wurde. „Ich bin schockiert“, sagt die Vorsitzende der Offenbacher Ortsgruppe der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschland (Kfd). Ihre Gedanken seien bei den Betroffenen und ihren Familien, die solch ein Leid ertragen mussten. „Ich kann es nicht verstehen, wieso die Schuldigen einfach versetzt wurden und nicht aus dem Verkehr gezogen wurden.“ Über den Missbrauchsskandal müsste gesprochen werden, beispielsweise auch bei Wortgottesdiensten, wie sie sie mit ihren Mitstreiterinnen in Vor-Corona-Zeiten regelmäßig im Ernst-Gutting-Haus in Offenbach veranstaltet habe. Sobald die Infektionslage es wieder zulässt, soll es weitergehen. „Mein Glaube in Gott und Jesus ist nicht beeinträchtigt, aber mein Vertrauen in die Amtskirche ist gestört“, betont Kissel, die seit mehr als 20 Jahren in der Kfd ist.

Fehlende Einsicht wiegt schwer

„Der Aufarbeitung müssen Konsequenzen folgen. Die dargestellten Fälle sind gravierend und schockierend“, sagt Landaus Bürgermeister Maximilien Ingenthron (SPD); einige Fälle hätten sich noch nach der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Kardinal Wetter zugetragen. „Wir als Stadt werden diese Diskussion führen und abwägen. Diese Situation, diese furchtbaren Fälle, die mangelhafte Aufarbeitung und die im Gutachten dargestellte fehlende Einsicht liegen bleischwer in der einen Waagschale. Sie senkt sich damit deutlich nach unten – auf dem Weg dorthin, wo ein klarer Schnitt unausweichlich ist.“ Soll heißen: Ingenthron stellt die Ehrenbürgerwürde und Platzbenennung in Landau nach Kardinal Wetter infrage.

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