Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Gesundheitsminister Spahn im Interview: Land soll mehr Medizin-Studienplätze schaffen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kommt heute nach Landau in die festhalle.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kommt heute nach Landau in die festhalle. Archivfoto: dpa

Interview: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist heute Festredner beim Südpfalz-Treffen der CDU in Landau. Wir haben vorab mit ihm über den Ärztemangel auf dem Land gesprochen und was man dagegen tun kann. Dabei sieht er Rheinland-Pfalz gleich mehrfach in der Pflicht.

Herr Spahn, wie lange haben Sie auf Ihren letzten Hausarzt-Termin warten müssen?
Da ich in aller Regel nur zu Routine-Untersuchungen gehe, plane ich das immer viele Wochen im Voraus. Deshalb habe ich nicht warten müssen.

Sind Sie privat oder gesetzlich versichert?
Privat.

Wie sieht die Alterspyramide bei den Hausärzten aus, wie viele gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand?
In wenigen Jahren wird mehr als ein Drittel der Hausärzte älter sein als 65 Jahre. Aber auch ältere Ärzte können ja, wenn sie wollen, weiterarbeiten. Trotzdem zeigt das: Es muss für junge Ärztinnen und Ärzte attraktiver werden, eine Praxis aufzumachen – gerade im ländlichen Raum. Das ist nicht nur eine Geldfrage. Man kann auch als Hausarzt auf dem Land sehr gut verdienen. Es hängt mit vielen anderen Fragen zusammen: Ist man alleine in der Praxis? Verteilt sich die Arbeit auf mehrere Schultern? Wie oft muss man Notdienst machen? Wie oft am Wochenende ran?

Wie kann man denn mit Organisationsformen der Angst vorm Landarzt-Dasein entgegenwirken, wie zum Beispiel mit Versorgungszentren, und welche Rolle müsste der Bürokratieabbau spielen?
Immer mehr Jüngere wollen sich auf das Arzt-Sein konzentrieren und nicht auch noch betriebswirtschaftlich verantwortlich sein. Deswegen sind medizinische Versorgungszentren oder Gemeinschaftspraxen eine wichtige Ergänzung im ambulanten Bereich. Beim Bürokratieabbau wollen wir Prüfungen und Regresse für die Praxen auf das nötige Minimum reduzieren. Bei Hausbesuchen etwa werden regionale Besonderheiten künftig berücksichtigt, bevor die Praxisbücher kontrolliert werden. Wenn man als Hausarzt auf dem Land mehr Hausbesuche macht als Kollegen in der Stadt, soll man dafür nicht bestraft werden. Es geht bei den Kontrollen um die wenigen schwarzen Schafe, nicht um diejenigen, die einfach nur mit viel Einsatz ihre Arbeit machen. Die brauchen Unterstützung. Und natürlich helfen auch digitale Anwendungen im ländlichen Raum, ob es die Online-Sprechstunde ist, elektronische Patientenakten oder telemedizinische Angebote. Das ersetzt nicht den Arzt vor Ort, aber es ergänzt ihn gut.

Die Telemedizin funktioniert ja beispielsweise in Kanada oder Australien sehr gut. Wann wird das bei uns auch kommen?
Es gibt Regionen, da funktioniert das schon gut. Ärzte können online einen Facharzt zum gemeinsamen Gespräch mit dem Patienten oder zu einer gemeinsamen Fallbesprechung heranziehen. Und es gibt die Online-Sprechstunden. Seit April 2017 können Ärzte diese zwar anbieten, aber die Vergütung war verbesserungsbedürftig. Das ändert sich nun. Damit wird es immer mehr Ärzte geben, die auch Online-Sprechstunden anbieten. So kann zum Beispiel jemand in der Südpfalz, der ein akutes Bedürfnis hat mit einem Arzt zu sprechen, auch mit einem Arzt in Lübeck oder München per Video in Kontakt treten.

Müssen wir uns vielleicht auch an längere Wege bis zum Arzt gewöhnen? Was ist da zumutbar?
Zu einem Hausarzt fährt man in Deutschland im Schnitt rund sechs Minuten, selten sind es mehr als 15 Minuten. Ich komme selbst aus einem Dorf im Münsterland und weiß, dass der Hausarzt um die Ecke auch ein Stück Heimat ist. Anders sieht es natürlich bei hochspezialisierten Fachärzten aus. Da können die Fahrtzeiten länger sein. Das ist aber auch nachvollziehbar für Patienten, glaube ich.

Was halten Sie von finanziellen Anreizen für Mediziner, die sich auf dem Land niederlassen? Und wer soll die zahlen?
Die gibt es ja schon. Es gibt für die Kassenärztliche Vereinigung die Möglichkeit, zum Beispiel Investitionszuschüsse zu zahlen und Umsatzgarantien zu geben für die ersten Jahre. Auch die Vergabe von Stipendien ist möglich. Aber ebenso wichtig ist, dass wir die Zahl der Medizinstudienplätze erhöhen und eine Landarztquote einführen. Dass also ein Teil der Medizinstudienplätze nicht nur nach Abi-Schnitt vergeben wird, sondern danach, wer sich anschließend um die Menschen auf dem Land kümmert. Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt haben so etwas schon eingeführt. Weitere Länder sind auf dem Weg dorthin. Ich kann nur dafür werben, dass auch Rheinland-Pfalz mitzieht und eine Landarztquote einführt.

Jetzt ist aber das Medizinstudium eines der teuersten. Ist das auch ein Problem bei der Zahl der Studienplätze?
Das ist natürlich ein Thema für die Länder, die die Medizinstudienplätze finanzieren müssen. Aber wir haben ja gerade die Altersstruktur bei den Hausärzten angesprochen. Aus meiner Sicht gehört eine gute medizinische Versorgung und eine ausreichende Zahl an Ärzten zum staatlichen Versorgungsauftrag. Das heißt, wir müssen auch für genug Nachwuchs sorgen. Bayern und NRW zum Beispiel gründen neue medizinische Fakultäten in Bielefeld und Augsburg.

Trägt zur Verschärfung des Problems bei, dass wir zu viele Spezialisten, aber zu wenige Allgemeinmediziner haben?
Das war in der Tat so. Aber da haben wir gegengesteuert. Jetzt gibt es wieder mehr Professoren für Allgemeinmedizin. Dadurch wird das Fach auch wieder attraktiver. Auch mit dem Masterplan Medizinstudium 2020 machen wir die Allgemeinmedizin stärker. Wir werben dafür, dass es manchmal anspruchsvoller ist, ein breites Fachwissen zu besitzen, als sich nur auf ein Organ zu konzentrieren.

Noch mal ganz kurz zurück zur Frage der Versicherung: Es heißt ja oft an den Stammtischen, durch die Vorfahrt für Privatversicherten verzögern sich die Wartezeiten für Kassenpatienten.
Es gibt rund zehn Prozent Privatversicherte. Wenn wir deren Versicherung jetzt abschaffen, werden auch die 90 Prozent gesetzlich Versicherten nicht schneller einen Termin bekommen, sondern dann warten alle länger. Das ist die sozialistische Lösung. Wir sorgen stattdessen dafür, dass Ärzte mehr Geld bekommen, wenn sie gesetzlich Versicherten zügiger einen Termin geben – auch am Ende des Quartals. Wer zusätzliche Patienten behandelt, der muss dafür eben auch vergütet werden.

Fragen: Sebastian Böckmann

Info

CDU-Südpfalztreffen heute um 19 Uhr in der Festhalle Landau. Dabei zeichnen der Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretär Thomas Gebhart, Dorothea Müller und Marcus Ehrgott als Kreisvorsitzende ihrer Partei für Germersheim, Landau und die Südliche Weinstraße im Rahmen der „Aktion Menschlichkeit“ Südpfälzer aus, die sich für Gemeinsinn und Solidarität einsetzen. Ehrengast und Festredner ist Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Zutritt nur mit Einlasskarten.

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