Südpfalz
Genossenschaft will selbst Stromerzeuger werden
Winfried Schürmann hadert damit, dass er zwar ein schön renoviertes Fachwerkhaus in Herxheim bewohnt und allein damit schon einen Beitrag zur Nachhaltigkeit geleistet hat, aber wegen des Denkmalschutzes keine Fotovoltaikanlage auf dem Dach montieren lassen darf. Und es bedrückt ihn, dass zwei junge Frauen in der weiteren Familie wegen des Klimawandels keine Kinder in diese Welt setzen wollten. „Mit dem Klima-Thema hatte ich nicht viel zu tun“, sagt der promovierte Mediziner – mit Notfällen dagegen schon: als Anästhesist, Intensivmediziner und Notarzt in Herrenberg. Dass es sich beim Klimawandel um einen Notfall handelt, steht für ihn außer Frage. Jetzt will er sich ganz praktisch dem widmen, was jeder zum Klimaschutz beitragen kann.
„In der jüngsten Eiszeit, als Norddeutschland unter Hunderten Meter Eis lag, war es im langjährigen Mittel nur vier Grad kälter als heute“, sagt Schürmann. Schon kleine Schwankungen hätten auf lange Sicht gesehen also gewaltige Auswirkungen. Daher gelte es um so mehr, das Klimaziel von einer Erderwärmung um nicht mehr als 1,5 bis 1,7 Grad ja nicht zu reißen. Klar, man werde in der westlichen Welt auch dann noch überleben können, aber weite Teile der Welt wären dann nicht mehr bewohnbar, und es würde eine ungeheure Fluchtwelle einsetzen. „Was wir heute schon sehen, ist nur ein schwacher Abglanz dessen, was dann droht.“
Flächen für Fotovoltaik vorhanden
Bei einem Vortrag in Kandel ist Schürmann auf Michael Lindner und Udo Witte gestoßen, und sie haben sehr schnell beschlossen, eine Bürgerenergiegenossenschaft für die Südpfalz mit Sitz in Herxheim auf die Beine zu stellen. So könne jeder vom Energieverbraucher zum Energieerzeuger werden, zum „Prosumer“. Das Kunstwort steht für die englischen Begriffe producer (Erzeuger) und consumer (Verbraucher). Mitwirken können soll jeder – auch Menschen ohne eigene Immobilie oder mit wenig Kapital. Es gebe bundesweit bereits rund 900 solcher Genossenschaften, beispielsweise in Neustadt, Karlsruhe, Nord- und Südwestpfalz. Der Genossenschaftsverband in Frankfurt ist dafür ein gutes Dach.
Die Gründungsgenossen suchen für den Anfang etwa 30 bis 40 Mitstreiter, „die die Ärmel hochkrempeln“. Mit denen wollen sie ein erstes Projekt starten: eine eigene Fotovoltaikanlage, die entweder auf einer Freifläche oder auf dem Flachdach eines großen Gewerbebaus montiert werden könnte. Für beide Optionen haben sich die Gründer bereits Flächen gesichert, die sie wegen der Konkurrenz allerdings lieber noch nicht an die große Glocke hängen wollen. „Eine überschaubare Investition“, sagt Schürmann. Ein durchgeplantes Projekt als „Morgengabe“ sei ebenso wie eine ausgearbeitete Satzung Voraussetzung für die Aufnahme in den Genossenschaftsverband.
Mit 100 Euro ist man dabei
Gesucht werden Mitgründer mit Fachkenntnissen und Einsatzbereitschaft, beispielsweise Juristen, Kaufleute oder Bankmitarbeiter, „die eine Bilanz lesen können“, aber auch Menschen, die sich um den Internetauftritt kümmern oder die Mitgliederliste führen können. Der technische Sachverstand sei schon vorhanden. Die Genossenschaft soll aber weiter wachsen: Ein paar Hundert Mitglieder dürften es schon werden; Heidelberg habe sogar 1300.
Mitglieder sollen sich ab 100 Euro einbringen können. Der Wert ist bewusst niedrig angesetzt, damit sich auch junge Leute und generell solche mit weniger Geld beteiligen können. Unabhängig von der Zahl der Anteile habe jedes Genossenschaftsmitglied ganz basisdemokratisch eine Stimme, betont Schürmann. Üblicherweise müssten 20 Prozent des Invests über Anteile der Genossen zusammenkommen, der Rest werde über einen Bankenkredit finanziert, der mit dem Ertrag der Anlage abgetragen werde. „Es rechnet sich wieder“, sagt Schürmann zur angehobenen Einspeisevergütung. Für die Genossen als Geldgeber soll eine Dividende herausspringen, dennoch ist nicht Gewinnmaximierung das Ziel, sondern etwas mehr als eine schwarze Null und der Wille, etwas gegen die Klimawende zu tun. Die Null sollte so schwarz sein, dass die Genossen Zug um Zug weitere Projekte angehen können. Die Energiewende sei in vollem Gang, entsprechend viele Betätigungsmöglichkeiten gebe es.
Ein Stück Unabhängigkeit
Denn ein Ziel stehe: Deutschland habe sich verpflichtet, bis 2040 klimaneutral zu werden, doch noch sei der Anteil der erneuerbaren Energiequellen zu gering. Sorgen vor zu hohen Kosten der Energiewende teilen die Genossen nicht. Deutschland könne sich ein Stück weit von teuren Energieimporten unabhängig machen. Diese Erwartung teilt auch die Initiative Südpfalz-Energie (ISE), mit der der Initiativkreis in engem Austausch steht.
Info
Der Satzungsentwurf der neuen Genossenschaft und einige Mustersatzungen sind zur Diskussion in einer Cloud hochgeladen. Nähere Informationen zum Sachstand und weiteren Vorgehen gibt es bei zwei Info-Veranstaltungen am Mittwoch, 23. August, um 18 Uhr im Ratssaal der Gemeinde Offenbach und am Dienstag, 29. August, um 19 Uhr im Kleinen Saal der Elmar-Weiller-Festhalle Herxheim.