Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Falscher Staatsanwalt am Telefon setzt Seniorin unter Druck

 „Lassen Sie sich nicht täuschen und sprechen Sie direkt nach einem Anruf mit Menschen, denen sie vertrauen“, rät Polizist Sebas
»Lassen Sie sich nicht täuschen und sprechen Sie direkt nach einem Anruf mit Menschen, denen sie vertrauen«, rät Polizist Sebastian Burkhard. Manchmal geben Täter vor, dass es in der Nachbarschaft zu Einbrüchen gekommen sei und erkundigen sich nach Wertgegenständen. »Geben Sie keine Auskünfte«, mahnt Burkhard.

Mit „Schockanrufen“ setzen Betrüger Leute unter Druck, um an Geld oder Schmuck zu kommen. Oft ist ein Angehöriger „in Not“, dem mit Geld aus der Patsche geholfen werden kann. Oder Wertsachen müssen in Sicherheit gebracht werden. Die Betrüger agieren wie nach Drehbuch.

Ingrid Winkler-Härle verfolgt die Diskussion in der Öffentlichkeit zum Betrug per Telefonanruf sehr genau. Die 74-Jährige hat zwei Fälle im Bekanntenkreis, bei denen die Betrüger Erfolg hatten. Mehrere Personen aus ihrem Umfeld haben ihr von Betrugsversuchen erzählt. Vor drei Monaten sollte sie selbst mit einem Enkeltrick-Anruf hereingelegt werden, beendete das Gespräch aber nach wenigen Minuten. Bei einem zweiten Anruf, der sie vor wenigen Tagen erreichte, erkannte sie schnell als Betrugsversuch, hielt das Gespräch aber in Gang, „um weitere Details zu erfahren, mit dem Ziel, sie gegen die Betrüger verwenden zu können“. Aufklärung sei immer hilfreich, meint Winkler-Härle, deshalb berichtet sie von ihrer Erfahrung.

Der Anruf kam übers Festnetz, am Dienstag, 22. November, um 15 Uhr. Display: Anonym. Unbekannte, undeutliche, schluchzende männliche Stimme. Dauer: Einige Sekunden. Tenor: Mir geht’s schlecht. (Ich ziehe mich ins Wohnzimmer zurück, damit mein Mann nicht zu hören ist.)

Die Polizei warnt eindringlich vor Anrufern, die Geld oder Wertsachen fordern.
Die Polizei warnt eindringlich vor Anrufern, die Geld oder Wertsachen fordern.

„Unfall mit Todesfolge“

Gleich darauf andere männliche Stimme. Er sei „Polizist“, sagt der Mann, Name: Rietz. Er spricht akzentfrei deutsch. Sein Alter schätze ich auf 30 bis 40 Jahre.

„Polizist“: Die gerade gehörte männliche Person hätte einen Verkehrsunfall mit Todesfolge verursacht: Er hätte eine Radfahrerin überfahren und hätte meine Telefonnummer angegeben.

Ich: Peter?

„Polizist“: Sie sind doch Frau Winkler-Härle?

Ich: Ja.

„Polizist“: Wohnhaft in XXXXXX? (Kennt also meinen Namen und meine Adresse.)

Ich: (bestätige diese Adresse nicht, um keinen „Besuch“ zu bekommen.) Nein, da wohne ich nicht mehr. (Mich wundert, dass nicht nachgefragt wird.)

„Polizist“: Ist Peter Ihr Sohn?

Ich: Nein, mein Bruder.

„Polizist“: Ihr Bruder wurde jetzt in Untersuchungshaft genommen und kommt nur gegen eine höhere Kaution frei, denn er hat einen Unfall mit einer Toten verursacht. Ich leite Sie jetzt an die Staatsanwaltschaft weiter. Legen Sie auf. Der Staatsanwalt wird Sie gleich anrufen.

Ich: Lege auf und bitte meinen Mann, per Handy den Notruf 110 anzurufen.

„Gegen Kaution frei“

Das Telefon klingelt wieder.

„Staatsanwalt“ Braun meldet sich. Fragt, ob er die Sachlage richtig verstanden habe: Sie sind Frau Winkler-Härle? Und Peter ist Ihr Sohn? (Spricht ebenfalls akzentfrei Deutsch, Alter: auch um die 30 bis 40 Jahre.

Ich: Nein, mein Bruder.

„Staatsanwalt“: Wie ist denn Ihr Geburtsdatum?

Ich: (Nenne falsches Geburtsdatum und mache mich älter.) 1.2.1942

„Staatsanwalt“: Ihr Bruder hat einen Verkehrsunfall mit Todesfolge verursacht. Eine junge Radfahrerin ist verstorben. Ihr Bruder wurde in Untersuchungshaft genommen und kann nur gegen eine Kaution auf freien Fuß gesetzt werden.

Ich : Kann ich meinen Bruder denn sprechen?

„Staatsanwalt“: Nein, der ist schon beim Richter.

Ich: Ist das denn hier in Landau passiert?

„Staatsanwalt“: Ja.

Ich: (heule) Oh Gott, oh Gott. Was kann ich denn tun?

„Staatsanwalt“: Frau Winkler-Härle, beruhigen Sie sich! Beruhigen Sie sich! Sind Sie denn allein?

Ich: Ja, ich bin allein.

„Staatsanwalt“: Dann hören Sie jetzt bitte genau zu.

Ich: Moment, ich muss mir was zum Schreiben besorgen. (Will meinem Mann den Zettel mit der Nummer 110 geben.)

„Staatsanwalt“: Wozu brauchen Sie denn was zum Schreiben?

Ich: Ja, Sie wollen mir doch was sagen? Das will ich aufschreiben.

„Staatsanwalt“: Sie brauchen nicht zu schreiben, aber hören Sie genau zu. Haben Sie ein Handy?

Ich: Nein, ich habe kein Handy. Doch, ich habe eins. Das hat mir mein Sohn geschenkt. Aber ich kann damit nicht umgehen. Oh Gott, oh Gott, ich möchte meinen Bruder sprechen.

„Staatsanwalt“: Das geht nicht. Ich sagte ja schon, er ist beim Richter. Sind Sie dement?

Ich: Nein. Nein. Ich bin nicht dement, aber ich höre schlecht.

„Staatsanwalt“: Dann hören Sie bitte genau zu, was ich Ihnen jetzt sage. Damit Ihr Bruder freikommt, müssen Sie eine Kaution hinterlegen. Können Sie das?

Ich: Wie hoch soll die denn sein?

„Staatsanwalt“: 25.000 bis 55.000 Euro, eventuell auch höher. Es kommt darauf an, was der Richter sagt. Haben Sie so viel Geld im Haus?

Ich: Nein, ich habe kein Geld im Haus.

„Staatsanwalt“: Können Sie das Geld denn aufbringen?

Ich: Ich weiß gar nicht, wie viel Geld ich auf der Bank habe.

„Staatsanwalt“: Sie haben aber einen Kontoauszug. Da können Sie doch sehen, wie viel Geld Sie haben.

Ich: Ja, aber den habe ich nicht hier.

„Staatsanwalt“: Dann holen Sie ihn doch und schauen nach.

Ich: Das kann aber dauern. Haben Sie denn so viel Zeit?

„Staatsanwalt“: Ja, ich habe Zeit. Holen Sie den Kontoauszug. Aber legen Sie den Hörer nicht auf. Ich bleibe am Apparat.

„Haben Sie das verstanden?“

(Ich lege den Hörer ab, schleiche mich aus dem Raum und spreche kurz mit meinem Mann. Der hat die Nummer 110 nicht gewählt. Er kann mit dem Handy nicht umgehen. Ich flüstere ihm in der Küche zu, dass er zu den Nachbarn gehen und einen von ihnen bitten soll, das zu erledigen und gehe dann wieder ans Telefon.)

Ich: Sind Sie noch da?

„Staatsanwalt“: Ja. Haben Sie den Kontoauszug?

Ich: Ja.

„Staatsanwalt“: Können Sie 55.000€ aufbringen?

Ich: 55.000? Sie haben doch eben 25.000 gesagt. So viel habe ich nicht. Aber ich kann meine Verwandten fragen.

„Staatsanwalt“: Nein, Ihre Verwandten sollen Sie nicht fragen. Sie unterliegen ja auch der Verschwiegenheitspflicht. Haben Sie das verstanden? Sie unterliegen der Verschwiegenheitspflicht. Das haben Sie unterschrieben.

Ich: Wieso? Ich habe doch nichts unterschrieben!

„Staatsanwalt“: Nein, Sie nicht, aber Ihr Bruder hat das unterschrieben und wenn Sie sich nicht daran halten, dann kommt alles an die Presse, dass Ihr Bruder den tödlichen Unfall verursacht hat. Wollen Sie das?

Ich: Nein.

„Staatsanwalt“: Haben Sie verstanden, was mit Verschwiegenheitspflicht gemeint ist?

Ich: Ich darf mit niemandem darüber reden.

„Staatsanwalt“: Ja, sonst kommt Ihr Bruder nicht frei. Das geht nur, wenn das unter uns bleibt. Jetzt gucken Sie mal auf Ihren Kontoauszug. Wie viel Geld haben Sie denn?

Ich: Ich habe 12.000 Euro.

„Staatsanwalt“: Haben Sie das Geld auf dem Girokonto?

Ich: Nein, im Banktresor.

„Staatsanwalt“: Und haben Sie im Tresor auch Gold oder Schmuck?

Ich: Nein, nur eine Kette von meiner Mutter, und die gebe ich nicht her.

„Staatsanwalt“: Gut, dann müssen Sie das Geld jetzt holen.

Ich: Oh Gott, oh Gott, wie soll ich das denn machen?

„Staatsanwalt“: Haben Sie ein Auto?

Ich: Nein, ich fahre nicht mehr Auto.

„Staatsanwalt“: Kein Problem. Dann nehmen Sie ein Taxi.

Ich: Wie soll ich denn jetzt mit dem Taxi fahren? Ich bin noch gar nicht zurecht gemacht. Ich komme gerade aus dem Bett, von meinem Mittagsschlaf. So steige ich nicht in ein Taxi.

„Staatsanwalt“: Beruhigen Sie sich! Dann gehen Sie jetzt und machen sich zurecht. Legen Sie den Hörer nicht auf. Machen Sie sich fertig und dann kommen Sie wieder ans Telefon.

Ich: Das kann aber dauern.

„Staatsanwalt“: Ich bleibe am Apparat.

(Ich gehe leise raus. Mein Mann war beim Nachbarn, aber der war nicht zu Hause. Ich nehme das Handy, gehe in den Schuppen und wähle dort die Nummer 110.)

Der echte Polizist rät mir, aufzulegen und zu erwähnen, dass ich die Polizei informiert habe. Eine Fangschaltung sei in Deutschland nicht erlaubt, sagt er auf meine Frage.

Also gehe ich zurück ans Telefon und tue, wie mir geheißen.

Polizei bittet um Hinweise

So weit die Schilderung der Landauerin. Sebastian Burkhard, Sprecher der Landauer Polizeidirektion, bittet jeden, der Anrufe dieser Art bekommt, sich bei der Polizei zu melden. „Wir haben täglich Berichte über Betrugsversuche. Das bewegt sich auf einem konstant hohen Niveau“, sagt er. Nicht jeder Anruf habe Erfolg, die Öffentlichkeitsarbeit der Ermittler zeige Wirkung.

Die Masche zieht längst nicht mehr nur bei Senioren. Betroffen sind laut Burkhard alle Gesellschaftsschichten, auch Jugendliche sind so schon betrogen worden. Jeder der denke „Mir passiert das nicht“, könne sich irren. Die Kriminellen seien gut geschult. Je nach Geschichte packen sie ihr Opfer emotional. „Dann setzt die Rationalität aus“, sagt Burkhard.

Ingrid Winkler-Härle warnt auch vor den Folgen: „Geht es nur um Geld? Nein, es geht darum, dass Menschen aus tiefer Sorge um Angehörige in Angst und Schrecken unter Schock versetzt werden – ihres freien Willens beraubt und um die Absicherung für ihr Alter betrogen. Dieses Erlebnis hinterlässt tiefgehende Spuren der Angst, Ohnmacht und Selbstzweifel, die kaum zu heilen sind.“

Kontakt

Das Polizeipräsidium hat eine Senioren-Hotline eingerichtet: 0621 963-1515.

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