Landau
Ex-Geschäftsführer Hofmeister kramt in Erinnerungen zur Firmengeschichte
Der Butterkranz war die DNA von Hofmeister. Das hatte Jürgen Gebhardt, vom Mannheimer Insolvenzverwalter Johannes Hancke als Koordinator in Landau eingesetzt, schnell erfasst. Der Hefezopf mit dem gewissen Etwas kam in vielen Familien ganz selbstverständlich auf den Tisch. Er wurde – sinnbildlich gesehen – von Generation zu Generation weitergegeben. Nicht nur die Bäcker machten einen guten Job, auch die Konditoren, die Verwaltungsmitarbeiter, die Fahrer und die vielen Verkäuferinnen der großen Hofmeister-Familie leisteten ihren Beitrag zu einer Erfolgsgeschichte, die nun jäh zu Ende ist.
Die Geschichte der Bäckerei nahm um 1900 in Queichheim ihren Anfang. Philipp und Apollonia Hofmeister eröffneten eine Bäckerei. 1901 soll die Bäckersfrau die Rezeptur für den Butterkranz entwickelt haben, wie die RHEINPFALZ neulich bei einem Besuch in der Backstube erfahren hat. Hans-Friedrich-Hofmeister, der bis 2014 Geschäftsführer der Hofmeister Brot GmbH war, zeichnet im Gespräch mit der RHEINPFALZ die Linien der Firmengeschichte nach.
Zwei eigenständige Hofmeister-Bäckereien
Das Paar hatte fünf Kinder, zwei Mädchen und drei Jungs. Einer der Nachfahren überlebte den Krieg nicht. Die beiden anderen Söhne traten in die Fußstapfen der Eltern: Christel Hofmeister übernahm die Bäckerei in Queichheim. Sein Bruder Kurt machte eine Bäckerlehre in Neustadt und eröffnete am 1. Juli 1949 mit seiner Frau Ingeborg in der Xylanderstraße in Landau eine eigene Bäckerei.
Die Hofmeister-Bäckerei in Queichheim – der Betrieb war völlig unabhängig vom Unternehmen des Bruders – übernahm später Christels Sohn Gerhard, der sie bis zu seinem Tod vor etwa zehn Jahren führte. Seine Witwe Christine schloss den Laden vor wenigen Jahren. Heute verkauft der Lustadter Bäcker Jens Reuther dort Backwaren.
Kurt Hofmeister arbeitete in den 1950er-Jahren im Lohn-Back-Verfahren für die französischen Garnisonen in Landau, Neustadt, Bad Bergzabern und Speyer. Die Franzosen lieferten für ihre Baguettes Mehl, Salz und Hefe. Hofmeister wurde für das Wasser und das Backen bezahlt.
Nach elf Jahren wurde der Betrieb zu klein
In dieser Zeit begann auch die Belieferung des Lebensmitteleinzelhandels, von Krankenhäusern und Altenheimen mit Backwaren. Der Betrieb in der Xylanderstraße wurde zu klein; Kurt Hofmeister kaufte 1960 das 14.700 Quadratmeter große Grundstück am westlichen Stadtrand im heutigen Landau-Südwest und baute die erste Produktionsstätte.
Grund und Boden lagen damals auf Wollmesheimer Gemarkung, erzählt Hans-Friedrich Hofmeister. Der Zaun des Maschinenherstellers Wickert markierte die Stadtgrenze. Die Stadt soll sich ob des Abzugs unversöhnlich gezeigt und Hofmeister den Anschluss an Wasser und Strom verweigert haben. „Mein Vater hat einen eigenen Brunnen gebohrt und eine eigene Trafostation gebaut.“ 1970/71 wurde der Firmenstandort erweitert, 1976 erneut. Später ließ Hans-Friedrich Hofmeister noch zwei Anbauten errichten.
Der heute 71-Jährige ist das Älteste von drei Kindern des Ehepaars Kurt und Ingeborg Hofmeister. Schwester Dorothea ist zwei Jahre jünger, Bruder Rainer sieben Jahre jünger. Hans-Friedrich kam 1965 in den Betrieb. Er kannte die Arbeit in der Backstube gut, hatte er doch als kleiner Bub den Vater oft begleitet. Ein Autounfall zwang ihn als 15-Jährigen in den Rollstuhl. Nach einer kaufmännischen Lehre – zum Teil dank des Unterrichts von Privatlehrern – und nach einem Betriebswirtschaftsstudium in Heidelberg unterstützte der Junior den Vater ab 1973 in der Geschäftsführung. Als Kurt Hofmeister 1982 im Alter von nur 60 Jahren plötzlich starb, kam Bruder Rainer ins Unternehmen. Zuvor allerdings hatten der Vater und sein Ältester noch gemeinsam das erste eigene Geschäft in Landau geplant: Den „Brotkorb“ in der Marktstraße. Die Eröffnung erlebte der Vater nicht mehr. Bis vor wenigen Wochen verkaufte Hofmeister dort immer noch seine Backwaren.
Brüder investieren in Cottbus
Weil der Regalbrotverkauf abnahm und Hofmeister mit Frische und Qualität seiner Produkte bei der Kundschaft punkten wollte, setzte die Firma fortan auf Filialisierung. Zu Beginn waren es hauptsächlich Filialen in Supermärkten. Hofmeister nennt „Esbella“ in Mutterstadt und Friedrichsfeld als Beispiele. In der Spitzenzeit betrieb Hofmeister 160 Filialen in vier Bundesländern und beschäftigte 800 Mitarbeiter. Dazu kamen die Cafés Kuntz und Klimt in Landau sowie das Markt-Café in Offenbach. Die Produktion blieb in Landau. Die Bäcker verdienten gut. „Mein Vater war immer stolz, dass er seinen Bäckern schon damals so viel bezahlen konnte. Die müssen ja auch jede Nacht her, sagte er immer und zahlte nach Industrietarif, obwohl er es nicht hätte machen müssen“, sagt Hans-Friedrich Hofmeister.
Zur Wende übernahmen die Brüder das Backwarenkombinat „Cottbuser Backstuben“, auf das sich der Jüngere konzentrierte, als deutlich wurde, dass einer vor Ort sein muss. Er führte es bis 2005. Danach stieg Rainer Hofmeister als Verkaufsleiter ins Süßwarengeschäft ein.
Da Hans-Friedrich Hofmeister keine Kinder hat, rückten die Söhne seiner Schwester 2011 in den Betrieb auf. Der Seniorchef wollte noch vier bis fünf Jahre bleiben und dann ganz an Tim und Steffen Bauer abgeben. 2014 trat er als Geschäftsführer zurück, war aber als Berater noch ansprechbar. Auch Bruder Rainer half bis Ende 2018 bei den Geschäften.
„Verkauf hat nicht richtig funktioniert“
2004 hatte das Unternehmen finanzielle Probleme. „Alle haben zusammengestanden“, erinnert sich Hofmeister. Mit einem vernünftigen Konzept habe man das Problem innerhalb von zwei Jahren in den Griff bekommen. Mitarbeiter verzichteten zum Teil auf Lohn und Urlaub. Neue Probleme 2013 hätten – ebenso wie im vergangenen Jahr – daran gelegen, dass der Verkauf nicht richtig funktioniert habe, sagt Hofmeister. Man treffe immer mal falsche Personalentscheidungen, ein Problem sei dies nur, wenn sie nicht revidiert würden, betont der ehemalige Chef. Hans-Friedrich Hofmeister ist überzeugt, dass die Insolvenz des Betriebs hätte verhindert werden können. Aber der Gesellschafterkreis habe seinem bereits zu einem früheren Zeitpunkt gemachten Vorschlag, das Unternehmen zu verkaufen, nicht zugestimmt.
Verkaufsschlager war immer schon der Butterkranz von Apollonia. Hans-Friedrich Hofmeister erinnert sich, dass sein Vater, er und Verkaufsleiter Siegfried Harnisch Ende der 70er-Jahre überlegt haben, wie der Kranz noch besser zu vermarkten sei. Produktionsleiter Helmut Metzger nahm einige Veränderungen im Betrieb vor, damit der Hefezopf in größeren Stückzahlen hergestellt werden konnte.
50 000 Butterkränze gingen pro Woche an Lidl
Erster großer Abnehmer war damals die Glocken-Bäckerei in Frankfurt am Main, die zu Rewe gehört und laut Hofmeister noch heute eine der größten Bäckereien Deutschlands ist. Pro Woche wurden 10.000 Butterkränze nach Frankfurt gefahren. Große Handelsketten folgten im Laufe der Jahre. Hofmeister nennt Globus, Real, Lidl und Netto. Lidl beispielsweise nahm Hofmeister in der Spitzenzeit 50.000 Kränze pro Woche ab. Bis nach Hamburg war der Butterkranz ein Exportschlager aus der Südpfalz. Von dort erhielt Hans-Friedrich Hofmeister eines Tages Post. Ein gebürtiger Pfälzer schrieb ihm, der Butterkranz schmecke noch so gut wie in seiner Kindheit.
Der 71-Jährige und seine Frau Gabi Lutz leben mittlerweile nicht mehr in Landau, das Haus auf der Wollmesheimer Höhe steht zum Verkauf. „Ich wollte mir das Ganze nicht mehr anschauen.“ Vor acht Jahren hat er sich ein Haus bei Greifswald gekauft und nun seinen Alterssitz dorthin verlagert. Mit einem Fest in Waldhambach haben sich Hofmeister und seine Frau im August 2019 von Weggefährten in der Firma verabschiedet. Um die 100 Leute seien gekommen, erzählt Hofmeister am Telefon.
Die Firma war das zweite Zuhause
Er findet keine Worte, um seinen Gefühlszustand zu beschreiben. „Fragen Sie besser nicht.“ Hofmeister hat noch Kontakte zu ehemaligen Mitarbeitern. „Für viele ist das extrem schlimm, sich umzustellen.“ Dem ehemaligen Produktionsleiter, der täglich an der Firma vorbeifahre, blute das Herz. Auch eine ehemalige Mitarbeiterin aus der Bestellabteilung, die schon einige Jahre in Rente sei, habe ihm gesagt, sie könnten es alle noch nicht fassen. „Für viele war die Firma ihr zweites Zuhause. Sie waren zum Teil Jahrzehnte dabei.“
Noch am Montag hat Hans-Friedrich Hofmeister mit Guy Ott gesprochen. Der letzte Hofmeister-Produktionsleiter hat bis zuletzt die Fahne hochgehalten. Er ist einer der vielen Elsässer, die bei Hofmeister ihre Brötchen verdient haben. Zeitweise kamen rund 70 Mitarbeiter in der Produktion aus dem Elsass, erinnert sich der Senior. „Das waren alles gute Leute.“