Landau
Erzieherin berichtet: Wie sich der Beruf verändert hat
„Wenn die Neue kommt, hau“ ich ab“, poltert ein Dreikäsehoch. Es ist Morgen. Im katholischen Kindergarten St. Maria in Landau tummeln sich die Kinder. Auch die Neue ist schon da: Anita Büchner, 21 Jahre, frisch gebackene Erzieherin. Und die guckt ziemlich verdutzt: Die Begrüßung an ihrem ersten Arbeitstag hatte sie sich anders vorgestellt. Es ist ein chaotischer Start. Nicht alles läuft rund. Und nach ihrer ersten Woche steht für die Landauerin fest: Hier in der Karl-Sauer-Straße bleibt sie nicht, berichtet Büchner. Das war vor 40 Jahren. Heute ist Anita Büchner immer noch da. Inzwischen Dienstälteste. Sogar ihre heutige Chefin hat sie mit ausgebildet.
Als die 61-Jährige in den 80er-Jahren anfing zu arbeiten, machte sich noch niemand Gedanken über Ganztagesplätze. Das Wort Kita gab es noch gar nicht. Kindergärten waren zur reinen Betreuung gedacht. Eltern, die aus beruflichen Gründen darauf angewiesen waren, nutzten das Angebot als Ersatz zur familiären Betreuung. Heute werden Kindertagesstätten als notwendiges Bildungs- und Förderangebot verstanden. Dieser Anspruch hat dazu beigetragen, dass sich der Beruf der Erzieherin geändert hat – weg von der Beschäftigung, hin zur gezielten Förderung des Kindes. „Die Ansprüche an uns sind deutlich gewachsen“, sagt Büchner, die ihre Ausbildung an der ehemaligen Fachschule in Bad Bergzabern und ihr praktisches Anerkennungsjahr im Kindergarten in Frankweiler absolvierte. Für sie ist der Erzieher-Job eine Berufung.
Kinder hatten früher weniger Rechte
„Ich bin es mit Leib und Seele. Und genau das hat mir schon immer Kraft gegeben“, sagt die Pfälzerin. Deshalb habe sie anfangs auch nicht gleich das Handtuch geschmissen. „Es war kein guter Start. Ich war damals auch ziemlich geschockt, als wir im Stuhlkreis saßen, sangen und die Eltern plötzlich die Tür aufrissen, ihre Kinder riefen und mit ihnen verschwanden“, erinnert sie sich. Vier Jahrzehnte später kann sie darüber lachen. Während Büchner erzählt, kuschelt sich ein Mädchen in ihre Arme.
Dass sie als junge Frau frischen Wind in den Kindergarten brachte, habe sie bei ihrer damaligen Chefin nicht gerade beliebt gemacht, erzählt sie. „Zum Martinsfest habe ich die Kinder den heiligen Sankt Martin ans Fenster malen lassen – so wie sie sich ihn vorstellen. Das war natürlich alles andere als perfekt. Und kam deshalb nicht gut an“, berichtet Büchner, selbst Mutter und inzwischen zweifache Oma. Generell galt früher in den Kindergärten das Wort der Erwachsenen. Kinder hatten weniger Rechte als heute.
„Heute ist es völlig normal ...“
Erst mit der Anerkennung der Kinderrechte in Deutschland in den Neunzigerjahren hat sich die Lage für Jungen und Mädchen verändert. Sie dürfen den Kindergartenalltag mitbestimmen, haben das Recht, gehört zu werden und sich zu beschweren. „Bei uns gibt es unter anderem Kinderkonferenzen. Wir überlegen gemeinsam, wohin der nächste Ausflug geht oder welches Thema wir lernen. Und wenn Kinder draußen spielen wollen, machen wir das möglich“, sagt die Erzieherin. Dass sie schon als junge Frau auf den Bewegungsdrang ihrer Schützlinge eingegangen ist, öfter und länger zum Spielen draußen war, sei damals skeptisch beäugt worden, berichtet Büchner. „Heute ist es völlig normal, so viel Zeit wie möglich im Garten zu verbringen. Überhaupt: Vieles, das wir uns damals hart erarbeiten mussten, ist heute selbstverständlich. Etwa unsere Sprachkurse, die in Kooperation mit der Uni Landau entstanden sind. Denn bei uns im Kindergarten hat sich schon immer die Welt getroffen. Unsere Gruppen sind multikulti. Den Kleinen unsere Sprache beizubringen, ist mir eine Herzensangelegenheit.“
Job wird bürokratischer
A propos lernen: Die Erwartungen der Eltern hinsichtlich Kita-Qualität und guter Schulvorbereitung seien hoch, berichtet Büchner. Während Mütter und Väter früher vor allem geschaut hätten, ob das Gebäude in Ordnung ist und die Erzieherinnen nett sind, würden sie heute genau darauf achten, was die Kita ihrem Nachwuchs bietet. „Sie wollen, dass es möglichst viel und schnell lernt“, sagt Büchner. Tatsächlich haben Eltern heute eine größere Auswahl an Betreuungsangeboten als früher. Es gibt nicht mehr nur die katholischen und evangelischen Kindergärten. Je nach Region können Eltern zwischen unterschiedlichsten Formen und Schwerpunkten wählen. In Büchners Kita steht – neben der christlichen Ausrichtung – die ganzheitliche Förderung, das Lernen mit allen Sinnen, im Mittelpunkt.
2017 erlangte das Team außerdem den Qualitätsbrief vom Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder als Grundlage seines Qualitätsmanagements. Letzteres sei mit viel Dokumentationsarbeit verbunden. Und die bringt laut Büchner auch Nachteile: „So wichtig Qualität für unsere Arbeit ist – ich sitze nicht gern vorm Computer. Ich möchte mich um die Kinder kümmern. Aber mein Job wird genauso wie viele andere Berufe immer bürokratischer. Und das ist die größte Herausforderung, vor der wir Erzieherinnen heute stehen“, sagt sie.
Viele Hochs und Tiefs erlebt
„Aber schon damals war es nicht immer leicht, allen Kindern gleichzeitig gerecht zu werden“, bemerkt die Landauerin. Bei einer Gruppengröße von bis zu 25 Kindern seien meistens die Großen zu kurz gekommen. „In unserem Team entstand deshalb die Idee, eine eigene Gruppe für Vorschulkinder aufzubauen. Unsere Wackelzahngruppe, die es inzwischen seit über zehn Jahren gibt und die ich schon genauso lange betreue“, sagt Büchner.
Die Erzieherin, die leidenschaftlich gern singt, hat schon viele Hochs und Tiefs erlebt: Kinder, die plötzlich abgeschoben wurden. Traumatisierte Kinder aus Kriegsgebieten. Eltern, die gestorben sind. Und zuletzt Corona. Neue Kraft tankt Büchner in der Natur, beim Radfahren und in ihrer Familie. „Aber vor allem schöpfe ich aus den schönen Erinnerungen“, betont sie und berichtet von einem Zuckerfest in der Kita und Tanznachmittagen mit Eltern. „Das schönste an meinem Beruf ist es, wenn Kinder sich mir anvertrauen oder mir in der Stadt strahlend ein Hallo zurufen. Dann weiß ich, ich habe alles richtig gemacht.“ Der Junge, der an ihrem ersten Arbeitstag abhauen wollte, sei übrigens geblieben. Später als Erwachsener habe er sogar seinen eigenen Nachwuchs Büchner anvertraut. „Wir stehen heute noch in gutem Kontakt und lachen oft gemeinsam über unsere erste Begegnung.“