Landau Erinnerungen an das vordigitale Zeitalter
„Was ist das?“, „Was macht man damit?“ und „Wie bedient man das?“ – Fragen, die Michael Pester aus Birkweiler von seinen Kindern gestellt bekam, als sie den Rechenschieber im Haus entdeckten. Ja, damit wurde früher gerechnet, war die Antwort, die sie erhielten. „Im Studium habe ich den Rechenschieber tagtäglich benutzt“, sagt Pester. So konnte er mit dem Rechenhilfsmittel nicht nur addieren, subtrahieren und multiplizieren. Mithilfe von Winkelfunktionen Sinus und Cosinus konnte er gar Seitenlängen und Winkelgrößen errechnen, auch Logarithmen konnte er bestimmen, erzählt Pester. Inzwischen greifen viele Menschen lieber zu Taschenrechnern als zu Rechenschiebern. „Da überwiegt die Bequemlichkeit, die Schnelligkeit und auch die Genauigkeit“, merkt Klaus Langner aus Offenbach an. Allerdings würden junge Menschen dadurch das Kopfrechnen immer mehr vernachlässigen, das beim Lösen von Rechenaufgaben früher notwendig war, um am Ende das richtige Ergebnis zu Papier bringen zu können. Zumal sich viele nur schwer vorstellen können, dass man mit solch einem Teil auch komplexe Berechnungen lösen konnte, wie Langner berichtet. Ott-Fried Schild aus Landau. erinnert sich, dass sein Vater den Rechenschieber gerne nutzte. „Wenn Rechnungen zu bezahlen waren, hat er ihn gebraucht“, erzählt der 72-Jährige. Er selbst habe auch solch ein Rechenhilfsmittel bedienen müssen. „Die Schule hat uns dazu verpflichtet, eines zu kaufen, damit wir dem Matheunterricht folgen können.“ Das war in den 60er Jahren der Fall. Wenn er heute ein Rechenhilfsmittel braucht, greife er zum Taschenrechner oder zum Smartphone. Der Rechenschieber liege dagegen in der Schublade. Bei Alfred Zerbe aus Dahn hängt der Rechenschieber dagegen an der Wand, bei sich im Büro. „Ein größeres Stück werden sie wahrscheinlich nicht finden“, sagt Zerbe. Da hat er allerdings nicht den Rechenschieber gesehen, mit dem sich Andreas Lentz aus Bad Bergzabern hat fotografieren lassen. Der XXL-Rechenschieber ist im Elektronikzentrum der Bundeswehr in Bad Bergzabern zu finden, und zwar steht er in der Ausbildungswerkstatt, wo man eine „Nostalgieecke“ eingerichtet hat. Ende der 70er Jahre, während seiner Ausbildung zum Nachrichtengerätemechaniker im Instandsetzungswerk der Bundeswehr habe er gelernt, mit einem Handrechenschieber umzugehen. Das XXL-Stück habe dagegen vorne im Lehrsaal gehangen und sei nur genutzt worden, um den Lehrlingen etwas genauer zu veranschaulichen. Peter Göhringer aus Weißenburg hat zahlreiche Rechenschieber. „Der Kleinste ist 15 Zentimeter lang, der Größte misst 60 Zentimeter“, erklärt Göhringer. Benno Grabinger aus Neustadt, ein pensionierter Mathelehrer, nahm den Rechenschieber gerne in den Unterricht mit, um den Jugendlichen zu erklären, wie er funktionierte. Einen Rechenschieber aus Metall hat Ernst-Peter Knaetsch aus Billigheim-Ingenheim. „Das Ding hat allerdings oft geklemmt, sodass es regelmäßig geölt werden musste.“ Da sei es schwieriger gewesen, etwas auf Papier zu bringen, ohne zu kleckern. „Das war immer eine problematische Rechenstunde, was Mitschüler mit Plastik-Rechenschiebern nicht nachvollziehen konnten“, so Knaetsch. In Klingenmünster ist es Helmut Hoffmann, der noch im Besitz eines Rechenschiebers ist. Aus Essingen haben sich dagegen zwei Leserinnen gemeldet, die noch solch ein nostalgisches Teil haben. Zum einen Beate Schwend, deren Vater während seiner beruflichen Tätigkeit bei der AEG in Frankfurt bis zu seiner Pensionierung 1975 den Rechenschieber benutzt habe. Zum anderen Sigrid Doppler. Der Rechenschieber gehöre ihrem Mann. „Ich bin überrascht, was man alles damit lösen kann.“ Sie selbst könne damit aber nicht umgehen, weil sie ihn in der Schule nie genutzt habe. „Es gibt zwar eine Anleitung dazu, die ist aber sehr unverständlich und kompliziert.“ Konrad Daumenlang aus Leinsweiler berichtet, dass der Rechenstab, wie das Rechenhilfsmittel auch genannt wird, in allen 9. Klassen der Hauptschule eingeführt und verwendet wurde. „Mit großem Bedauern verfolgte ich dessen Niedergang. Umso erfreuter war ich, als in den 80er Jahren ein Statiker bei der Lösung eines schwierigen Problems einen handlichen Rechenstab nutzte.“ Verwendet habe er den Rechenstab schon lange nicht mehr. Auch bei Eberhard Schnepper aus Bad Bergzabern werden Erinnerungen an das vordigitale Zeitalter wach, wenn er in die Schublade greift und seine Rechenscheibe herausholt. Dabei handelt es sich um einen Abkömmling des Rechenschiebers in Rundform, den er in den 60er Jahren gekauft und im Beruf oft benutzt habe. „Sie war ideal für das schnelle Errechnen von Rabatten, Preisaufschlägen und Angebotspreisen“, erzählt Schnepper. Da die Rechenscheibe einen Durchmesser von nur 7,5 Zentimeter habe, könne er sie ganz bequem in einer Hand halten und einhändig bedienen, sagt Schnepper. In seiner Bäckerei musste er früher keinen Rechenschieber benutzen, erklärt Richard Klundt aus Landau. „Da hatten wir eine Kasse stehen.“ In der Schule hatte er sich allerdings stets auf den Rechenschieber verlassen können. Ebenso Jobst Hauck aus Leinsweiler, dessen Rechenschieber aus dem Architektenbüro stammt, in welchem er im Jahr 1988 seine Ausbildung zum Bauzeichner begann. Günther Baumann aus Rhodt hat das Gerät bei der Firma Gillet in Edenkoben kennengelernt, bei der er von 1955 bis 1958 seine Ausbildung als Industriekaufmann absolvierte. Auch Roland Anker aus Landau war während seiner Lehre bei Akkord Radio Landau auf den Rechenschieber angewiesen. „Schon seit Jahren liegt er bei mir im Schrank. Vielleicht findet sich ja noch jemand, der das alte Teil haben möchte“, fragt Roland Anker. Heinz Trauth aus Landau hat den Rechenschieber 1955 bis 1965 bei Maschinenkonstruktionsberechnungen eingesetzt. Werner Gehring aus Waldrohrbach hat in den 60er Jahren seiner Cousine geholfen, amerikanische Journale zusammenzurechnen. Als in der Schule der Rechenschieber auf dem Lehrplan stand, hatte Rudolf Wild aus Annweiler das Glück, ein vielseitig verwendbares Stück von einem Abiturienten gebraucht erwerben zu können. „Für mich war es aber ein Segen, als Ende der 1970er Jahre die elektronischen Rechner auf den Markt kamen.“ Peter Keller aus Landau hat zwei Rechenschieber von seinem Vater geschenkt bekommen. Die Technik des „Rechenschiebens“ habe er noch in den 70er Jahren in der Schule gelernt, obwohl da schon klar gewesen sei, dass die Taschenrechner kommen. „Unser damaliger Mathe-Lehrer bestand aber darauf, den Kopf und nicht die Technik zu nutzen.“ Jürgen Deutsch aus Albersweiler hat ebenfalls einen Rechenschieber. „Der lag auf dem Speicher von dem Baustoffhandel, den die Großeltern meiner Frau hatten“, sagt er. Es wäre zu schade gewesen, den Rechenschieber wegzuwerfen, weshalb er ihn mitnahm und noch heute bei sich verstaut hat.