Landau Einsam wacht

Bernd Stöß
Bernd Stöß
Jessica Todte

ist Hebamme im Vinzentius-Krankenhaus Landau. Dass sie Heiligabend im Kreißsaal verbringt, stört sie nicht. Im Gegenteil, sie hat sich den Tag herausgesucht. Der Dienstplan wurde im Team besprochen und jeder durfte Wünsche äußern. Warum ihre Wahl auf morgen fiel, erklärt die 31-Jährige so: „Nach elf Jahren im Beruf ist jede Geburt noch immer etwas sehr Besonderes für mich. Aber gerade an Heiligabend ist es eine der schönsten Ehren, Eltern und Kind bei der Geburt begleiten zu dürfen.“ Bereits mit sechs Jahren stand Florian Harms in der Küche und hat seinem Onkel in die Töpfe geschaut. Heute ist er selbst Koch und schwingt im Park-Hotel Landau die Kelle. „Ich finde meinen Beruf verdammt cool, die Arbeitszeiten weniger, aber sie gehören nun mal dazu“, berichtet der 33-Jährige, der sich freut, wenn die Gäste morgen das Restaurant satt und glücklich verlassen. Zusammen mit seinen Kollegen richtet er ein Weihnachtsbuffet an. Seine Kochmütze wird er erst gegen 22 Uhr absetzen. Dann eilt er zu seiner Freundin, die bei seiner Familie bereits auf ihn wartet. Jasmin Scheib feiert mit Oma und Opa. Allerdings nicht mit ihren eigenen. Die 36-Jährige verbringt das heilige Fest mit den Bewohnern der Pro-Seniore-Residenz Parkstift in Landau. „Bei der Feier legen wir großen Wert auf Traditionen. Es gibt Kartoffelsalat und Würstchen, wir singen klassische Weihnachtslieder und lesen die Weihnachtsgeschichte. Das ist wichtig, um an den Erinnerungen der Senioren anknüpfen zu können. Vor allem bei denen, die an Demenz erkrankt sind“, sagt die Pflegefachkraft. Für Scheib ist es jedes Mal ein Wunder, wenn diese Menschen durch „Stille Nacht, heilige Nacht“ für einen kurzen Moment ins Hier-und-Jetzt zurückkehren. „Ich möchte es den Menschen morgen so heimelig wie möglich machen. Vor allem denen, die keine Familie mehr haben“, betont sie. Beim Weihnachtseinkauf etwas vergessen? Macht nichts. Last-Minute-Einkäufe sowie frische Backwaren können bei Kristina Badinger und Michael Kammerloch bis zum späten Abend besorgt werden. Und zwar bei der HEM-Tankstelle in Bad Bergzabern. Dort steht das Paar hinterm Verkaufstresen. Und dort hat es auch ein Ohr für andere. „Menschen, die allein sind oder vor Weihnachten flüchten, kommen zu uns ins Bistro zum Erzählen“, berichtet Kammerloch, der nicht das erste Mal an Heiligabend arbeitet. Deshalb kennt er auch die Tricks der Tiefpreisjäger. Wenn andere zur Christmette gehen, fahren die nämlich zur Zapfsäule. „Langweilig wird es morgen sicherlich nicht“, sagt er. Wenn die Pfälzer morgen Geschenke auspacken, kurvt Bernd Stöß mit dem Bus durch die Stadt. Der 51-Jährige hat sich freiwillig zum Dienst gemeldet. Weihnachten feiert er nicht. Er trifft sich nach den Feiertagen mit seiner Familie. Einen Wunsch hat er trotzdem: „Es wäre schön, wenn die Menschen mehr Rücksicht aufeinander nehmen und sich gegenseitig helfen würden“, sagt der Busfahrer der Queichthal Nahverkehrsgesellschaft. „Nur noch selten stehen junge Leute für ältere Menschen auf, um ihnen ihren Sitzplatz zu überlassen. Das ist traurig“, beklagt Stöß, der solche Szenen tagtäglich beobachtet. Rainer Moock ist Stationsleiter im Pfalzklinikum Klingenmünster. Dort kümmert er sich um Menschen mit Suchtproblemen und psychischen Erkrankungen. Die eine Hälfte seiner Patienten ist über die Feiertage beurlaubt. Die andere zu krank, um nach Hause zu gehen. „Weihnachten ist hart“, sagt der 57-Jährige. „Emotionen kochen auf. Es gibt viele Tränen. Manch einer quält sich mit schweren Erinnerungen. Mein Team und ich versuchen, die Menschen wieder aufzufangen, indem wir mit ihnen sprechen, Verständnis für ihre Krise zeigen. Die Patienten stützen sich aber auch gegenseitig, um diese Tage zu meistern.“ Einfach mal ein bisschen Ruhe, den Alltag vergessen und mehr Zeit für die Familie — das wünscht sich Thomas Kieffer. Für den Landwirt aus Schweighofen gibt es keine Auszeiten an Sonn- und Feiertagen. Kühe und Kälber verlangen jeden Tag nach ihm. Auch Morgenabend steht er im Stall und versorgt seine 80 Tiere mit Futter. Davor verkauft er im Hofladen die letzten Tannenbäume an Spätzünder, von denen es nicht wenige gibt, wie er berichtet. Wenn bei Martina Hohlreiter das Telefon klingelt, weiß sie, jetzt ist etwas passiert. Die 42-jährige Rettungsassistentin nimmt in der Integrierten Leitstelle Landau Notrufe entgegen und koordiniert die Rettungsfahrzeuge. Da sie keine Kinder hat, springt sie gern für Kollegen mit Nachwuchs ein. Hohlreiter wünscht sich, dass die Menschen ein schönes Weihnachtsfest haben und kein Chaos passiert. „Für Angehörige ist es immer schlimm, wenn einem geliebten Menschen etwas zustößt. An Heiligabend reagieren die Menschen aber besonders emotional“, sagt die Landauerin, die es sich zusammen mit Kollegen mit Gebäck und Häppchen im Dienstzimmer weihnachtlich macht. Als Pfarrer Traugott Oerther vor vielen Jahren seinen Beruf wählte, unterschätzte er den Weihnachtsstress. „Die Adventszeit ist eine einzige Rennerei. Man hetzt von einer Besinnlichkeit zur nächsten“, berichtet der Ilbesheimer, der für fünf Gemeinden zuständig ist. Darunter die Landauer Stadtdörfer Mörzheim und Wollmesheim, wo er dieses Jahr jeweils die Christmette hält. Ruhe finde er erst wieder im Januar. Dann habe er eine Woche Urlaub. Seine freie Zeit möchte er mit seiner Tochter verbringen, die in Konstanz studiert und gerade zu Besuch ist. Christine Koch lebt nach dem Motto: „Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich.“ Gerade in der Weihnachtszeit ist das der dreifachen Mutter wichtig. Dann gibt sie der heimischen Weihnachtsbäckerei und kreativen Bastelabenden den Vorrang. Morgen verwöhnt die Erzieherin ihre zehnköpfige Großfamilie mit Bratäpfeln. Davor gibt es Raclette. „Als Mutter und Gastgeberin gibt es an Heiligabend ordentlich zu tun“, sagt Koch, die sich schon auf das Papierchaos unterm Tannenbaum einstellt. Vor allem freut sie sich darauf, dass sie auf die Hilfe ihrer Familie zählen kann. Polizist Herbert Stein wird bis 21 Uhr in der Landauer Wache sein – wenn alles gut läuft und er nicht gerade bei Familienstreitigkeiten vermitteln muss. Denn die sind laut Stein alles andere als ein Weihnachtsklischee. „Die Erfahrung zeigt, dass es an Heiligabend häufiger kracht als an anderen Tagen. Das kommt daher, dass die gesamte Familie endlich wieder vereint ist“, erzählt der 55-Jährige. „Wenn dann noch Alkohol im Spiel ist und unangenehme Themen auf den Tisch kommen, kann es eskalieren.“ Auch Stein bekommt an Weihnachten Besuch — von seinem Sohn aus Berlin. Zusammen mit der Familie wird er nach Dienstschluss den Abend gemütlich ausklingen lassen. „Nicht stressen lassen, sondern das Leben genießen. Niemand weiß, wann es vorbei ist“, rät Harald Pfister. Der Bestatter aus Herxheim kennt zahlreiche tragische Geschichten, von denen viele auch an Weihnachten spielen. Einmal wollte eine Familie Heiligabend am Sarg der verstorbenen Mutter verbringen. Ein Wunsch, den der 60-Jährige gern erfüllte. Tag und Nacht ist er abrufbereit, denn er weiß, „der Tod kommt, wann er will“. Seine Feierlaune habe er bereits vor Jahren abgelegt. „Wenn man ständig mit dem Tod zu tun hat, besinnt man sich auf das Wesentliche.“ Für ihn ist das seine Familie. Zeit mit seinen Kindern und Enkeln verbringen zu können, mache Weihnachten für ihn aus.

Traugott Oerther
Traugott Oerther
Herbert Stein
Herbert Stein
Martina Hohlreiter
Martina Hohlreiter
Jessica Todte
Jessica Todte
Jasmin Scheib
Jasmin Scheib
Christine Koch
Christine Koch
Harald Pfister
Harald Pfister
Florian Harms
Florian Harms
Thomas Kieffer
Thomas Kieffer
Badinger und Kammerloch
Badinger und Kammerloch
Rainer Moock
Rainer Moock
x