Landau Eine Wienerin entdeckt die Provinz und erforscht sie

Sie haben das Buch herausgebracht (von links): Barbara Pusch, Susanne Spieker und Christopher Horne.
Sie haben das Buch herausgebracht (von links): Barbara Pusch, Susanne Spieker und Christopher Horne.

Wien, Istanbul, Kairo, Gent, Köln, Graz und Hamburg sind die Städte, in denen wir bisher geforscht und gelehrt haben“, erklärte Barbara Pusch, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Landauer Universität, bei der Vorstellung ihres Buches über die Unterschiedlichkeit und Vielfalt in Landau.

Pusch, die ihre wissenschaftliche Karriere in Österreich startete, erhielt zeitgleich mit dem Corona-Lockdown eine Vertretungsprofessur mit dem Schwerpunkt Heterogenität in Landau. Trotz der rigiden Kontaktvermeidungsvorschriften nutzte Pusch jede Gelegenheit, um in Landau zu sein. Für die gebürtige Wienerin, die bisher nur in Großstädten gelebt und geforscht hatte, eine Entdeckung.

„Klein- und Mittelstädte wirken auf dem ersten Blick für eine Großstädterin wie mich sehr idyllisch. Erst beim näheren Hinsehen wird deutlich, dass es auch in Städten wie Landau Heterogenität und Diversität gibt“, erläutert Pusch ihre Motivation, wissenschaftlich zu klären, wo sich Unterschiedlichkeiten und Vielfalt in einer Stadt wie Landau zeigen.

14 Beiträge

Weil Kontakte während der Corona-Jahre kaum möglich waren, lud Pusch per Rundmail ihre Kolleginnen und Kollegen ein, Landau genauer unter die wissenschaftliche Lupe zu nehmen. Pusch erhielt 14 Beiträge, die belegen, wie vielfältig und unterschiedlich das Leben in einer kleinen Stadt wie Landau sein kann. Aus diesen Arbeiten entwickelte Pusch zusammen mit Susanne Spieker und Christoph Horne, beide wissenschaftliche Mitarbeiter im Arbeitsbereich Heterogenität des Institutes für Erziehungswissenschaften der Landauer Universität, ein Buch, dass sie gemeinsam mit neun der insgesamt 23 Autoren in der Universitätsbibliothek vorstellte.

Ein Beitrag beschreibt am Beispiel des Clubs Behinderter und ihrer Freunde (CBF), die Entwicklung der Behindertenbewegung in Landau und der Südpfalz. In einem weiteren Aufsatz analysieren zwei Mitarbeiterinnen der Friedensakademie Rheinland-Pfalz die aktuellen politischen Konflikte zum „Neuen Hambacher Fest“ und zum „Frauenbündnis Kandel“, das in der Initiative „Ich habe geläutet“ ihren Widerpart fand. Dabei wird auch die Auseinandersetzung zwischen der Stiftskirchengemeinde und dem gerade frisch gewählten Ordnungsamt-Beigeordneten Lukas Hartmann unter die Lupe genommen. Zu Beginn der Vorstellung hatte Pusch Hartmann bereits als neuen Bürgermeister der Stadt begrüßt.

Gleichbehandlung einfordern

Bemerkenswert ist ein Beitrag von Jacques Delfeld, Vorsitzender des Verbandes der Sinti und Roma; denn Delfeld kritisiert den Ansatz der Herausgeberinnen, auf die Heterogenität zu fokussieren. Delfeld erklärt bei der Vorstellung seines Beitrages: „Unser Ziel als Verband der Sinti und Roma ist es, die Gleichbehandlung der Sinti und Roma, aber auch aller anderen Minderheiten einzufordern. Wer die Unterschiedlichkeit in den Blick nimmt und diese herausarbeitet, fördert den Eindruck des „die sind anders„. Damit geht das Gemeinsame verloren und das Trennende wird verstärkt.“ Delfeld plädierte dafür stattdessen den Blick auf die Vielfalt menschlichen Lebens zu lenken.

In dem Buch finden sich Beiträge zum Einfluss von Ordensgemeinschaften auf die Stadtentwicklung, zur Bedeutung des jüdischen Lebens in Landau bis zur Shoah oder zur Integration Menschen islamischen Glaubens, die nach dem Tod in Landau begraben werden möchten. Behandelt werden auch Themen wie die Heterogenität der Studierenden und der Lehrenden oder die „Geschlechtliche Vielfalt und mittelstädtisches Leben“.

In Landau forschen

Mittlerweile hat Barbara Pusch eine Professur für interkulturelle Bildung an der Landauer Universität erhalten. Sie will auch zukünftig stärker in Landau forschen, damit ihre Studierenden auch „das Leben vor Ort“ aus wissenschaftlicher Perspektive wahrnehmen lernen, denn in Klein- und Mittelstädten würden viele von ihnen nach ihrem Studium leben, ist sich Pusch sicher.

Lesezeichen

Barbara Pusch, Susanne Spieker, Christopher Horne: Heterogenität und Diversität in Städten mittlerer Größe - Das Beispiel Landau in der Pfalz, Springer Verlag 2023

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