Bad Bergzabern
Ein Südpfälzer wird Ministerpräsident: Wer ist Alexander Schweitzer?
Fangen wir bei diesem 2,06 Meter großen Mann doch mal ganz unten an: bei den Füßen. Alexander Schweitzer, der sich zur „Lebensform“ der Sozialdemokraten zählt, hat er wirklich mal so gesagt, trägt nicht nur rote Socken, auch wenn das für diese Lebensform die wohl passende Farbwahl wäre. Es darf bei ihm auch mal pink sein, Geschmäcker sind ja verschieden. Von der Farbe der Socken abgesehen, ist der Südpfälzer ein gläubiger Sozialdemokrat. Wie tickt der 50-Jährige aus Bad Bergzabern, der künftig dieses schöne Bundesland regieren möchte?
Neulich in der Landauer Innenstadt, Schweitzer hat zum Mittagessen gebeten in ein veganes Restaurant. Es gibt eine Schüssel, neudeutsch Bowl, mit viel Grünzeug, Nüssen, solche Sachen. Das Menü wäre wohl auf jedem Parteitag der Grünen ein Hit, aber greifen Sozialdemokraten nicht eher zur Currywurst? So ist es mit Klischees, sie stimmen eben nur manchmal. Dass sich Schweitzer seit Jahren fleischlos ernährt, mag auf den ersten Blick auch eine Nebensächlichkeit sein. Aber er wird damit Geschichte schreiben – als erster veganer Ministerpräsident. Und das ist doch schon mal was. Wichtiger ist jedoch, dass sein Speiseplan auch ein Indiz dafür ist, dass dieser Mann kein ganz gewöhnlicher Typ ist.
Schweitzer hat eine klassische Aufstiegsbiografie
Wer hinschaut, entdeckt häufig im Handeln von Politikern Spuren und Erfahrungen aus deren Kindheit und Jugend. Der einstige SPD-Kanzler Gerhard Schröder wuchs als Sohn einer alleinerziehenden Mutter in ärmlichen Verhältnissen auf, sein Wunsch nach Aufstieg und Bedeutung war riesig. Der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck durfte wegen einer Hauterkrankung als Kind kein Messdiener werden. Auch diese Erfahrung der Ausgrenzung trieb ihn als Regierungschef dazu an, die Bildungsgerechtigkeit im Land zu erhöhen, das hat er später oft erzählt. Schweitzer hat wie Schröder und Beck eine klassische Aufstiegsbiografie, die als Blaupause für sozialdemokratische Werbeprospekte dienen könnte.
Als der Südpfälzer das erste Mal dauerhaft festen Boden unter den Füßen hatte, war er sechs Jahre alt. Bis zu seiner Einschulung in Ingenheim, wo seine Eltern ein Haus gekauft hatten, war er jahrelang auf dem Schiff unterwegs. Schweitzers Vater, ein Landauer, war Steuermann auf einem Binnenschiff, das Baustoffe oder Heizöl transportierte. Seine aus Arzheim stammende Frau und den kleinen Jungen nahm er mit auf seine Fahrten quer durch Westeuropa. „Das war keine gewöhnliche Kindheit. Und die Erfahrungen auf dem Schiff haben mich sehr geprägt“, hat Schweitzer mal der RHEINPFALZ erzählt. Er habe gesehen, wie hart manche Menschen arbeiten, um über die Runden zu kommen. Seine Eltern seien politisch immer interessiert gewesen, doch er sei als Erster in der Familie einer Partei beigetreten. Bewegt dazu habe ihn unter anderem der aufkommende Rechtsradikalismus Ende der 1980er-Jahre.
„Das Wort ist wie gemacht für Alexander“
Schweitzer, verheiratet, eine Tochter, zwei Söhne, hat in Mainz den Spitznamen „Alexander der Große“ – nicht nur wegen seiner Körperlänge. Doch auch er hat klein angefangen im politischen Geschäft – und es von der Pike auf gelernt. Von 1997 bis 2004 war er unter anderem Vorsitzender der SPD Billigheim-Ingenheim. 1999 wurde Schweitzer in den Kreistag Südliche Weinstraße und in den Gemeinderat der Verbandsgemeinde Landau-Land gewählt. 2006 kam er erstmals in den Landtag, dem er bis heute angehört. In Mainz machte der Jurist schnell Karriere: Staatssekretär, Generalsekretär, Minister, Fraktionschef, wieder Minister. Und nun soll er Ministerpräsident werden.
Das hat er seinen zahlreichen Fähigkeiten zu verdanken, die einen Weg in ein solches Amt erleichtern. Eine kleine Anekdote: Als er 2020 erneut als Kandidat für den Wahlkreis Südliche Weinstraße nominiert wurde, war auch Malu Dreyer zu Gast. Sie sagte: „Er kann gut reden, und das ist besonders als Fraktionsvorsitzender wichtig. Das Wort ist wie gemacht für Alexander.“ Und in der Tat ist Schweitzer ein guter Redner, er kann rhetorisch zwischen Filetmesser und Machete wechseln, diese Geschmeidigkeit haben nur wenige, besonders im oft so öden rheinland-pfälzischen Politikbetrieb, bei der manche Landtagsrede stärker wirkt als ein Narkotikum.
Der politische Ziehvater heißt Kurt Beck
Schweitzer kann aber nicht nur gut reden, er hat eine schnelle Auffassungsgabe, ist gut vernetzt in seiner Partei, auch auf Bundesebene. Seit 2017 ist er im Parteivorstand der SPD. Geprägt hat den Südpfälzer auch sein Ziehvater Kurt Beck, der ihm das politische Programm des „Nah bei de Leut“ beigebracht hat. Schweitzer weiß von Beck, dass sich ein Landespolitiker für keine Veranstaltung zu schade sein sollte. Wenn also der Kleintierzuchtverein Insheim ein Grußwort des Wahlkreisabgeordneten oder gar des Ministerpräsidenten wünscht, dann bekommt er das auch.
Der Privatmann Schweitzer ist großer FCK-Fan, auch das hat er mit Beck gemeinsam. Aber nicht nur das Runde, sondern auch das Eckige spielt eine Rolle: Schweitzer ist ein leidenschaftlicher Leser, vor allem Biografien historischer Persönlichkeiten haben es ihm angetan. Er wird als Ministerpräsident in die Geschichtsbücher eingehen, das ist sicher. Doch um eine historische Persönlichkeit zu werden, die im Gedächtnis bleibt, bis dahin muss der Sozialdemokrat noch eine weite Wegstrecke zurücklegen – egal ob in roten oder pinken Socken.