Landau Driving home for Christmas

Zu Heiligabend heißt es für viele wieder: rein ins Auto und ab zur Verwandtschaft.
Zu Heiligabend heißt es für viele wieder: rein ins Auto und ab zur Verwandtschaft.
Robert Wilhelm, 51, Stadtredaktion: „Die bucklige Verwandtschaft“

Dieses Weihnachten bin ich fast nicht auf der Straße, alle kommen zu uns nach Bad Bergzabern. Lustig wird’s allemal an Heiligabend, so war’s schon immer. Weihnachtsdramen waren einmal. Wir sind alle älter – und vielleicht auch etwas weiser? – geworden. Die einzige Unbekannte: Mal schauen, wer ein Achtel zu viel getrunken hat und bei uns übernachtet. Ja, es ist fast wie in den Heimat-Filmen aus den 50ern: Friede, Freude, Eierkuchen, aber erst nach dem Kirchgang. Es steht immer der Kindergottesdienst auf dem Programm, weil er um 18 Uhr zu Ende ist und bei jedem spätestens um 19 Uhr der Magen knurrt. Und am nächsten Tag geht es in den Weihnachtszirkus in Landau. Mehr Kilometer sind es nicht, nur für die Verwandtschaft, die sich dann wieder über die halbe Republik verteilt. Ein gesegnetes Fest. Judith Hörle, 35, Kreisredaktion: „Runden durch Deutschland“ Weihnachten bedeutet für uns immer einiges an Rumgefahre. Allerdings bleibt mir der aktive Part meist erspart. Feminismus in die Tonne: Ich übernehme das Plätzchenbacken, mein Freund das Autofahren. Als Thüringer-Wald-Pflänzchen, das seit elf Jahren seine Wahlheimat in der Pfalz gefunden hat und dessen Freunde und Familie bunt verstreut sind, bin ich es gewohnt, ein paar Mal im Jahr meine Runden durch Deutschland zu drehen. So verbringen wir Heiligabend in Schmalenberg bei der Familie meines Freundes. Die kurvenreiche Rückfahrt auf der Totenkopfstraße im Stockduster überlasse ich natürlich ihm. Am ersten Feiertag ist meine Familie dran. Nicht mehr in Thüringen, wie früher, sondern in Frankfurt, wo der Freund meiner Mutti lebt. Aber in Thüringen war ich diesmal zur Weihnachtszeit auch – einem Termin für die RHEINPFALZ am SONNTAG in Jena sei Dank. Den habe ich gleich mit einem Stopp bei meiner Oma verbunden, die jedes Jahr zwischen Frankfurt und Erfurt pendelt, wo der andere Familienteil wohnt, und bei meiner besten Freundin. Sie lebt in einem Bauwagen, er steht auf dem Gelände einer Bio-Gärtnerei-Wohngemeinschaft. Ich würde sagen: viel Rumgecruise, aber es lohnt sich. Überall gibt’s liebe Menschen, Essen und Geschenke. Super. Andreas Schlick, 32, Kreisredaktion, „Mama, ich mache es wieder gut“ Es gibt da diese Geschichte, es muss 1999 gewesen sein. Eine Mutter, meine Mutter, fuhr mit ihren beiden Söhnen am frühen Heiligabend zu ihrer Mutter ins Saarland. Nun werden Sie denken, es ist schon schlimm genug, ins Saarland zu fahren. Und das an Heiligabend. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn eine Mutter, meine Mutter, mit ihren beiden Söhnen am frühen Heiligabend zu ihrer Mutter ins Saarland fährt und außerdem einen wildgewordenen Kater an Bord hat, der sich aufführt, als ginge es zum Kastrationstermin. Die Jungs auf der Rückbank versuchten also, mit ruhiger Stimme auf das Tier einzureden, aber Kater sind manchmal sehr eigensinnig. Streicheln brachte auch nichts, nur verkratzte Hände. Wir waren deshalb sogar froh, als wir im Saarland ankamen, was dann schon was heißen soll. Ach ja: In diesem Jahr geht es zur Verwandtschaft meiner Freundin in Mittelfranken, man freut sich schon jetzt auf den Stau auf der A 6. Und es ist das erste Mal, dass mich meine Mutter an Heiligabend nicht zu Gesicht bekommt. Schade. Mama, ich mache es nächstes Weihnachten wieder gut. Versprochen. Birgit Möthrath, 52, Kulturredaktion: „Ein Kind und ein Lothar“ Es begab sich aber zur Jahrtausendwende. Hochschwanger an Weihnachten auf dem Weg an den eigenen Geburtstort – da spürt man der Bedeutung des Fests besonders intensiv nach. Nun ja: Es war nicht Bethlehem, sondern Düren, dem wir entgegen strebten. Und es war auch kein Esel, der mich mit meinem Mann Richtung Rheinland trug, sondern eine schnöde Blechkarosse. Doch der Empfang – wohl in der Vorfreude auf das erste Enkelkind – hatte ganz viel von der Nestwärme einer Weihnachtskrippe. Wie nah man sich aber als werdende Mutter den himmlischen wie den irdischen Mächten ausgeliefert fühlt, das sollten wir auf der Rückfahrt erfahren. Während ich mich noch ahnungslos und wohlbehütet im Schoß der Familie dem kommenden Glück widmete, das übrigens auch meinem Bruder und seiner Frau drei Monate später winkte und für ergiebigen Gesprächsstoff sorgte, braute sich das Unheil über der Biskaya zusammen. Luzifer, nicht Lothar, hätte man diesen Orkan taufen sollen, der just in dem Moment über Deutschland fegte und unser Auto packte und rüttelte, als wir ihm auf der Moseltalbrücke vollkommen ausgeliefert waren. Eigentlich eher wagemutig veranlagt – meine Mutter würde jetzt gar von leichtsinnig sprechen –, wusste ich nicht mal mehr, ob ich mich besser ab- oder anschnallen sollte, um dem Kind in meinem Bauch nicht zu schaden, sollte es krachen. Aus Übermut wuchs Demut. Die Verantwortung für dieses kleine Wesen, dessen Leben mir so völlig ausgeliefert war, drückte wie der vermaledeite Striemen. Wie sehr unser Schutzengel aber über uns gewacht hatte, wurden wir erst gewahr, als wir abends im Fernsehen die Bilder von all den umgestürzten Lastwagen sahen, die der Sturm ohne viel Federlesens gepackt hatte. Maria Preuß, 30, freie Mitarbeiterin: „Menschheit im Zug“ Driving home for Christmas bedeutet für mich: hoffen, dass bei der Bahn nicht gestreikt wird und ich keine Anschlusszüge verpasse. Es bedeutet, durch überfüllte Waggongänge zu laufen und dabei hoffentlich keine Geschenke zu verlieren. Es bedeutet aber auch: immer wieder von der Hilfsbereitschaft der Mitfahrenden überrascht zu werden. Über das Zugfahren wird viel geschimpft. Wenn mir aber Zuggäste anbieten, meinen Rucksack zu verstauen, oder Menschen rücksichtsvoll Platz im Gang machen, fällt es mir schwer, mich zu ärgern. Wenn dann noch eine ältere Dame das schreiende Kleinkind ihrer Sitznachbarin liebevoll ablenkt und sich Gespräche mit Mitreisenden ergeben, verstärkt sich mein Verdacht, dass die Menschheit doch noch nicht verloren ist. Und das ist doch zu Weihnachten ein gutes Gefühl. Falk Reimer, 36, Stadtredaktion: „Fahrt hinter den Vorhang“ Was war das für ein Stress in den vergangenen zehn Jahren. Zu Weihnachten galt es immer, ein paar Tage bei den Schwiegereltern zu verbringen. Meine Familie sollte aber auch nicht zu kurz kommen. Also haben wir uns auf das geeinigt: Am 23. Dezember sind wir immer rübergefahren, hinter den ehemaligen Eisernen Vorhang. Eine Strecke von knapp 500 Kilometern. Dann haben wir Heiligabend friedlich bei ihren Eltern verbracht, am 25. Dezember ging es immer nach Hause in die Pfalz. Der 26. Dezember war dann meiner Familie vorbehalten. So waren alle glücklich. Außer uns. Gut, Weihnachten ist ein Fest der Liebe, des Zusammenhalts. Aber muss es wirklich größtenteils auf unter zwei Quadratmetern Fahrerkabine eines Kleinwagens verbracht werden? Gestritten haben wir uns nie, wenn ich mich recht erinnere, aber ich mag mir nicht vorstellen, was hätte passieren können, wenn uns die Hörbücher ausgegangen wären. In diesem Jahr jedenfalls fahren wir nirgendwo hin, die Familien besuchen uns in der Südpfalz. Sebastian Böckmann, 58, Stadtredaktion: „Keine weiße Weihnacht.“ Es muss Mitte der 1980er-Jahre gewesen sein. Ich kannte meine heutige Frau noch nicht allzu lange und war am ersten Weihnachtstag zum Familientreffen bei ihren Großeltern im Westerwald eingeladen. Und dann setzte der Schneefall ein: dicke, fette Flocken. Winterreifen hatte ich nicht. Durchs Rheintal nach Koblenz hab’ ich es noch gut geschafft, den Aufstieg auf den Westerwald nur mit Herzklopfen. Auf einem kurzen Stück A 3 habe ich mich mit meinem Peugeot 304 noch so eben zwischen steckengebliebenen Lastwagen durchwinden können, aber in einem kleinen Dorf kurz vor dem Ziel war Schluss, unterhalb der Kirche, aber zum Glück gleich an der belebten Dorfkneipe mit dem Münzfernsprecher. Es hat nicht lange gedauert, bis mich eine Wagenladung schubkräftiger Männer retten kam. Die folgenden mehr als 30 Jahre ist immer alles gut gegangen. Wird wohl auch diesmal wieder klappen. Aber kann noch mal etwas so gut schmecken wie Oma Hedwigs Heringssalat mit Roter Beete und Rindfleisch? Michael Reuter, 65, Kreisredaktion: „Modeberater im Kleiderladen“ Alle Jahre wieder. Am ersten Tag der Weihnachtsferien hieß es für mich als Junge und meine Mutter (mein Vater war gestorben, als ich sechs Jahre war) Koffer und Taschen packen. Ab ins nordhessische Bad Wildungen, wo der Großteil unserer Familie lebte. Zunächst die quälend lange Fahrt mit dem Bus von Speyer nach Heidelberg, dann mit dem Zug über Frankfurt zum Zielort. Heute könnte man in der Zeit bequem nach Hurghada oder auf die Kanaren fliegen. In Bad Wildungen besaßen meine Großeltern in der Brunnenstraße ein Bekleidungsgeschäft, in dem es selbst an Heiligabend bis 14 Uhr noch jede Menge Arbeit gab. Und ich durfte helfen. Beim Verpacken, Anprobieren und sogar (unter Aufsicht) beim Abkassieren. Stolz wie Oskar war ich, wenn mich ein unschlüssiger Kunde bei der Auswahl zwischen zwei Hemden oder Krawatten nach meinem Geschmack fragte. Nach dem Rat eines jungen Burschen, der von dem Metier keine Ahnung hatte. Wenn meine Entscheidung dann noch als richtig empfunden wurde, ich dafür ein ausdrückliches Lob einheimste und vom stolzen Opa eine Streicheleinheit bekam, dann war das für mich wie ein Vorweihnachtsgeschenk. Ich geb’s zu. Von diesen Momenten träumte ich danach oft mehr als von den Präsenten, die nach Ladenschluss unter dem Christbaum lagen.

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