Landau Der Pascha verlässt die Bühne

Nach fünf Jahren an der Spitze des Landauer Beirats für Migration und Integration verkündet Aydin Tas seinen Rückzug (wir berichteten am 7. August). Aus dem einstigen Hoffnungsträger ist ein Gescheiterter geworden. Am 8. November 2009 schritten 504 Ausländer an die Urne – rund 19 Prozent der Landauer mit ausländischen Wurzeln – und wählten Aydin Tas mit 437 Stimmen an die Spitze. Aus dem Vorstand der türkisch-muslimischen Gemeinde wechselte der Landauer Türke in den Chefsessel des gerade reformierten Ausländerbeirates. Nachdem seine Vorgängerin Hilal Incedere weit über das eigene Gremium hinaus in Ungnade gefallen war, weil sie für ein Buch warb, das den Völkermord der Türken an den Armeniern in Frage stellt, galt Aydin Tas als Hoffnungsträger, den lädierten Ruf zu reparieren. „Lasst uns alle Informationen miteinander teilen“ hatte Tas im Dezember 2009 ausgerufen, nachdem er im Beisein der Stadtspitze zum Vorsitzenden gewählt worden war. Doch „Teilen“ galt in seinen Augen wohl vor allem für all die anderen, von denen er profitieren konnte. Als Bürgermeister Thomas Hirsch (CDU) ein kommunales Integrationskonzept auf den Weg brachte, war Aydin Tas sein ständiger Begleiter und ließ sich feiern, obwohl an der Ausarbeitung aus dem Beirat maßgeblich Francesca Chillemi Jungmann beteiligt war. Als es darum ging, den Stadtrat vom kommunalen Wahlrecht für Drittstaatler zu überzeugen, hatte Tas keine Skrupel, die Rede eines Mainzer Kollegen als seine zu verkaufen. Als das die Runde machte, wehrte sich der Kollege, aber Tas zog elegant seinen Kopf aus der Schlinge: Der Klau habe doch einem guten Zweck gedient. So wurde dem findigen Landauer auf allen Ebenen verziehen. Der Stadtrat schmunzelte, die Landes-Arbeitsgemeinschaft Ausländerbeiräte schloss Tas nach einer Unterlassungserklärung gar als Vorstandsmitglied in die Arme. Wenn es darum ging, Gesicht zu zeigen, war er immer dabei, sobald es aber galt, zuzupacken und Verantwortung zu übernehmen, ließ Tas gerne anderen den Vortritt. Als Beiratsvorsitzender herrschte er wie ein Pascha. Er allein bestimmte über Themen und Rederecht und darüber, was vom Gesagten an die Öffentlichkeit gelangen durfte – und keiner wehrte sich. In der Folge wurde es still um die Multi-Kulti-Gesellschaft in der Stadt. Im vergangenen Jahr hat es nach 14 Jahren erfolgreicher Wochen der Kulturen keine in sich geschlossene Veranstaltungsreihe mehr gegeben. Dafür beteiligt sich Landau an den bundesweiten Wochen gegen Rassismus. Seit zwei Jahren gibt es einen Förderverein für den Ausländerbeirat, er hat nun ein Logo. Und immerhin verdanken die muslimischen Frauen es Tas’ Einsatz, dass sie einmal wöchentlich unbeobachtet schwimmen gehen können. Doch wie geht es nun weiter? Noch halten sich alle bedeckt. Francesca Chillemi Jungmann hat ihren Rücktritt aus Altersgründen angekündigt. Farid Moayyedi, ein leitender Mitarbeiter des Bauamtes, hätte das Zeug zur Führung. Unzählige Fußballturniere und rauschende Multi-Kulti-Feste verdanken die Landauer dem Organisationstalent und dem Fleiß des Vorsitzenden des Türkischen Sportvereins (TSV), Orhan Yilmaz. Aber wie er hat sich auch der gebürtige Vietnamese Tri Tin Vuong, der in Insiderkreisen als Nachfolger Tas’ gehandelt wird, bisher nicht eindeutig geäußert. Oder übernehmen Nicht-Migranten das Ruder? Die Herzen von Paul Schwarz und Siegfried Schmidt schlagen auch beruflich für die Integration. Schwarz dreht auf der ganzen Welt Bildungsfilme und propagiert die Sprachförderung. Schmidt verfügt als personifizierter „Jugendmigrationsdienst“ für die Stadt Landau und den Kreis SÜW über profunde Kenntnisse in der Sache sowie die entsprechenden Kontakte. Die russischstämmige städtische Integrationsbeauftragte Elena Schwahn bemüht sich verstärkt um die Werbung von Spätaussiedlern aus Osteuropa, die in Landau eine relativ große Gemeinde bilden. Bis Mitte September sollen bei Horst Pede im Wahlamt der Stadt die Vorschläge eingereicht sein. Danach wird Oberbürgermeister Hans-Dieter Schlimmer (SPD) die Listen öffentlich bekannt machen. Am 23. November dürfen alle Ausländer, Eingebürgerte und zurückgekehrte Deutsche aus Osteuropa wählen. Auch Aydin Tas. Nachdem die CDU das kommunale Wahlrecht für Drittstaatler abgelehnt hatte, ließ sich der bekennende Türke, der sich jahrelang gewehrt hatte, Deutscher zu werden, einbürgern und wurde SPD-Mitglied. Obwohl ihn die Genossen auf den aussichtsreichen Platz zehn ihrer Kommunalwahl-Liste hievten, versagten ihm die Wähler den so heiß begehrten Einzug in den Stadtrat. Nun bleibt Tas, dem die Rolle als Berater nicht genügte, nur noch, „gelassen aus der zweiten Reihe“ zu agieren. Er sitzt seit wenigen Tagen bereits im Vorstand des SPD-Ortsvereins Landau.