Interview
„Das provoziert Leute“ – Künstler Dominik Schmitt spricht über Shitstorm
Was darf Kunst?
Kunst darf alles, sofern keine Menschen diskriminiert werden. Die Kunstfreiheit endet da, wo sie die Menschenrechte verletzt.
Ihr Bild „Incitatus“ hat für Ärger gesorgt. Hat Sie der Shitstorm überrascht?
Ja, absolut. Im Endeffekt ist man als Künstler in einer Blase. Ich konsumiere täglich Medien, die sich mit Skandalen auseinandersetzen. Ich reibe mich an Sachen, die mich aufregen – Homöopathie, Scheinwissenschaften, Religion – aber ich versuche nur bedingt, zu provozieren. Mir geht es darum, die Dinge so darzustellen, wie ich sie sehe. Das ist die Aufgabe eines Künstlers und das provoziert dann Leute. Bei Incitatus habe ich mich mit der seltsamen Geschichte um Caligula beschäftigt und noch nicht einmal daran gedacht, dass man sich so darüber aufregen kann. Ich glaube, dass die Stadtverwaltung das Bild auf Facebook gepostet hat, hat die Verärgerung ausgemacht.
Die Verwaltung hat mitgeteilt, es sei völlig richtig gewesen, das Bild zu posten. Wie sehen Sie das?
Ja. Das mag für viele pervers erscheinen, aber es verletzt nicht die Menschenwürde. Es verletzt nur das Moral- oder Kunstverständnis von Menschen, die nicht darauf vorbereitet waren, was ihnen da entgegengeschleudert wurde. Ich finde die Reaktionen übertrieben.
Das Bild behandelt einen historischen Anlass. Ist das Thema heute überhaupt noch relevant?
Die Vermenschlichung von Tieren, die ich mit dem Bild aufgreife, begegnet mir jeden Tag. Ich bin selbst Hundebesitzer. Hunde werden verzogen, weil sie von einigen Menschen, nicht von allen, nicht mehr behandelt werden wie Tiere, die in einem Rudel funktionieren. Sie werden behandelt wie kleine Kinder, denen man was Gutes tun möchte. Denkt man also weiter, ist das Bild schon gegenwartsrelevant. Das war aber nur ein Beigedanke. Die Idee war ja hierbei nicht, die Gesellschaft umkrempeln zu wollen.
Was war denn die Idee hinter dem Bild?
Die Vermenschlichung darzustellen. Man sieht das auch: Der eigentliche Akt ist von dem Rest abgetrennt, als hätte man ihn drübergelegt. Der letzte Schritt, mit dem Tier zu verschmelzen, wird nicht direkt dargestellt, sondern eher als Gedanke dargestellt. Es ist ja auch deutlich erkennbar nicht der Hintern und das Geschlechtsteil eines Pferdes, in den eingedrungen wird. Es handelt sich dabei um ein freches Augenzwinkern. Hier geht es auch um Kunstverständnis: Kunst ist ja das, was im Kopf der Menschen weitergeht. Auch der Kontext ist wichtig: In einer Ausstellung wird das Werk anders wahrgenommen als auf Facebook.
Wie ist das Bild denn entstanden?
Ich höre den Fest & Flauschig-Podcast von Böhmermann und Schulz, dort wurde die Geschichte um Caligula und sein Pferd Incitatus behandelt. Ich hatte ein Bild mit einem Pferdekopf angefangen und dann gedacht: „Das ist ja verrückt.“ Dann war mir klar, in welche Richtung ich das Bild schiebe. Also habe ich einen Menschenkopf drübergelegt und hinten auch Mensch und Tier vermischt.
Andere Ihrer Werke befassen sich mit Scheinwissenschaft, Homöopathie oder Religion. Ist Ihre Kunst ein Kommentar zum Zeitgeschehen?
Am Anfang des Studiums habe ich mich gefragt, was Kunst denn überhaupt ist und warum und wozu ich überhaupt Kunst mache. Die Frage ist nicht leicht – grundlegend bin ich zunächst zu dem Schluss gekommen, dass Kunst authentisch sein muss. So habe ich mich erst mal lange mit mir selbst beschäftigt – meine Bildsprache und mich sozusagen selbst gesucht. Alles ist auf mich ausgerichtet. Mit der Zeit wurde mir vieles über mich selbst klar und somit war auch der Weg für neue Themen frei. Die Religionskritik war eines der ersten Themen, die mich emotional berührten. Dann kam die Pandemie. Sie hat mit uns allen innerlich viel gemacht, aber so sind bei mir andere Themen dazugekommen. Mir ist aufgefallen, dass beispielsweise der Glaube an Homöopathie gar nicht so weit von Religion entfernt ist. Es ist ein System, das auf einer Hypothese gründet. Bewiesen ist es nicht, beweisbar ist es nicht. Aber Menschen halten sich daran fest, als wüssten sie besser als all die unzähligen Studien, dass Homöopathie doch wirkt. Menschen argumentieren mit aller Kraft für etwas, für das sie keine Argumente haben. Das ist mit Religion vergleichbar. Religion ist Überzeugung minus Wissen. Das sehe ich als sehr gefährlich an. Wenn man dem eigenen Bauchgefühl mehr Vertrauen zumisst, als beweisbaren Fakten – dann wird es einfach gefährlich. Ich habe mich lange gefragt, ob meine künstlerische Arbeit gesellschaftsrelevant ist oder sein kann. In der Pandemie wurde sie es sozusagen von alleine durch die äußeren Umstände, die mich – wie wohl viele Menschen – einfach sehr stark beschäftigt haben.
Woran liegt es, dass Menschen sich von der Wissenschaftlichkeit abgewendet haben?
Überzeugung und Recherche sind selten Grund dafür, dass Menschen einer bestimmten Glaubensrichtung anhängen. Das liegt eher am Geburtsort und der Erziehung. Diesen Menschen kann man das auch eigentlich nicht vorwerfen, weil sie es niemals anders kennengelernt haben. Dazu kommt der fatale Faktor „Desinformation im Internet“. Wahrscheinlich kennt so gut wie jeder Leute, die die Impfung ablehnen. Sie argumentieren oftmals mit Argumenten und Quellen, die unseriös sind. Viele Menschen haben nie gelernt, mit dem Internet umzugehen, unseriöse Quellen zu erkennen, Meinung von Fakten zu unterscheiden. Ich denke, wir haben an dieser Stelle ein Bildungsproblem und fehlendes Wissen im Umgang mit Medien.
Wir reden also über Medienkompetenz.
Ja! Wenn jemand auf eine Seite geht, deren Inhaber sich als Patriot bezeichnet, der „endlich die Wahrheit“ ausspricht und ohne Info zur eigenen Ausbildung oder gar unter Pseudonym irgendeinen Krempel ohne nachvollziehbare Belege ins Netz schreibt, dann ist doch offensichtlich, dass es nicht seriös sein kann. Wenn ich zum Beispiel jetzt zu den öffentlich-rechtlichen Medien gehe, wo jeder Artikel kontrolliert und von Kollegen mehrfach gegengecheckt wird, dann ist das doch was ganz anderes. Leute können teilweise nicht mehr Meinungen von Fakten unterscheiden, Rassismus von Kunstfreiheit – es wird alles vermischt. Manche Leute sind wie kleine Kinder, die nicht kapieren, was los ist und darum zornig Hass ins Internet blasen. Damit muss man irgendwie umgehen. Kunst ist und war schon immer ein gutes Mittel solche Diskurse aufzuwerfen.
Kann man denn mit diesen Menschen noch debattieren?
Ich stelle fest, dass Menschen sich sehr schnell persönlich angegriffen fühlen, wenn man Überzeugungen kritisiert. Michael Schmidt-Salomon sagte mal den schönen Satz: Jeder Mensch ist zu respektieren, egal woher er kommt oder wer er ist, aber nicht jede Ideologie ist zu respektieren. Das ist ein Leitsatz für mich geworden. Ich haue auf Gedanken drauf, die ich hochgradig bescheuert finde, aber nicht auf Menschen. Ich bin Menschen gegenüber nicht respektlos, nur Ideologien gegenüber.
Die Ausstellung in der Villa Streccius beginnt am Freitag. Haben Sie schon weitere Pläne?
Ja, fast sogar mehr, als mir lieb sind. Im November sind Arbeiten von mir in einer Ausstellung in Berlin, ich bin auf einer Kunstmesse in Frankfurt, im Dezember habe ich eine Einzelausstellung in Wien, nächstes Jahr eine in Hamburg ... Es geht gut ab im Moment. Ich will mich nicht beschweren, denn mir ist klar: Wenn ich nach oben will, muss ich mir den Arsch aufreißen und das mach ich gerne für Kunst, weil ich sie liebe.
Zur Person
Dominik Schmitt lebt und arbeitet in Landau und Karlsruhe. Der 39-jährige Künstler ist in Neustadt geboren und hat an der Landauer Uni unter anderem Kunst und Kunstwissenschaft studiert. Seine Werke waren unter anderem auf Ausstellungen und Messen in Berlin, Köln, Wien, New York oder Palm Beach zu sehen.
Ausstellung
Am Freitag, 19 Uhr, startet Schmitts Ausstellung „Liebe“ in der Landauer Villa Streccius. Die Werke sind bis 20. November i. Südring 20 zu sehen.