Mittagstisch
Besuch in Pfälzer Weinstube: Fritz Walter, Schnitzel und ein sonderbarer Cuvée
Welches Restaurant hat einen Mittagstisch? Was vor einigen Jahren als Hype begann, dann wieder abzuflachen schien, ist inzwischen in vielen Gaststätten in der Südpfalz gang und gäbe. Der Grund ist einfach: Die Nachfrage stimmt. Ich persönlich esse mittags eigentlich eher wenig, möchte es aber für unsere Serie „Mittagstisch“ mal testen.
Es ist Dienstag, 13 Uhr. Essenszeit. Ich habe mich für die Weinstube Raddegaggl in der Landauer Industriestraße entschieden. Die Laternen leuchten an dem Backsteinhaus, dessen Fassade von grünen Kletterpflanzen umrankt wird. Kästen mit roten Geranien stehen vor den Fenstern. Ich gehe die Treppe hoch. Gleich am Eingang, an den dunkelbraunen Balken der Holzterrasse, werden auf einem Schild zwei Kalbsfrikadellen mit Erbsen/Karotten und Kartoffelstampf als Mittagsessen angepriesen. Darauf hätte ich Lust. Aber Moment, da steht Mittwoch, das gibt es also heute nicht. Na ja, ich werde auf der Karte etwas anderes finden, denke ich mir.
Von Fritz Walter bis Wigald Boning
Das Ambiente in der „Raddegaggl Stubb“ ist gemütlich – rustikal. Holzdecken und geschnitztes Fachwerk geben sich die Klinke in die Hand. An den Balken und Wänden prangen zahlreiche Sprüche wie „Fröhlich Pfalz, Gott erhalt’s“ oder „Trinke Klares, spreche Wahres und kaufe Rares“. Im Raddegaggl gibt es viel zu schauen. Ich setze mich an einen großen runden Ecktisch – neben mir, in einer Ecknische, sitzt eine größere Elwetritsche-Figur mit rotem Schnabel, einem Dubbeglas in der einen und Weintrauben in der anderen Hand. Was hat es damit auf sich? Ich werde es den Wirt fragen.
Darüber hängen zahlreiche Schwarz-Weiß-Bilder aus längst vergangenen Tagen. Auf einem Foto ist ein Mann zu sehen, dessen Namen wohl nicht nur jeder Pfälzer kennt: Fritz Walter, einstige FCK-Ikone und Kapitän der deutschen Fußball-Weltmeistermannschaft von 1954. Was er wohl damals gegessen hat?
Das weiß Gastwirt Heiko Pacyna, der das Restaurant seit zehn Jahren betreibt, natürlich auch nicht. Das war lange vor seiner Zeit im Raddegaggl. Noch gut im Gedächtnis ist dem 56-jährigen Restaurantchef der Besuch von Komiker Wigald Boning in seiner Gaststätte, der sich genau wie einige andere regional und überregional bekanntere Personen im Gästebuch verewigt hat. „Er hat Saumagen gegessen, und er hat ihm geschmeckt“, sagt Heiko Pacyna trocken und blickt auf die Elwetritsche-Figur. „Das hier ist der Elwetritsche-Stammtisch“, beantwortet er mir meine Frage nach dieser Bewandtnis. „Der Verein war einst im Raddegaggl gegründet worden.“
An diesem Dienstag bin ich nicht der einzige, der die Idee hatte, in der Landauer Traditionsweinstube zu Mittag zu essen. Einige sind schon fast wieder damit fertig und unterhalten sich. Übrigens: Alkohol „steht mittags im Raddegaggl eher weniger auf den Tischen“. Unter den Gästen sind Rentner, Familien mit Kindern, Arbeiter und Büroangestellte.
Dienstag ist Schnitzeltag
Aber was esse ich jetzt? Als Tagesessen gibt es Eintopf mit Würstchen. Auf der Mittagskarte stehen zum Beispiel auch Gemüsemaultaschen mit Käse überbacken, Currywurst mit Pommes oder Schweinerückensteak mit Rahmsoße und Spätzle. Die Gerichte kosten zwischen 9 und 14 Euro. Ich habe Glück: Dienstagmittag ist auch Schnitzeltag. Mit Pfefferrahmsoße, Zwiebelsoße, Morchelrahmsoße oder doch „Wiener Art“. Mmh, ich liebe Schnitzel. Ich entscheide mich für Letzteres – mit Pommes, ohne Salat.
Essen einpacken
„Mer sollt schun Hunger hawe“, „warnen“ die Betreiber auf der Homepage des Gasthauses in Anspielung auf die großen Portionen – und ja, die Ansage stimmt, ich habe schon deutlich kleinere Schnitzel gesehen und auch schon welche gegessen, die nicht so gut geschmeckt haben. Es empfiehlt sich, ein Behältnis mitzubringen, dann kann man alles, was man nicht an Ort und Stelle packt, einfach mit nach Hause nehmen. „Das machen einige Gäste“, sagt Heiko Pacyna.
Während ich esse, gesellt sich der Küchenchef zu mir an den Tisch. Heiko Pacyna kommt ursprünglich aus Dörrenbach. Seine Ausbildung hat er in Oberstdorf im Allgäu absolviert, und mit Anfang 20 hat es ihn wieder zurück in die Südpfalz verschlagen – nach Queichheim. 50 Stunden verbringt er nach eigener Aussage pro Woche in der Küche, um für das Wohl seiner Gäste zu sorgen. Bis er in Rente geht, will er den Kochlöffel im Raddegaggl schwingen. „Aber es werden nicht noch mal zehn Jahre“, kündigt er an, früher Schluss machen zu wollen. Seine Frau Uli unterstütze ihn, wann und wo immer sie kann. „Sie ist die gute Fee des Hauses“, sagt er. Darüber hinaus sind derzeit rund 20 Mitarbeiter im Raddegaggl beschäftigt. Die Suche nach Personal habe sich entspannt.
Regionale Produkte
„Bei uns ist immer was los. Die Leute mögen das Pfälzer Essen“, sagt der Gastwirt. Er setze – auch beim Mittagstisch – ausschließlich auf traditionelle deutsche Küche und regional eingekaufte Produkte. Dies zeigt sich nicht nur beim Mittagstisch, der Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag von 11.30 bis 14 Uhr angeboten wird, sondern insgesamt auf der Speisekarte. Dort lässt sich neben Rumpsteaks, Medaillons vom Schweinefilet und vielem anderen – ein kleiner Teil davon auch vegetarisch – auch die Rubrik Omas Kochbuch finden. Sie offeriert den Gästen Kalbszüngerl mit Rieslingrahmsoße oder etwa selbstgemachten Sauerbraten.
Rapsöl deutlich teurer
Es mache Spaß, sein Lokal laufe gut, auch wenn die Energiekosten (Gas und Strom) in den vergangenen Jahren um rund 115 Prozent gestiegen seien. „Das macht sich schon bemerkbar.“ Auch habe sich die Preisspirale für die Rohprodukte – nicht zuletzt auch durch den Ukraine-Krieg und die Inflation – stetig nach oben entwickelt. Zum Beispiel Rapsöl, mit dem auch mein Schnitzel gebraten wurde, habe vor dem Krieg pro Liter rund 1,35 Euro gekostet – nun liege der Preis bei 2,30 Euro.
Und woher hat das Raddegaggl seinen Namen? Dieser wurde von dem Begriff „Raddegiggl“ abgeleitet. Dies war ursprünglich die Bezeichnung für einen schlechten trockenen Wein, erklärt der Wirt. Den Wein – eine Cuvée aus Silvaner und Riesling – gebe es heute noch im Raddegaggl. Er sei aber längst nicht mehr schlecht, aber „immer noch forzdrogge“. „Den nehme ich auch zum Sauerkrautkochen“, sagt Heiko Pacyna und lacht. Die Weinstube verfügt über 120 Sitzplätze, davon 50 in einem Nebenzimmer, das im Vergleich zur rustikalen Stube schlicht und modern dasteht – „wir haben daraus eine gemütliche Bürgerstube gemacht“. Eine überdachte Freiterrasse bietet noch einmal Platz für 50 weitere Personen.
Lob für den Wirt
14 Uhr: Heiko Pacyna hat Mittagspause. Für mich war der Mittagstisch eine angenehme Abwechslung. Ich habe viel über die traditionsreiche Weinstube erfahren. Ein Gast, der gerade geht, kommt zu Pacyna, klopft ihm auf die Schulter und sagt: „geil“. Der Wirt schaut verdutzt. Der Gast sagt: „Ich meine die Schweinebäckchen mit Mettfüllung und Morchelrahmsoße.“ Heiko Pacyna bedankt sich und lacht. Ach ja, eins noch, mein Schnitzel habe ich gerade so gepackt – bis auf ein paar Pommes. Gott sei Dank, denn zum Einpacken und mit nach Hause nehmen hätte ich ohnehin nichts dabei gehabt. Beim nächsten Mal.
Info
Weitere Informationen zur Raddegaggl-Stubb, dem Mittagstisch und den Öffnungszeiten gibt es unter https://www.raddegaggl.eu/info/.


