Landau Ausgeh-Uniform eines Schäfers
Entspannt stützt er sich auf seinen Stab, den breitkrempigen Hut in die Stirn gezogen, die Pelerine, den nahezu knöchellangen Umhang, um die Schultern gelegt: So erscheint der typische Schäfer im Heimatfilm oder auf idyllischen Postkartenmotiven. Diese pittoresken Ausstattungsteile seien aber nach wie vor zweckmäßig für Menschen, die in freier Natur Schafherden hüten, betont Dirk Eichberger. Seit 15 Jahren betreibt er eine Schäferei in Erlenbach am Berwartstein.
Jüngst hat Eichbergers Berufskleidung Zuwachs bekommen: eine Weste, vielleicht nicht ganz so praktisch wie die übrigen Teile, dafür aber prächtig anzusehen. Aus schwarzem Cord ist die Schäferweste geschneidert, hochgeschlossen und mit 48 Knöpfen besetzt – in drei Reihen zu je zwölf großen und am Stehkragen zweimal sechs kleine. Knopflöcher gibt es nur für die mittlere Reihe, aber auch wenn er lässig die beiden oberen Knöpfe auslässt, braucht das Zuknöpfen seine Zeit. Zur täglichen Arbeit werde sie normalerweise auch nicht angelegt, sondern nur zu besonderen Anlässen, bei denen es gelte, den Berufsstand zu repräsentieren, sagt der 42-Jährige. Und er erlaubt sich das Tragen der Weste erst, seitdem er jüngst die Prüfung zum Tierwirt der Fachrichtung Schäferei vor der Landwirtschaftskammer abgelegt und damit nachgewiesen hat, dass er die Grundlagen der professionellen Führung einer Schäferei beherrscht. Eichberger hat mit seiner Familie schon kurz nach der Jahrtausendwende mit dem „Linsenbühler Hof“ das Wirtschaften mit Schafen und Schafprodukten sowie die Käseproduktion zum zweiten Brotberuf gemacht. Er geht mit seinen Berufskollegen konform, für die die Weste den geprüft Qualifizierten ausweist. Ihr Tragen solle also den ausgebildeten Schäfern vorbehalten sein, so Eichberger. Und natürlich hat die imposante Knopfmenge an dem Kleidungsstück, das außer in Cord auch in Samt üblich ist – und in dieser Form den Charakter der „Ausgeh-Uniform“ noch ein wenig mehr unterstreicht – symbolische Bedeutung. Sie stehe für die Zahl der Wochen im Jahr, in denen die Herde des Trägers nicht im Stall stehe, sondern im Freiland gehütet werden müsse. Gerade mal vier Wochen also wären die Schafe Eichbergers, dessen Weste 48 Knöpfe zählt, unter Dach. „Eigentlich müssten es noch mehr Knöpfe sein, aber die Weste ist zu kurz“, scherzt er. Denn seine Schafe seien fast immer draußen, wo sie sich am wohlsten fühlten. Diese Deutung der Knopfzahl und auch ihre Anordnung und Aufteilung in große und kleine Knöpfe ist allerdings nur eine von verschiedenen gängigen, wie die im Frankenland lebende Journalistin und Spezialistin für Heimat- und Schäfereigeschichte, Christine Schormayer, berichtet. Die großen Knöpfe werden auch als Symbol für die Freiland-Wochen der Schafe gesehen, während die kleinen die Stallwochen anzeigen. Auch sei in manchen Gegenden die Zahl der Kragenknöpfe als „Rangabzeichen“, aufsteigend vom Lehrling zum Meister, verstanden worden. Alle Knöpfe, auch die an Eichbergers Weste, sind jedoch mit einem bestimmten Stichmuster angenäht, dem „Krähenfuß“. Den Ursprung der Schäferweste vermutet Schormayer bei den Schäferbekleidungshäusern im 19. Jahrhundert, deren Designer sich Herrenwesten aus deutschen Volkstrachten zum Vorbild genommen hätten. Ihre Wertschätzung, die in der jüngeren Vergangenheit auch unter Pfälzer Schäfern zugenommen habe, wie Dirk Eichberger berichtet, habe die Weste zu einem Teil wohl auch dem hohen Ansehen zu verdanken, das der Schäferberuf in der ehemaligen DDR genoss. Nach der Wende rückten viele von dort stammende Berufskollegen sie auch im Westen wieder verstärkt ins Bewusstsein. Die Serie Haben Sie sich auch schon immer gefragt, was ein bestimmtes Teil einer Berufskleidung bedeutet? Welche Funktion es erfüllt oder früher erfüllt hat? Dann schreiben Sie an „Marktplatz regional“, Ostbahnstraße 12, 76829 Landau oder schicken Sie eine E-Mail an marktsuew@rheinpfalz.de.