SÜW RHEINPFALZ Plus Artikel Angst um Freunde und Familie in Ukraine

Das Landauer Rathaus ist zum Zeichen der Solidarität in den ukrainischen Nationalfarben Blau-Gelb angestrahlt.
Das Landauer Rathaus ist zum Zeichen der Solidarität in den ukrainischen Nationalfarben Blau-Gelb angestrahlt.

Der Krieg ist nicht weit weg. Es gibt viele Verbindungen zwischen der Pfalz und dem von Putin angegriffenen Land am Schwarzen Meer. Betroffene berichten, wie es ihnen bisher ergangen ist und welche Sorgen und Nöte sie umtreiben.

Noch bis Sonntag war Ruslan Miller berufsbedingt in Kiew. Der 42-jährige Ingenieur und Elektriker ist selbstständig im IT- und Baubereich tätig und pendelt zwischen der ukrainischen Hauptstadt und seinem Wohnort Bad Bergzabern hin und her, wo er ein Unternehmen mit 40 Mitarbeitern führt. „Kriege sind immer schlimm“, sagt der zweifache Familienvater gegenüber der RHEINPFALZ. „Vor allem, wenn er in einem Land tobt, in dem man seine Kindheit und Jugendzeit verbracht hat.“

Er habe derzeit ständig telefonischen Kontakt zu seinen Arbeitskollegen in Kiew. Auch wenn immer wieder Schüsse fielen, seien sie noch in Sicherheit und hätten zudem Zugang zum Internet, um sich auf den Nachrichtenkanälen aus dem In- und Ausland auf dem Laufenden zu halten, wie sich die Lage entwickelt. Seine Familie – seine Eltern und eine seiner beiden Schwestern – seien außerhalb der Gefahrenzone. Sie leben im Grenzgebiet, wenige Kilometer von Ungarn und der Slowakei entfernt. In einem wohlhabenden Ort, wo auch Miller aufgewachsen ist.

111 Ukrainer leben im Kreis SÜW

Sein Haus dort habe er für Menschen zur Verfügung gestellt, die aus der Hauptstadt flüchten. Vor allem Frauen und Kinder suchten dort Zuflucht. „Mein Vater und meine Schwester sind beide Ärzte“, berichtet Miller. Sie würden sich um Verwundete kümmern. Dabei bekomme er mit, dass dringend Blutspendenblut benötigt würden.

Zur politischen Lage könne er sich nicht äußern. Dafür sei er nicht nur viel zu weit entfernt; er lebe auch schon seit vielen Jahren in der Kurstadt und sei nur noch geschäftlich in der Ukraine, abgesehen von den Besuchen bei Familie und Freunden. Vor 22 Jahren hat es Miller in die Südpfalz verschlagen. „Damals hatten Freunde gesagt, sie wollen nach Europa, um dort Fuß zu fassen.“ Miller sprang auf den Zug auf, kam zu Freunden nach Bad Bergzabern. Heute ist er einer von insgesamt 111 Ukrainern, die nach Angaben der Kreisverwaltung im Landkreis Südliche Weinstraße leben. „Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass sich das Blatt schnellstmöglich wendet“, sagt Miller.

Studentin kann nicht mehr zurück

Kontakt in die Ukraine hält der Arbeitskreis Ukraine-Pfalz der protestantischen Landeskirche, in dem sich Dieter Weber, Landauer Pfarrer im Ruhestand, seit vielen Jahren engagiert. Der Arbeitskreis war 1989 gegründet worden, um sich um ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zu kümmern und um sich mit „den Völkern der ehemaligen Sowjetunion“ zu versöhnen. Nach Webers Angaben hat der Arbeitskreis ukrainischen Ärzten befristete Einsätze in Kliniken in der Region ermöglicht, mit dem Ziel der Fortbildung. Und er vermittelt Germanistik-Studierenden aus der Ukraine Auslandssemester an der Uni Landau.

Eine von ihnen ist die 20-jährige Anna, die in Wirklichkeit anders heißt. Aus Sorge um ihre Angehörigen möchte sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Anna hat Angst. Angst um ihre Familie, ihre Freunde und ihre Heimat. Vergangenen Montag wollte sie in die Ukraine zurückfliegen. Jetzt sitzt sie in der Südpfalz fest. Es sollte der Abschluss ihres Studiums werden, ein Austauschjahr an der Universität in Landau. Vermittelt und gesponsert vom Arbeitskreis Ukraine-Pfalz.

Visum läuft eigentlich bald ab

Anna ist seit Oktober in Landau. Sie kommt aus Uschhorod, der Hauptstadt von Transkarpatien im Westen der Ukraine. Nach acht Semestern Studium in ihrer Heimat wollte sie noch ein Austauschjahr in Deutschland absolvieren. Jetzt kann sie nicht zurück. „Wir sind vier Studentinnen aus der Ukraine, eine konnte zurückfliegen, wir drei sind noch da“, erzählt die junge Frau. Auch die beiden anderen jungen Frauen, die mit ihr unfreiwillig festsitzen, hätten Angst. Sie habe einen Flug mit der Lufthansa gebucht. „Dann wurden viele Flughäfen in der Ukraine angegriffen und mein Flug wurde storniert“, erzählt Anna der RHEINPFALZ.

„Mein Visum geht bis Ende März, vielleicht ändert sich ja etwas oder ich kann vielleicht nach Bukarest fliegen und von da auf dem Landweg nach Hause“, hofft sie. Zu Hause sind Ihre Eltern, ihr jüngerer Bruder, Verwandte und Freunde. Bei ihnen im Westen der Ukraine sei es noch recht still, aber sie mache sich Sorgen um ihre Freunde in anderen Teilen des Landes. Sie schreibe ihnen fast stündlich, um zu erfahren, wie es ihnen geht.

Unterkünfte für Binnenflüchtlinge

„Gestern haben mir Freunde erzählt, dass um fünf Uhr morgens der Flughafen in Mikolajiw vom Meer her angegriffen wurde“, erzählt Anna. Die Stadt liegt zirka 100 Kilometer von Odessa entfernt. „Meine Freunde haben Angst, sie haben Lebensmittel gekauft und die Koffer mit dem Nötigsten gepackt“, schildert sie. Und fragt sich, warum es diesen Krieg gibt. „Wir haben doch nichts gemacht. Unsere Armee verteidigt uns, es gibt Tote, das ist schrecklich“, sagt sie. Im Moment weiß sie nicht, wann sie nach Hause kann. „Die Ukraine ist unsere Heimat, wir werden sie verteidigen, aber wir brauchen Hilfe“, ist ihr Appell.

Eine Ansprechpartnerin des Arbeitskreises Ukraine-Pfalz ist Julia Taips in Mukatschewo ganz im Westen der Ukraine. Sie ist Stadträtin, gehört dem Rat der Deutschen in der Ukraine an und hat der RHEINPFALZ über die Lage berichtet – soweit man sich aufgrund des schlechten Netzes und gestörter Internet-Verbindungen einen Überblick verschaffen könne. „Die Situation ist ganz hektisch, es wurden viele Militärobjekte im ganzen Land angegriffen“, berichtet sie. Die Lage in der Westukraine, die an Polen, Slowakei, Ungarn und Rumänien angrenzt, sei bisher zum Glück ruhig. „Aber wir erwarten sehr viele Binnenflüchtlinge aus den umkämpften Städten wie Odessa, Kiew oder Charkow.“ Für sie würden bereits Unterkünfte bereitgestellt. Auch die Grenzübergänge nach Ungarn und in die Slowakei seien bereits voll mit Flüchtlingen.

Mangel an Treibstoff

Taips engagiert sich für den Verein Deutsche Jugend in Transkarpatien und hat schon ihr Büro ausgeräumt. „Wir haben bereits Schlafsäcke und Essen besorgt“, sagt sie. Allerdings sei die Situation auf den Autobahnen kritisch: Die seien überlastet, weil so viele Menschen aus den umkämpften Gebieten im Osten und Süden, beispielsweise aus dem Donbass oder von der Schwarzmeerküste und natürlich aus der Hauptstadt, geflohen seien. „Es gibt einen Mangel an Treibstoff. Viele sind mit ihren Autos liegengeblieben und mussten über Nacht auf der Autobahn ausharren“, sagt sie. „Unsere Leute flüchten hierher“, sagt sie über den Rat der Deutschen in der Ukraine, der die Interessen der deutschen Minderheit vertritt.

„Die Nachrichtenlage ist schwierig; es gibt so viele Fake News“, so Taips. Ihre Einschätzung: „Die Lage soll eskalieren und es soll Panik ausgelöst werden.“ Einen wirklichen Überblick könne man nicht haben, aber „wir hören von Menschen in den umkämpften Gebieten, die dort geblieben sind, dass es ganz viele Opfer gibt – nicht nur bei unseren Truppen, sondern auch in der Zivilbevölkerung.“ Sorge bereitet ihr zudem die Einnahme des Gebiets um das zerstörte Atomkraftwerk von Tschernobyl im Norden des Landes.

„War das alles für die Katz?“

Rudi Job, Pfarrer im Ruhestand aus Bad Bergzabern, ist von Beginn an im Arbeitskreis Ukraine-Pfalz aktiv. Er hat den Kontakt zu Anna vermittelt. „Mir geht es schlecht. Ich frage mich, ob das alles für die Katz war“, sagt der 82-Jährige zu seinem 30-jährigen Engagement. Er hat sich für die Versöhnung der Völker Osteuropas eingesetzt. Die Initiative hat unter anderem 800 Zwangsarbeitern zumindest ihr Recht auf finanzielle Entschädigung verschafft und bis heute jährlich vier Sattelschlepper mit Hilfsgütern in die Ukraine gebracht. „Die Adressen der Zwangsarbeiter haben wir von Memorial bekommen“, erzählt Job.

Die Menschenrechtsorganisation wurde kürzlich in Russland verboten. Jetzt fürchtet Rudi Job das Schlimmste: dass Kiew von Russland eingenommen wird. „Putin fürchtet den Bazillus Demokratie, er ging geradeaus auf diesen Krieg zu und wird ein russlandfreundliches System etablieren“, ist seine düstere Prognose. Job hat bis zum heutigen Tag vielfache Kontakte in die Ukraine, in der er in der Vergangenheit 30 Mal war. „Die Menschen haben furchtbare Angst, sie meiden öffentliche Gebäude oder Einrichtungen“, erzählt er von Rückmeldungen.

Auch russische Freunde bestürzt

Regina Hanischs Mann war zehn Jahre lang Vorsitzender des Vereins Kinder von Shitkowitschi – Leben nach Tschernobyl, der zwar seinen Hauptsitz in Böhl-Iggelheim im Rhein-Pfalz-Kreis hat, aber auch in Landau aktiv ist. Die aktuellen Ereignisse machen die Familie fassungslos. Wie Hanisch erzählt, hat die Familie noch immer enge Kontakte ins Land. Gerade erst am Montag habe sie mit ihrer Schwägerin gesprochen, die in Odessa lebt. „Wir haben ihr zum Geburtstag gratuliert und gefragt, wie die Lage ist. Keiner dort ging noch am Montag von einer Invasion aus“, sagt sie.

Auch in ihrer Familie habe man nicht mit einer solchen Entwicklung gerechnet. „Wir sind sehr besorgt und in Gedanken bei meiner Schwägerin und ihrer Familie“, erzählt Hanisch. Aktuell steht laut der 58-Jährigen die Frage im Raum, ob es möglich ist, die Familie in die Pfalz zu holen. Die Schwägerin sei jedoch nicht die einzige Person, um die sich die Familie sorge. Auch auf russischer Seite gebe es Freunde, die von den aktuellen Geschehnissen betroffen seien. „Wir haben einen guten Freund in Belarus. Er ist Busfahrer und ist lange Zeit die Strecke von Minsk nach Odessa gefahren.“ Auch mit ihm will Hanisch jetzt telefonieren und fragen, inwieweit sie helfen können.

„Unberechenbarkeit macht einem Angst“

Die Situation, so sagt Hanisch, ist beängstigend. „Man kann sich nicht in Putin hineinversetzen. Drohen ist ja das eine, aber Ausführen ist noch mal eine ganz andere Sache.“ Ihr 20-jähriger Sohn Fabian ergänzt: „Es sind nicht die Drohungen die beunruhigen, die Unberechenbarkeit macht einem Angst.“

Im Haus der Familie leben laut Regina Hanisch auch ihre Eltern, deren Kriegserinnerungen durch die Ereignisse in der Ukraine wach gerufen werden. Das nehme beide stark mit. „Sie selbst mussten im Zweiten Weltkrieg in die Bunker fliehen, genau wie es jetzt die Menschen in der Ukraine müssen. Es ist beängstigend. Die Zivilisten sind am Ende immer die Leidtragenden“, sagt die 58-Jährige. Sie hoffe jetzt, dass nicht so viele von ihnen in die Kampfhandlungen involviert werden.

Was sagt der Tschernobyl-Verein?

Neben der Überlegung, selbst Flüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen, könnte auch der Verein Kinder von Shitkowitschi, in dem ihr Mann trotz Aufgabe des Vorsitzes noch stark aktiv ist, einen Beitrag leisten. Der 1992 gegründete Tschernobyl-Hilfsverein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kindern aus der weißrussischen Region um die Stadt Shitkowitschi nahe der Todeszone um Tschernobyl zu helfen. Unter anderem organisiert er Kindererholungen, bei denen Kinder im Alter von neun bis 13 Jahren nach Deutschland geholt werden. Eigentlich waren wegen Corona die Fahrten in den vergangenen zwei und auch in diesem Jahr auf Eis gelegt worden. Wie und ob es damit einmal weitergeht, ist völlig offen.

Der Landauer Georg Schmalz ist Vorsitzender der von ihm gegründeten Kreisgruppe Landau/Südliche Weinstraße der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. Schmalz war erst im vergangenen August in der Ukraine, weil seine Familie von dort stammt. Er habe das Grab seiner Großmutter in Landau im Süden der Ukraine besucht und Kontakte zur großen deutschen Gemeinschaft in Mykolajew geknüpft, um eine mögliche Zusammenarbeit auf die Beine zu stellen. Schmalz hat die Geschichte seiner Familie recherchiert, die sich als deutsche Auswanderer in der heutigen Ukraine angesiedelt hatte, und war dafür in Landau und in Karlsruhe, beides Orte im Süden der Ukraine, die von den Auswanderern gegründet worden waren. Das ist sein Beitrag zu einer Wanderausstellung, die die Landsmannschaft über die Geschichte von Deutschen aus Russland erstellt hat. Ein Projekt, das vom Bundesinnenministerium unterstützt werde.

„Alle Flughäfen brennen“

Exkurs: In der Ukraine leben noch heute Nachfahren deutscher Auswanderer, die seit dem 18. Jahrhundert in verschiedenen Wellen – unter anderem auf Einladung der Zaren – ins Land gekommen waren und verschiedene Gebiete besiedelten. Dazu gehören die Bessarabiendeutschen am Schwarzen Meer (heute Moldau/Ukraine), die Bukowinadeutschen (Ukraine/Rumänien), Galiziendeutsche (Polen/Ukraine), Karpatendeutsche (Slowakei/Ukraine), Krimdeutsche, Schwarzmeerdeutsche und Wolhyniendeutsche (nordwestliche Ukraine).

Schmalz ist in besonderer Sorge um eine Freundin, die Krankenschwester Kathrin Meyer, zu der er noch am Donnerstagmorgen gegen 6 Uhr Kontakt über Facebook hatte, der dann aber abgebrochen ist. Mayer habe geschrieben: „Alle Flughäfen werden bombardiert, auch bei uns in Kulbakino um 5 Uhr. Alle Flughäfen brennen“. Sie hat auch auf eine Mail-Anfrage der RHEINPFALZ nicht reagiert.

Julia Taips in Mukatschewo im Westen der Ukraine bereitet die Aufnahme von Binnen-Flüchtlingen vor.
Julia Taips in Mukatschewo im Westen der Ukraine bereitet die Aufnahme von Binnen-Flüchtlingen vor.
An der ukrainisch-polnischen Grenze stauen sich die Fahrzeuge von Flüchtlingen.
An der ukrainisch-polnischen Grenze stauen sich die Fahrzeuge von Flüchtlingen.
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