Landau Alle Hähne zugedreht

Die Palme auf dem Aushang über einwöchige Betriebsferien am Eingang des Firmensitzes signalisiert eine entspannte Atmosphäre, doch das sehen Beschäftigte ganz anders. Gestern Morgen haben etwa 20 Mitarbeiter der Guth Ventiltechnik dem Unternehmen ihre Arbeitskraft angeboten. Eingelassen wurden sie nicht. Vorausgegangen war die einseitige Ankündigung des Betriebsurlaubs am vergangenen Freitag. Der war mit dem Betriebsrat nicht abgestimmt, weshalb dieser heute vor dem Arbeitsgericht den Erlass einer einstweiligen Verfügung dagegen erwirken will. Das ist allerdings nicht das einzige und möglicherweise auch nicht das gravierendste Problem des traditionsreichen Unternehmens: Der Betriebsratsvorsitzende Ludwig Schermer hat gestern auf Anfrage der RHEINPFALZ Informationen bestätigt, wonach das Unternehmen mit Lohnzahlungen im Rückstand ist. Nach Schermers Angaben werden Gehälter nur noch wochenweise und verspätet bezahlt. Derzeit sei der Arbeitgeber mit dem letzten Juni-Viertel und dem kompletten Juli im Rückstand. Dass auch der August schon wieder zur Hälfte um ist, noch nicht mitberechnet. „Unser Eindruck ist: Die Geschäftsleitung ist überfordert.“ Das sagt Harald Lange, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall in Neustadt, der mit der Guth GmbH befasst ist. Er bestätigt nicht nur den fast zweimonatigen Entgeltrückstand, sondern spricht auch von einer „Herr-im-Hause-Mentalität“ und einem äußerst rüden Umgang der Geschäftsführung mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die „Leidensgeschichte“ des Unternehmens dauere schon seit annähernd 15 Jahren, unter wechselnden Eigentümern und Geschäftsführern. Zugespitzt habe sich die Lage im März/April, als die bisherige Geschäftsführung „in die Wüste geschickt“ worden sei. Die Guth Ventiltechnik hat erst kürzlich den Eigentümer gewechselt. Nach dem Tod des langjährigen Inhabers Rolf Straßburger im Jahr 2013 ist nach übereinstimmenden Angaben von Betriebsrat und Gewerkschaft im Februar 2014 die Lanius & Co. GmbH (Geschäftsführer Eduard Roth) eingestiegen. Seit Frühjahr 2015 führe Susanne Bruder als Prokuristin de facto die Geschäfte, bis ihr Mann in Kürze als Geschäftsführer einsteigen werde. Nach Langes Angaben hat sie einen rüden Führungsstil. Weil sie vermutet habe, dass aus dem Unternehmen Material gestohlen worden sei, seien Schlösser ausgetauscht worden, und sie habe einen Aushang am Schwarzen Brett veranlasst, wonach es Unregelmäßigkeiten gegeben habe und für Hinweise darauf 150 Euro bezahlt würden. Auch gegen diese einseitige, nicht abgestimmte Maßnahme geht der Betriebsrat heute vor dem Arbeitsgericht vor. Wegen ausstehender Löhne und des Betriebsklimas hätten einige Mitarbeiter das Unternehmen verlassen, andere seien nicht arbeitsfähig, schildert der Gewerkschafter. Nach Schermers Angaben hatte das Unternehmen 2013 noch etwa 100 Beschäftigte, derzeit seien es noch knapp unter 80. Trotz mehrerer Versuche per Telefon und Mail ist es der Redaktion gestern nicht gelungen, Kontakt zum Unternehmen aufzunehmen und eine Stellungnahme zu den Informationen von Betriebsrat und Gewerkschaft einzuholen. Nach Unternehmensangaben im Internet ist die Guth Ventiltechnik GmbH & Co. KG aus der Wilhelm Guth KG Kellereimaschinenfabrik hervorgegangen, die am 31. August 1861 in Neustadt gegründet wurde. 1974 ist das Unternehmen nach Landau in den Horstring umgesiedelt. Der Vorläuferbetrieb stellte unter anderem Weinpumpen und andere Kellereimaschinen her. Ende 1981 wurde das Familienunternehmen an Rolf Straßburger verkauft. Dieser baute das Portfolio weiter aus, es entstand die aktuelle Guth Ventiltechnik GmbH & Co. KG. Diese entwickelt und produziert Edelstahlarmaturen für den nationalen und internationalen Markt. Diese Komponenten werden beispielsweise in Produktions- und Abfüllanlagen in den Branchen Bier und Getränke, Wein, Molkerei und Nahrungsmittel sowie Pharma, Biotechnologie und Kosmetik eingesetzt und müssen hohe Qualitäts- und Hygienestandards erfüllen. Zur Produkpalette gehören die meist in Edelstahl gefertigten unterschiedlichsten Ventile, Rührgeräte, Rohrsiebe, Auslaufarmaturen, Anzeigegeräte, Schaugläser, Sicherheitsarmaturen, sowie diverse Bögen und T-Stücke für den Rohrleitungsbau. 2003 war die Guth Ventiltechnik noch Teil einer Firmengruppe, zu der Guth-Engineering, -Software und -Filtrationssysteme in Landau, die Guth-Process-Anlagentechnik in Kirchheim/München und die Sommer und Straßburger Apparatebau in Bretten-Gölshausen gehörten (RHEINPFALZ-Bericht vom 10. Mai 2003). Sie stellten Anlagen zum Ansatz, zur Herstellung, Sterilfiltration, Dosierung, Lagerung und Verteilung flüssiger bis pastöser Produkte her. Zu den Kunden gehörten Behring in Marburg, Bayer in Leverkusen, Beiersdorf in Hamburg, Boehringer in Ingelheim, Merck in Darmstadt, Roche Diagnostics in Mannheim, Schering in Berlin und Dr. Schwabe in Karlsruhe. Damals hatte Guth-Engineering knapp 60 Mitarbeiter und erzielte einen Jahresumsatz von zwölf Millionen Euro. Bei Guth-Ventiltechnik waren damals noch 150 Mitarbeiter beschäftigt, die einen Umsatz von 13,5 Millionen Euro generierten.