Stabhochsprung
Genialer Abend in Jockgrim
Dieser schleichende Übergang in die Dunkelheit hat was. Kaum einer nimmt den Lichtwechsel wahr, weil alle im Geschehen derart tief gefesselt sind, aber plötzlich: Da springt und fliegt der Sieger in den Nachthimmel über Jockgrim, jubelt schon im Flug, reckt die Arme hoch, lässt sich vom Publikum feiern und steigt, fast schon traditionell, von der Matte, um den Anpeitscher am Mikrofon, Michael Werling, abzuklatschen. Piotr Lisek, der 30 Jahre alte Pole, gewinnt zum zweiten Mal nach 2017 in Jockgrim.
Die volle Bude feiert mit
Michel Werling macht den Sieger zwar nicht, und auch nicht den Zweiten oder Dritten, aber er „verkauft“ sie und ihre Leistung. Und wie! Und wenn es dann noch diese Zufälle gibt, dass zwei Trainingspartner die Olympianorm von 5,82 Meter überspringen, und der zweite ein Grieche ist, Emmanouil Karalis (23), dann tanzen die beiden halt Sirtaki. Mit ihren Trainern! Und die volle Bude feiert mit. Gefühlter Ausnahmezustand, die Weltelite zu Gast auf dem Dorf, die Uhr zeigt 22 Uhr, die fünf Stunden waren wie im Flug vergangen, aber keiner hat es eilig. Die Siegerehrung noch …
Mit wie viel Stil, Herzblut und Dankbarkeit die Riege der unzähligen Helferinnen und Helfer der TSG Jockgrim Jahr für Jahr am ausgezeichneten Ruf des Meetings arbeiten, zeigte eine klitzekleine Kleinigkeit mit so großer Aussagekraft gleich zu Beginn des 27. Stabhochsprungmeetings in Jockgrim: Der erste Name, der am vergangenen Freitagabend fiel, war der von Tim Lobinger. Er habe viele Kämpfe in seinem Sportlerleben gewonnen, den „letzten aber, den wichtigsten, hat er verloren“, sagte TSG-Vorstandsvorsitzender Christian Lorenz zur Eröffnung eines genialen Abends voller Stimmung und Spitzensport. Mit 5,73 Metern aus dem Sechs-Meter-Jahr 2006, als Brad Walker die Schallmauer überflog, steht er zu Buche, im März dieses Jahres erlag er seiner Leukämieerkrankung. In den Herzen der Jockgrimer hat „Timmi“ seinen Platz behalten.
Viele Nachahmer gefunden
Die Meetingmacher vom Dorf fanden viele Nachahmer in Deutschland, auch wenn keiner von denen über neun Jahre hinweg immer wieder von neuem die Ludwigstraße mit einem Presslufthammer aufbohrte, um den Einstiegkasten zu versenken. Zwei der „Nachahmer“, die Meetingchefs von Hof, Thomas Neubert, und von Beckum, Christof Kelzenberg, weilten unter den über 3000 Zuschauern. Kelzenberg, der in der ganzen Welt unterwegs ist und übrigens 2014 vom Gewinn der WM-Bronzemedaille (U20) des damals 19-jährigen Oleg Zernikel aus Eugene für die RHEINPFALZ berichtete, sagte: „Eine solche Stimmung wie hier in Jockgrim gibt es bei keinem anderen Meeting in Europa. Das Zusammenspiel von Athletinnen und Athleten mit den Zuschauern, animiert von Michael Werling, ist einzigartig“.
Und wenn schon keine Sonne am Himmel stand (aber redete denn überhaupt einer über das Wetter an diesem Abend?), so gab’s die Sonne als Blume für drei ehemalige Powergirls, wobei zwei der drei Damen mit klanghaftem Namen und ehrenvoller Sportlerinnenvita inzwischen mit Windeln und nicht mehr mit Stäben üben. Martina Strutz (41), die Vizeweltmeisterin von 2011 (und in Jockgrim, und nur da, laut Moderator Michael Werling das „Sprungluder“) und Lisa Urban (34), geborene Ryzih, waren mit ihren Söhnen da, mit Emil (18 Monate) und Jonny (sechs Monate).
Fußball ein Thema nebenbei
Nicole Humbert (51) hat das Windelnwechseln ja schon sehr lange hinter sich. Unter ihrem Mädchennamen Rieger überzeugte sie einst als deutsche Vor-Springerin. Der Frauen-Stabhochsprung in Deutschland war ja mal ganz groß, und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass seine Wiege in der Südpfalz steht. Sie wurde anfangs der 90er-Jahre von keinem anderen als von Jochen Wetter mit Leben gefüllt. Und der 82-Jährige ist immer noch aktiv, als Trainer, als Manager, als gute Seele. Ihm ist es, apropos Wiege, mit zu verdanken, dass es dieses Meeting in Jockgrim gibt.
Nun ist die Turn- und Sportgemeinde Jockgrim zuallererst ein Fußballverein. Derzeit ein Landesligist, der am Samstag auf dem gleichen Rasen die Saison gegen den TuS Knittelsheim eröffnet. Ehrensache, dass der Fußball am Freitag so ganz nebenbei zum Thema wurde. Öffentlich vorgestellt und geehrt wurde Ehrenamtspreisträger Jochen Hellmann, der in den „Club100“ des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) aufgenommen wurde, was schon länger bekannt ist. Der 48-Jährige, Neffe des kongenialen und hervorragend vernetzten Meetingdirektors Gunther Hellmann, ist Mitglied im Verein, seit er fünf Jahre alt ist, und als Helfer beim Stabhochsprungmeeting hat er den ersten Tag 1995 schon miterlebt. „Ich bin verantwortlich für den Aufbau der gesamten Anlage“, bekannte Hellmann, „das geht ja seit Tagen schon und es ist viel Arbeit. Aber es lohnt sich ja, wie man heute wieder sieht“. Am 11. November ist er vom DFB nach Dortmund eingeladen, wo sich alle „Club100“-Mitglieder treffen.
Und noch ein Fußballer erlebte den Abend hautnah mit, quasi als Stammgast. Michael Werling rief ihn dann auch zur Siegerehrung dazu, denn er und Eugen Strigel sind beste Freunde. Bis vor kurzem war der 73 Jahre alte Rheinzaberner, einst oberster Schiedsrichter-Lehrwart des DFB und ZDF-Schiedsrichter-Experte, noch in Köln als Videoschiedsrichter tätig, „aber damit ist Schluss. Meine Karriere als Schiedsrichter ist nun zu Ende“, sagte er.
Der Sieger trinkt keinen Alkohol
Das Ende des Meetings? Klar, es kam mit der Siegerehrung. Bei Tageslicht war die australische Hymne für Nina Kennedy zu hören, die mit 4,73 Meter gewonnen hatte, später dann die polnische Nationalhymne überm weiten Fußballfeld. Für Piotr Lisek. Wieder lockere Ehrungsstimmung. Preise hier, Küsschen da – und der Ein-Liter-Glaspokal von Hoepfner voller Gerstensaft. Lisek nimmt ihn entgegen – die Hymne läuft schon – und stellt ihn ab. Er lauscht, die Arme angelehnt, dann singt er mit. Herzhaft. Es ist sein Moment. Dann nimmt er das Glas und reicht es an Karalis weiter, ohne daraus zu trinken. Kostverächter? Nein. Piotr Lisek, der noch bis Mittwoch im Weingut Seebach in Ilbesheim schläft, bis es nach St. Wendel geht, trinkt keinen Alkohol. Er will“s noch mal wissen.
Ergebnis
Männer: 1. Piotr Lisek 5,82 m (Saisonbestleistung), 2. Emmanouil Karalis 5,82 m (persönliche Bestleistung), 3. Matt Ludwig 5,71 m, 4. Kurtis Marschall und Austin Miller 5,71 m, 6. Gillian Ladwig 5,60 m, 7. Claudio Stecchi 5,60 m, 8. Tray Oates, Ersu Sasma, Oleg Zernikel 5,40 m. Raphael Holzdeppe ohne gültigen Versuch
Frauen: 1. Nina Kennedy 4,73 m, 2. Eliza McCartney 4,53 m, 3. Imogen Ayris 4,53 (persönliche Bestleistung), 4. Molly Caudery 4,40 m, 5. Xu Huiqin 4,40 m, 6. Anjuli Knäsche 4,25 m. Amalie Svabikova ohne gültigen Versuch.
Wettkampf am Donnerstag: 1. Joshua Stallbaum 5 m, 2. Jakob Legner 4,90 m, 3. Noel Föllinger, Lars Urich 4,60 m, 5. Lukas Hell 4,10 m