Lokalsport Südpfalz
Fußball: Nicolas Winter – Schiri, Einser-Student, Unternehmergeist
Was macht eigentlich Nicolas Winter? Dies fragen sich viele südpfälzische Fußballfans, wenn sie ihn als Schiedsrichter bei Fußball-übertragungen sehen. Am Samstag leitete er die Zweitliga-Begegnung Darmstadt 98 gegen Hamburger SV.
Winter (28) wuchs in Hagenbach auf und wohnte dann mehrere Jahre in Freckenfeld. Vor genau zwei Jahren verlegte er mit seiner Partnerin Janina Schwind seinen Lebensmittelpunkt nach Düsseldorf. Sie wohnen im Stadtteil Friedrichstadt in unmittelbarer Nähe zur City. Er hat sein Fernstudium in Sportbusiness Management beendet, vor wenigen Tagen hat er die 150 Seiten umfassende Abschlussarbeit zum Thema „Innovationen im Schiedsrichterwesen“ abgegeben. Da diese nur noch fünf Prozent der Gesamtnote ausmacht, hat er sein Studium bereits jetzt mit einer Eins vor dem Komma abgeschlossen. Er möchte nun den Sprung ins freie Unternehmertum wagen. In seine Geschäftsidee im Bereich der Sportübertragungen habe bereits eine Technologiefirma investiert, sagt er. Seine Partnerin ist Gruppenleiterin in einer Kindertagesstätte und arbeitet zusätzlich als Ernährungsberaterin für Kinder.
51 Spiele im Profibereich
Winters Karriere ging in den vergangenen Jahren steil nach oben. Die Partie SV Wehen Wiesbaden - FC Hansa Rostock (2:1) am Nikolaustag war sein 50. Spiel im Profibereich. Er hat nun zwölf Partien in der 2. Bundesliga und 39 Begegnungen in der 3. Liga geleitet. Als vierter Offizieller war er zuletzt bei der Bundesligapartie VfB Stuttgart - FC Bayern München eingesetzt.
Auch wenn Winter in Darmstadt fünfmal Gelb zückte und Patrick Herrmann in der 74. Minute mit Gelb-Rot vom Platz stellte: Winter ist kein „Kartenspieler“ auf dem Feld. Auf dem Rasen agiert er meist unauffällig. In den 50 vorangegangen Partien zog er zweimal die Rote Karte. Dies liegt deutlich unter dem Gesamtschnitt seiner Kollegen. Winter erklärt: „Ich kann natürlich nicht die Regeln beugen. Aber ich spreche viel mit den Spielern, so baut man eine Beziehung auf. Es soll ja das Spiel und nicht der Schiedsrichter im Mittelpunkt stehen.“
Bald in der Bundesliga?
Wegen seiner guten Bewertungen und Leistungskonstanz sehen ihn viele bald in der Bundesliga. „Wenn es dazu kommt, freue ich mich natürlich. Doch ich bin mit meiner Situation zufrieden. Ich hatte den Profibereich schon früh als Ziel, dies habe ich erreicht“, sagt Winter.
Begonnen zu pfeifen hatte er mit 14 Jahren für den SV Hagenbach. Für ihn agiert er bis heute. Winter hatte als Jugendlicher einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und mit dem verstorbenen Otto Rassenfoß (Hatzenbühl) einen Mentor. Der hat ihm geraten, dass er mit dem Fußballspielen aufhören solle. Winter spielte bis zur C-Jugend beim SVH im Mittelfeld.
Eigenen Athletiktrainer
Die Schiedsrichter-Laufbahn verlief rasant: 2009 Landesliga, 2011 Verbandsliga. 2014 gelang der größte Sprung. Winter wurde direkt von der B-Junioren-Bundesliga als Referee in die Regionalliga und als Assistent in die 3. Liga befördert. Ein Höhepunkt war für ihn die Leitung des Benefizspiels 1. FC Kaiserslautern - FC Bayern München im Mai 2019 vor 40.000 Zuschauern auf dem Betzenberg. Kurz darauf kam der Anruf von Lutz Michael Fröhlich, dass er in die Zweite Liga aufgestiegen ist.
Seit vier Jahren leitet Winter nun Partien der 3. und seit 2019 der 2. Liga. Auch in der Coronazeit wird ihm nicht langweilig, der bezahlte Fußball geht ja weiter. Auf dem Programm: die Vor- und Nachbereitung der Spiele, Videokonferenzen mit allen Referees und Online-Lehrgänge zu aktuellen Themen und Spielsituationen. Zu Hause macht er Krafttraining, er hat einen eigenen Athletiktrainer. Laufeinheiten absolviert er auf dem Gelände der Heinrich-Heine-Universität.
Hobby Philosophie
Winter ernährt sich gesund, auf Fleisch verzichtet er. „Unsere Enkel werden unseren Planeten nicht mehr so vorfinden, wie wir ihn vorgefunden haben“, warnt er. Sein Hobby sind philosophische Bücher, sein Lieblingsautor ist Richard David Precht. Der Umgang mit Tieren macht Winter nachdenklich. Er lehnt Massentierhaltung und Versuche an Tieren ab.
Das Leben in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt gefällt ihm. Doch er vermisst die Natur und die Wälder seiner Heimat. „Mittelfristig“, sagt er, „möchte ich meinen Lebensmittelpunkt wieder in die Südpfalz zurückverlegen.“