Kusel Muskelmann als tragischer Leinwandheld
2005. Der Waldmohrer Werner Höh ist als Bodybuilder ganz oben: Mr. Universum. Zum dritten Mal seit 2002. Sieben Jahre später kommt der tiefe Fall: Er ist pleite, muss sein Fitness-Studio schließen, schließlich verlieren er und seine Mutter das Häuschen in Waldmohr. Höh kämpft um seine Existenz und plant auch gleich wieder den Angriff auf Meistertitel. Klingt nach dem Stoff für einen Film? Ist es auch – für einen, der auf wichtigen Festivals begeistert.
Werner Höhs Sohn Stefan und dessen Ehefrau Berta Valin Escofet hatten die Idee, den erfolgreichen Bodybuilder auf die Leinwand zu bringen. Zu Beginn des Jahrtausends hatte der Inhaber des Waldmohrer Studios California jede Menge Titel abgestaubt, war mehrfach Welt- und Europameister sowie Mr. Universum. 2008 hörte er mit dem Leistungssport auf. Bis 2012 betrieb der heute 59-Jährige sein Fitness-Studio, dann musste er das California schließen, ein Insolvenzverfahren wurde eröffnet. Aber Höh trainierte weiter. Und knapp zwei Jahre später plante er sein Comeback auf internationaler Ebene. Das passte Sohn und Schwiegertochter ganz gut. „Ich wollte schon lange einen Film mit Werner machen“, sagt Berta Valin Escofet. Nun nahte das Comeback – und damit hatte die Spanierin das Thema für ihren Abschlussfilm des Studiengangs Dokumentarfilm an der Kölner Kunsthochschule für Medien. Einen Film über Bodybuilding wollten sie und ihr Mann Stefan, der Drehbuch/Dramaturgie an der Filmuniversität Babelsberg studiert hatte, ursprünglich drehen. Doch es kam anders: Während der sechsmonatigen Dreharbeiten im Jahr 2014 wird Werner Höhs Elternhaus in Waldmohr zwangsversteigert, in dem auch seine Mutter lebt. Neben Training, Sportlerdiät und Wettkampfplanung halten Verhandlungen mit der Bank und die Suche nach einer neuen Unterkunft Einzug in den Film. Höh kämpft plötzlich an verschiedenen Fronten – und der Kampf um Titel rückt in den Hintergrund, ist nur noch Beiwerk bei jenem um die eigene Würde. „Die Realität hat uns eingeholt“, beschreibt Escofet den Wandel vom Sportfilm zum Drama. Von den 70 Stunden Rohmaterial, das die beiden Filmemacher in knapp einem halben Jahr eingefangen haben, sind am Ende gut 80 Minuten geblieben. Beim Max-Ophüls-Festival Anfang des Jahres in Saarbrücken besuchten mehr als 200 Zuschauer die Premieren-Vorstellung. „Bei einer so hochrangigen Veranstaltung dabei zu sein, ist ganz wichtig für junge Filmemacher“, sagt Stefan Höh. Mit dabei waren auch sämtliche Protagonisten: Die beiden Hauptrollen neben Bodybuilder Höh fielen dessen Partnerin Nubia Rincón und der über 80-jährigen Mutter Renate zu. „Als der Film in die neue Richtung lief, haben wir schnell gemerkt, welche Kraft die beiden Frauen haben“, berichtet Stefan Höh. „Wir haben sie einfach machen lassen und uns im Hintergrund gehalten.“ Die Dreharbeiten – gerade in den heimischen vier Wänden der Höhs – seien durch das familiäre Vertrauensverhältnis erleichtert worden. „Man denkt ganz schnell nicht mehr an die Kamera“, schildert Nubia Rincón. „Aber wenn ich Werner mal frech angegangen bin, ist mir eingefallen, dass gefilmt wird. Ich dachte mir dann aber, die schneiden das raus...“ – „haben sie nicht, wie man sieht“, sagt der Bodybuilder lachend. Die Filmemacher sind alles andere als traurig darüber, dass das Leben ihnen ein neues Drehbuch geliefert hat. „Wir haben dadurch meinen Vater in allen Facetten: mal dominant, mal kriegt er eine drauf – vom Leben und von der Frau“, sagt Stefan Höh. Escofet ergänzt: „Sein Ehrgeiz beim Haus ist wie sein Ehrgeiz beim Sport. Wir sind froh, genau diesen Ausschnitt seiner Lebensgeschichte eingefangen zu haben.“ Für die beiden war „Mr. Universum“ nach mehreren Kurzfilmen fürs ZDF der erste Leinwandstreifen. Sie sind glücklich über die Reaktionen des Publikums – beim Saarbrücker Festival wie auch im Mai beim renommierten Dokufilmfestival Dok.Fest in München. Waren in Saarbrücken die meisten Zuseher zurechtgekommen mit dem saarpfälzischen Dialekt der Hauptcharaktere, haben in München deutlich mehr Filmfest-Besucher Gebrauch von den Untertiteln im Film gemacht. Die sind englisch – „weil Festivals zumeist international sind“, berichtet Stefan Höh. Dem Dialekt galten denn auch Werner Höhs größte Bedenken. „Und das dann noch in Kombination mit meiner Stimme; ich dachte, das wird furchtbar.“ Ist es aber offenkundig nicht geworden: Nach der Premiere erhielt der dreifache Mr. Universum tatsächlich Anrufe von Casting-Agenturen, hat mittlerweile schon für eine Hauptrolle im Kino vorgesprochen – unterlag aber in der Endauswahl. Nicht schlimm, findet Höh, viel wichtiger ist, dass er den wichtigsten Kampf im Film gewonnen, für sich und seine Familie eine Bleibe in Altenkirchen gefunden hat. Die Filmemacher sind derweil bereits in Gesprächen mit Verleihfirmen und mit Fernsehsendern. „Wir sind schon hochzufrieden, was jetzt noch kommt, ist Bonus“, sagt Stefan Höh. Gelohnt hat sich das Filmprojekt auch aus ganz anderer Sicht schon jetzt für den 38-Jährigen, der bei seiner Mutter in Homburg aufgewachsen ist: „Mein Vater und ich stehen uns näher als je zuvor.“