Althornbach / Brenschelbach Zwei Zeitzeuginnen erinnern sich an das Ende des Zweiten Weltkriegs
Ilse Rauch aus Brenschelbach und Marlène Dorsi aus Baerenthal sind Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs. Zu jener Zeit waren ihre Heimatländer Deutschland und Frankreich verfeindet, heute sind sie Verbündete. Bei Gedenkveranstaltungen zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Althornbach und im lothringischen Baerenthal erinnerten sich die beiden im RHEINPFALZ-Gespräch an die Geschehnisse in den letzten Kriegstagen und über die Zeit danach.
„Das, was einen Krieg ausmacht, sind ja nicht nur die Kämpfe wie am Westwall (...), an der Maginot-Linie. Viele menschliche Verbindungen werden vom Krieg zerrissen und neue Verbindungen entstehen“, sagte Ilse Rauch aus Brenschelbach. Dann wurde ihre Stimme brüchig. Sichtlich bewegt wählte sie ihre Worte und sprach über Krieg und Frieden als etwas Untrennbares. „In meinen Erinnerungen ist sofort der damals 19-jährige Panzerfahrer da, der noch in den letzten Kriegstagen sterben musste. An dem Panzer war eine Kette gerissen und er rutschte eine Böschung hinab.“ Rauch unterbrach ihre Schilderung kurz und rang mit sich. „Der Panzer ist für den jungen Mann zu einer Falle geworden. Mit jedem Einschlag kamen Fliegerbomben näher, bis der Panzer dann getroffen war.“
Noch heute Telefonate mit Mutter des Panzerfahrers
Rauchs Augen wurden groß und traurig. Sie pausierte erneut und fuhr dann mit fester Stimme fort: „Viele Jahre habe ich das Grab des Panzerfahrers gepflegt – immer wieder wurde es ein Ziel von Vandalismus. Meine Mutter hatte Angst um mich, dass ich das Grab überhaupt pflegte. Aber ein Zollkommissar, der regelmäßig einen Schnaps in der Landwirtschaft meiner Eltern trank und bis zum Monatsende anschreiben ließ, beruhigte meine Mutter. Sie hätten alle ein bewachendes Auge auf mich gehabt.“ Noch heute melde sich die 92-jährige Mutter des gefallenen Panzerfahrers regelmäßig telefonisch. Sie lebe im saarländischen Klarenthal.
Die Pflege des Grabs habe für sie nicht nur eine persönliche, sondern auch eine europäische Botschaft, schilderte Rauch: „Es ist ja nicht nur mein Engagement wichtig. Die Zeit nach dem Krieg hat viele Möglichkeiten gebracht, wieder Kontakt zu den Nachbarn in Frankreich zu haben. Dann ging es doch um Versöhnung und gute Bekanntschaften – nicht mehr um Feinde.“
Ein Festessen, das man nicht vergisst
Auch Marlène Dorsi schilderte ihre Erinnerungen, die von starken Gegensätzen geprägt sind. Dazu zählten Momente scheinbarer Normalität – und der absoluten Unberechenbarkeit der letzten Kriegstage: „Weihnachten 1944 war außergewöhnlich. Es waren Feiertage, als ob man den Krieg vergessen hätte. Meine Eltern hatten eine hauseigene Schlachtung. Das war ja hier in der Region üblich. Es war ruhig. An den Feiertagen gab es hier keine Kämpfe. Wir hatten eine herzliche Atmosphäre. Die Stube glänzte. Mit uns saßen US-Soldaten am Tisch.“ Dorsis Mimik wechselte bei dem Satz in ein vorsichtiges Lächeln und ihre Stimme klang kindlich-spitzbübisch: „Hier habe ich zum ersten Mal einen farbigen Afro-Amerikaner – sie nutzte den französischen Begriff Afro-Américain – gesehen.“
Dann wurde ihre Stimme weich und leise. Sie schien die Freude des scheinbar unbeschwerten Weihnachtsfests erneut zu durchleben: „Wissen Sie, wenn man in dieser Zeit so ein Festessen hatte; das vergisst man nicht. Wir hatten an Weihnachten Hasenbraten. Und die Soldaten waren dankbar. Im Austausch gab es sogar Geschenke.“
Die Unerbittlichkeit des Krieges
Folgte man den Schilderungen von Dorsi, schienen Tod und Vertreibung zunächst weit weg zu sein. Doch dann holte die Unerbittlichkeit des Krieges ihre Familie wieder ein. „In der Stube, wo wir dieses besondere Weihnachtsfest feierten, saßen plötzlich deutsche Soldaten. Die Fronten haben so schnell gewechselt und die Amerikaner waren weg. Unser Wohnzimmer war eine Funkstelle.“ In ihrer nun lauten Stimme und im Ausdruck Dorsis Augen schwang Entsetzen mit.
Den 16. März 1945 hob sie immer wieder hervor – der Tag habe die eigentliche Befreiung Baerenthals markiert. Ergriffen berichtete sie von der gespenstig anmutenden Stille; der Friede habe am Anfang wie eine Illusion gewirkt. „Mein Vater ging zuerst aus unserem Schutzraum ins Freie. Da war kein Lärm mehr. Die Stille (...), das war unheimlich. Das war am Anfang wie eine Atmosphäre von Gefahr. Man konnte so schnell gar nicht begreifen, dass der Krieg vorbei war.“
Nach diesem Gespräch gegenüber der RHEINPFALZ fand Dorsi vor allen Gästen von ihren Kindheitserinnerungen zu einer gesamt-europäischen Botschaft und wandte sich dabei gezielt an Jugendliche. „Die wichtigste Botschaft für die Generationen heute ist doch, sich als Europäerin und Europäer zu verstehen – mit allen Staaten gemeinsam. Das ist der Schlüssel zum Frieden. Unsere Welt verändert sich so schnell.“