Hauenstein
Zugreise im Rollstuhl: Familie trifft auf viele Hindernisse
„Man wird immer hin- und hergeschoben, und niemand fühlt sich zuständig.“ So fasst Eva Stöbener-Klein ihre jüngsten Erfahrungen mit der Deutschen Bahn zusammen. Dabei hatte sie alles genau geplant. Aus Erfahrung wusste die Hauensteinerin, dass eine Bahnfahrt mit Umstiegen schwierig werden kann, wenn sie mit ihrem Sohn unterwegs ist. Der Elfjährige ist auf einen Elektrorollstuhl angewiesen – und die Barrierefreiheit bei der Deutschen Bahn noch lange nicht überall gegeben.
Also buchte die Mutter aus Hauenstein nicht nur die Tickets, sondern sprach mit dem Mobilitätsservice der Bahn sämtliche Züge und Bahnhöfe ab, die die Familie passieren wollte. So sollte sichergestellt sein, dass überall ein Mobilitätshelfer zur Verfügung stand, um dem Kind den Ein- und Ausstieg zu ermöglichen. Das sei unter anderem wichtig, weil der Spalt zum Gleis bei älteren Zügen zu groß ist. Der Rollstuhl würde hängenbleiben, erklärt Stöbener-Klein. Der Elektrorollstuhl des Jungen aus Hauenstein wiege etwa 150 Kilogramm. „Den hebt man nicht einfach herum“, meint die Mutter. Zudem informiere der Service für Menschen mit Einschränkungen darüber, an welchen Bahnhöfen Rollstuhlfahrer nicht aussteigen sollen, etwa weil die Aufzüge gerade nicht funktionieren.
Familie kann nicht aussteigen – und muss weiterfahren
Sie hatten einen tollen Ausflug geplant: Mutter und Sohn aus Hauenstein wollten die Buchmesse in Frankfurt besuchen. Früh am Morgen ging es los: Sie nahmen den Zug nach Neustadt um kurz nach 5 Uhr. Doch schon der erste Umstieg klappte nicht reibungslos: Obwohl sie eine Einstiegshilfe angemeldet hatte, tauchte kein Mitarbeiter der zweiten Verbindung auf, um dem Jungen in den neuen Zug zu helfen. Zum Glück, berichtet die Hauensteinerin, eilte ein Mitarbeiter aus dem ersten Zug herbei und brachte seine Rampe mit, sodass der Elfjährige in den Zug nach Mannheim kam. „Diese Hilfsbereitschaft ist ausdrücklich zu loben, zeigt jedoch, dass der vorgesehene Ablauf des Mobilitätsservices an dieser Stelle nicht funktionierte“, sagt Stöbener-Klein.
In Mannheim war auch keine Umstiegshilfe zu sehen – trotz Anmeldung. Mit Handzeichen versuchte Stöbener-Klein auf sich und ihren Sohn aufmerksam zu machen. Ein Zugbegleiter forderte sie stattdessen auf, den Ausstieg frei zu machen, erzählt die Hauensteinerin. Auf ihre Erklärung hin, dass ihr Sohn den Zug ohne Rampe nicht verlassen konnte, wollte der Mitarbeiter mit dem Zugführer sprechen. „Stattdessen schlossen sich unmittelbar darauf die Türen, und der Zug fuhr ab.“ Auf ihre Beschwerde hin sei der Mitarbeiter im Zug unfreundlich geworden.
In Heidelberg habe er ihnen dann doch die Rampe ausgelegt – und den betreffenden Schrank im Zug mit seinem eigenen Schlüssel geöffnet. Warum er das nicht in Mannheim tat, wo die Familie eigentlich aussteigen wollte, bleibt offen. In Stöbener-Kleins Augen stellt sein Verhalten eine Pflichtverletzung dar. Es handelte sich „nicht um ein Versehen, sondern um eine Verweigerung notwendiger Hilfeleistung, wodurch mein Sohn und ich in erheblichem Maße beeinträchtigt und diskriminiert wurden“, wird die Hauensteinerin deutlich.
Mitarbeiter achten nicht auf Rollstuhlklingel
Da die beiden danach nicht mehr auf der mit dem Mobilitätsservice vereinbarten Strecke unterwegs waren, brach die versprochene Hilfe dann endgültig ab: In Frankfurt betätigte Stöbener-Klein zwar die Rollstuhlklingel, aber niemand reagierte. Die Zugführerin habe ihr später erklärt, dass die Mitarbeiter nicht auf dieses Signal achten, weil sie es gewohnt seien, dass viele Kinder aus Spaß die Klingel betätigen. „Eine solche Begründung ist völlig inakzeptabel“, meint Stöbener-Klein. Sie sah sich gezwungen, den Ausstieg mit ihrem Sohn allein zu versuchen. „Der Spalt war an diesem Bahnhof nicht ganz so groß, vielleicht 15 bis 20 Zentimeter.“ Es war trotzdem ein Risiko. Die Hauensteinerin ermahnte ihr Kind, darauf zu achten, dass die Räder gerade stehen, Anlauf zu nehmen und mit Schwung den Übergang zu versuchen. Es klappte.
Deutsche Bahn drückt ihr Bedauern aus
Stöbener-Klein will ihre Odyssee öffentlich machen und fordert eine Entschuldigung der Bahn. Es gehe ihr aber nicht darum, „einzelne Mitarbeitende persönlich zu sanktionieren, sondern strukturelle Verbesserungen zu erreichen, damit Menschen mit Behinderung die Deutsche Bahn künftig verlässlich und diskriminierungsfrei nutzen können“.
Inzwischen hat sich die Deutsche Bahn mit der Familie in Verbindung gesetzt. Eine Pressesprecherin drückte ihr Bedauern darüber aus, dass die Reise für die beiden Hauensteiner „mit derartigen Hindernissen verbunden war“. Man arbeite den Fall intern auf. „Die betriebliche Lage stellt unsere Fahrgäste und Mitarbeitenden aktuell vor besondere Herausforderungen“, erklärt die Sprecherin.
Sie betont: Die Deutsche Bahn „unternimmt große Anstrengungen, um Reisenden mit Mobilitätseinschränkungen eine selbstbestimmte Mobilität zu ermöglichen“. Die Mobilitätsservice-Zentrale wurde vor 25 Jahren geschaffen und sei zentrale Anlaufstelle für viele Fahrgäste. „Im Jahr 2024 hat das Personal in den Bahnhöfen und in den Zügen rund 828.000 Hilfeleistungen durchgeführt. Das sind über 2200 Hilfeleistungen pro Tag.“